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Europa

Kritik an päpstlichem Hirtenbrief

Christen innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche haben enttäuscht auf den "Hirtenbrief" des Papstes reagiert. Vertreter von Missbrauchsopfern kritisierten, der Papst lasse zu viele Fragen offen.

Papst Benedikt XVI. (Archivfoto: dpa)

Der Papst schweigt zum Missbrauch in Deutschland

Abgesehen von offiziellen Vertretern der katholischen Kirche zeigten sich am Wochenende viele Gläubige unzufrieden mit dem Hirtenbrief des Papstes. Kritische Reaktionen kamen unter anderem von der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche" in Deutschland. Ihr Sprecher Christian Weisner sagte, der Papst erwähne in seinem Hirtenbrief mit keinem Wort deutsche Opfer sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen der katholischen Kirche. Weil das Schreiben ausschließlich an die irischen Katholiken adressiert sei, entstehe der Eindruck, als sei der Missbrauch von Kindern durch Priester nur ein Problem in Irland. Vielmehr sei dies aber ein globales Problem, meinte Weisner. Es müsse deshalb darauf eine globale Antwort gefunden werden.

Scharfe Worte des Papstes

Kopie der ersten Seite des Hirtenbriefs an die katholische Kirche in Irland(Foto: dpa)

Erste Seite des Hirtenbriefs

Papst Benedikt XVI. hatte sich am Samstag (20.03.2010) in seinem Hirtenbrief erstmals offiziell und mit ungewohnt deutlichen Worten zum sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen Irlands geäußert. Der Papst warf irischen Katholiken und der dortigen Kirchenführung schwere Versäumnisse vor und ordnete eine Untersuchung durch den Vatikan an. Die Opfer sexuellen Missbrauchs bat er um Vergebung. Die Täter forderte er auf, sich auch der weltlichen Rechtsprechung zu unterwerfen. Das Schreiben wurde in englischer und italienischer Sprache veröffentlicht. Es soll in Irland in den Gottesdiensten verlesen werden.

Junge Katholiken fühlen sich übergangen

Auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) übte Kritik an dem Hirtenbrief und bemängelte fehlende Aussagen zur Situation in Deutschland. "Angesichts einer größer werdenden Verunsicherung bei jungen Katholikinnen und Katholiken und deren Eltern hätten wir uns über ein persönliches Wort der Begleitung, der Stärkung und des Zuspruchs gefreut", hieß es in einer in Düsseldorf veröffentlichten Mitteilung von BDKJ-Bundesvorstand Dirk Tänzler.

Die "Initiative Kirche von unten" (IKvu) warf dem Papst vor, in "verbaler Betroffenheit" zu verharren. Benedikt ruhe sich auf der Einzeltäterthese aus. Von den strukturellen Ursachen des Missbrauchs sei keine Rede.

Zollitsch verteidigt Benedikt

Offizielle Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland verteidigten dagegen den Papst. Erzbischof Robert Zollitsch ließ als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn mitteilen, er verstehe das Papier als klare Weisung auch für Deutschland. Es habe "Geltung für die ganze Kirche und ist eindeutig eine Botschaft auch an uns in Deutschland".

Zollitsch und der Papst an einem Tisch im Gespräch (Foto: dpa)

Robert Zollitsch (r.) verteidigt das Oberhaupt der Katholiken

In einem Interview räumte Zollitsch ein, dass in früheren Jahren Fälle sexuellen Missbrauchs bewusst vertuscht worden seien. "Ja, das hat es bei uns gegeben", sagte der Erzbischof in einem Interview mit dem "Focus". Er hob zugleich hervor, sexueller Missbrauch von Minderjährigen sei "über Jahrzehnte in der gesamten Gesellschaft" verschleiert worden. Das sei "nicht ein Problem ausschließlich der katholischen Kirche". Kritisch äußert Zollitsch sich zu einer Anzeigepflicht bei Verdachtsfällen, und er trat außerdem dem Vorwurf entgegen, der Zölibat sei mit eine Ursache für sexuelle Übergriffe.

Der Sonderbeauftragte der deutschen katholischen Kirche zur Aufklärung der Missbrauchsfälle, Bischof Stephan Ackermann, sagte: "Die Entschiedenheit, mit der der Papst die Vorgänge und die Untaten beim Namen nennt und auch Aufklärung erwartet - das ist doch sehr deutlich und das werden wir uns auch entsprechend zu Herzen nehmen." Ackermann geht nach eigenen Angaben nicht davon aus, dass der Papst sich gesondert an die deutschen Katholiken wenden wird.

Enttäuschte Opfer in Irland

Kritik am Papst wurde auch in Irland und in den USA laut. Nach Einschätzung irischer Opferverbände wird sein Schreiben den Erwartungen der Opfer "bei weitem" nicht gerecht. Der Papst habe eine "hervorragende Gelegenheit" verpasst, die "vorsätzliche Politik" anzusprechen, mit der "die Katholische Kirche auf den höchsten Ebenen Sexualstraftäter geschützt und dadurch Kinder gefährdet" habe. Das sagte die Geschäftsführerin des führenden Opferverbandes "One in Four", Maewe Lewis. Es habe außerdem eine Entschuldigung für die "niederträchtige" Art und Weise gefehlt, mit der Missbrauchsopfer zurückgewiesen oder zum Schweigen gebracht worden seien.

Das US-amerikanische Netzwerk der vom Missbrauch durch Priester betroffenen Opfer (SNAP) erklärte, "der Papst bietet Worte an, wenn so dringend Taten gebraucht werden". Eine Häufung von Missbrauchsskandalen hatte die US-Kirche vor knapp zehn Jahren in ihre tiefste Krise geführt.

Justizministerin fordert finanzielle Entschädigung der Opfer

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Archivfoto: ap)

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger will Entschädigung für Opfer

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sprach sich am Wochenende für eine finanzielle Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs aus. Das wolle sie zum Thema eines Runden Tisches der Bundesregierung machen. "Die Entschädigung der Opfer, ganz gleich, ob sie in kirchlichen oder anderen Einrichtungen missbraucht wurden, wird eine zentrale Frage sein." Der Runde Tisch der Regierung soll seine Arbeit am 23. April aufnehmen.

Autor: Martin Schrader (afp/dpa/kna/rtr)

Redaktion: Hajo Felten

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