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Wissen & Umwelt

Kritik an UN-Krebsstudie zu Fukushima

Der Atomunfall von Fukushima erhöht nach UN-Einschätzung das Krebsrisiko für Kinder. Für Erwachsene sei das Risiko gering. Ärzte, Umweltschützer und Publizisten sprechen von Verharmlosung und Vertuschung.

Nach Einschätzung des Komitees der Vereinten Nationen für die Folgen von Strahlung (UNSCEAR) hat sich das Krebsrisiko für die Bevölkerung in Japan nicht erhöht. Die Strahlung birgt aber Gefahren für eine Gruppe von etwa 1000 Kindern. Das stellt ein Abschlussbericht fest, den UNSCEAR-Experten am Mittwoch (26.3.2014) in Genf vorgestellt haben.

Entscheidend für den glimpflichen Ausgang der Katastrophe war ist nach UN-Angaben die schnelle Evakuierung der Region rund um das havarierte Atomkraftwerk im März 2011 gewesen. "Ohne diese Maßnahme wäre die Dosis für die Bevölkerung zehnfach höher gewesen," sagte der Vorsitzende des UN-Komitees, Wolfgang Weiss, in Wien.

Im Gegensatz zur UN sieht Greenpeace-Nuklearexperte Heinz Smital keinen Grund zur Entwarnung und spricht von Vertuschung. "Die Studie redet die Gefahren klein", sagt der Umweltschützer gegenüber der Deutschen Welle.

So seien die Evakuierungen zum Teil zu spät erfolgt. "Es waren große Freisetzungen der Stufe sieben auf der INES Skala, bevor es gelungen ist die 20 Kilometerzone zu evakuieren. Das wird in dem Bericht völlig ignoriert", betont Smital. Zudem seien auch Gebiete außerhalb eines ursprünglich evakuierten 20 Kilometer-Radius hoch belastet gewesen. Diese Zonen seien erst einen Monat später geräumt worden. "Das ist so lange, dass die Menschen die volle Dosis des radioaktiven Jod 131 abbekommen haben."

Eine Strasse in Fukushima (Foto: EPA)

Greenpeace: Die Evakuierungen erfolgten zu spät. Die Grenzwerte für ein Leben in der Region sind viel zu hoch.

Im Vergleich zu Tschernobyl weniger Gesundheitsschutz ?

Die UN-Experten betonen in ihrem Bericht, dass die Strahlendosis in Japan im Vergleich zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 nur ein Bruchteil betragen habe.

Smital spricht hingegen von Verharmlosung beim Umgang mit den Menschen in Japan und lobt bezüglich der Evakuierung rückwirkend die russische Politik. "Man muss nachträglich ganz deutlich sagen, dass sich die russische Regierung viel strikter an internationale Richtlinien gehalten hat."

So liegt die internationale Norm für eine jährliche Strahlenbelastung für die Normalbevölkerung bei einem Millisievert. Die russischen Behörden haben eine freiwillige Umsiedlung in Regionen mit einer Belastung von einem bis fünf Millisivert durchgeführt. Bei höheren Werten war die Evakuierung obligatorisch und Regionen mit zwölf Millisievert wurden zur Sperrzone.

In Japan hingegen leben Menschen, darunter auch schwangere Frauen und Familien mit Kindern in Gebieten mit einer Strahlenbelastung bis zu 20 Millisievert. Smital zeigt sich empört: "Das ganze wird jetzt legitimiert durch den UN-Bericht, der sagt, es gibt keine gesundheitlichen Folgen."

Ein Messgerät für Strahlungsdosen (Foto: Reuters)

Öffentlich zugängliche und unhabhängige Daten gibt es in Japan kaum

Die internationale Ärzteorganisation zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) sieht die UN-Studie ebenfalls kritisch. "Wie damals nach Tschernobyl werden die Risiken für die Menschen in den kontaminierten Gebieten vertuscht, verharmlost und Verschwiegen", sagt der Düsseldorfer Kinderartz Dr. Alex Rosen, zugleich Mitglied von IPPNW. Die Ärzteorganisationschätzt, dass es in Japan mehrere Zehntausend zusätzliche Krebserkrankungen geben wird.

Kritik an Methodik der Studie

Die UN-Studie errechnet die Krebswahrscheinlichkeit anhand von Strahlendaten, die Tepco und die japanische Atombehörde zur Verfügung stellten. Smital kritisiert dieses Vorgehen: "Das ist eine sehr fragwürdige Methodik und es fehlen die richtigen Daten." So hätten zum Zeitpunkt der radioaktiven Freisetzung Instrumente nicht richtig funktioniert: "Es gab Ausfälle von Messanlagen. Die erzielten Rückschlüsse gehen in Richtung einer verharmlosenden Darstellung,“ so Smital.

Für eine objektivere Bewertung müssten seiner Ansicht nach Daten von Ärzten, Krankenhäusern und Todesfällen systematisch ausgewertet und veröffentlicht werden. Aber diese Daten blieben in Japan unter Verschluss, bedauert er. So gebe es sogar ein diesbezügliches Geheimhaltungsgesetz.

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Von einer Praxis der Verheimlichung spricht auch der japanische Publizist Fukumoto Masao. "Es werden immer wieder Informationen verheimlicht. Die Regierung veröffentlicht nicht alle Daten die sie hat, insbesondere über die Kontamination mit Radioaktivität," sagt Masao. So seien die Messwerte von offiziellen Messpunkten immer niedriger als wenn man sie selbst misst. Er vermutet Manipulationen: "Man möchte so schnell wie möglich wieder Normalität."

Masao sammelte selber Daten zu Lebend- und Totgeburten, sowie zur Säuglingssterblichkeit in den von Strahlung betroffenen Präfekturen. Sein Ergebnis: die Zahl der Frühsterblichkeit bis zum ersten Lebensjahr sei in diesen Präfekturen neun Monate nach der Katastrophe um über fünf Prozent angestiegen. In den am stärksten betroffenen Präfekturen sei die Zahl der Totgeburten nach Angaben von Masao sogar um rund 13 Prozent angestiegen.

Smital zeigt sich besorgt über eine hohe Zahl von Anomalien der Schilddrüsen: "Da müssen wir besorgt sein, was da auf uns zu kommt. Es ist noch zu früh um es zu bewerten. In Tschernobyl gab es den Anfang von Schilddrüsenkrebs erst nach fünf Jahren." Der UN-Bericht bewertet die Lage ganz anders und sieht keine Grund zur Beunruhigung. Zwar seien in der Region um Fukushima bei 40 Prozent der untersuchten Kinder Fälle von Zysten entdeckt worden, das Ergebnis sei jedoch nicht alarmierend. "Dies ist die Folge einer intensiven Untersuchung mit hochempfindlichem Gerät, nicht die Folge zusätzlicher Strahlung durch den Unfall", sagt der UN-Bericht.

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