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Kultur

Kritik an deutscher Protestkultur

Deutsche "Wutbürger" protestieren gegen Bahn-, Straßen- oder Flughafenprojekte. Und torpedieren damit die Zukunft ihrer Kinder. Das zumindest befürchtet Gerhard Matzig in seinem aktuellen Buch.

Cover des Buches Einfach nur dagegen von Gerhard Matzig (Foto: Goldmann Verlag)

Protestieren scheint in Deutschland so in zu sein wie lange nicht mehr und "Wutbürger" wurde 2010 zum "Wort des Jahres" gekürt. Der Journalist Gerhard Matzig sieht in der jüngsten bürgerlichen Unmutswelle allerdings mehr die Gefahr, die Zukunft zu verpassen. Sein Buch "Einfach nur dagegen" ist eine provozierende Schrift über Deutschland, das zur Zeit nur satt, alt und verdrossen sei.

DW-WORLD.DE: Herr Matzig, was macht Sie eigentlich so wütend an den so genannten Wutbürgern?

Gerhard Matzig, Autor des Buches Einfach nur dagegen. Wie wir unseren Kindern die Zukunft verbauen (Foto: Peter von Felbert)

Gerhard Matzig

Gerhard Matzig: Ich bin gar nicht wütend. Das muss ich natürlich von mir weisen, denn Wut ist etwas, das man eher bei kleinen Kindern vermutet oder bei fanatischen Sportfans in der Südkurve irgendwelcher Stadien. Ich bin aber nachdenklich geworden, weil die Wutbürger ihrerseits sehr viel Wut haben. Und Bedenken habe ich deswegen, weil ich glaube, diese Wut ist das Gegenteil von dem was man jetzt bräuchte in Deutschland. Was wir bräuchten ist eher Mut.

Kommt diese Wut eventuell auch daher, dass die Bürger demokratisch gesehen nicht richtig ernst genommen werden?

Die Umfragen und Studien zu den Wutbürgern - die ich mir als Mutbürger wünsche - gehen in der Tat in diese Richtung. Da gibt es eine Unzufriedenheit mit unserer repräsentativen Demokratie, der Intransparenz mancher politisch ökonomischer Entscheidungen, und das führt dann mitunter schon zu Wut. Nur, wenn man sich manche Plakate anschaut, die man bei Stuttgart21-Protesten gegen den Neubau des Bahnhofs sieht, wo die Gegner sich dann mit der arabischen Revolution vergleichen, da fragt man sich natürlich, ob die Maßstäbe noch richtig sind. Auf der einen Seite geht es um Unterdrückung und Tote, und in Stuttgart geht es immer noch nur um einen Bahnhof.

Wie stehen Sie denn eigentlich zur Protestkultur an sich?

Gegner des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 blockieren am 02.11.10 in Stuttgart die Baustelle für das Grundwassermanagment des Bahnprojekts (Foto: dapd)

Demonstration vor dem Stuttgarter Bahnhof

An sich ist mir die Protestkultur sehr sympathisch. Es gab immer wieder aus dem Bürgertum heraus Protestbekundungen, gerade auch in der Nachkriegszeit, daraus sind ja zum Beispiel die Grünen entstanden. Aber es gibt in den Studien auch den Hinweis darauf, dass die, die jetzt sich auch gerne selbst als Wutbürger bezeichnen, vornehmlich ältere gutsituierte Menschen sind. Die haben häufig auch egoistische Interessen, etwa den Schutz der eigenen Immobilie, die nicht an Wert verlieren soll.

Ist es aber bei solchen Projekten wie in Stuttgart21 nicht gerade wichtig, auch einen kritischen Blick drauf zu werfen?

Absolut. Aber in meinem Buch geht es um die psychologische Seite, nicht um die Argumentseite. Ich glaube, dass insgesamt die psychologische Gestimmtheit unseres Landes so gespenstisch ist. Wir sind so sehr gegen Vorhaben, oft auch aus modischen Gründen. Manche der Wutbürger, mit denen ich vor Ort gesprochen habe, wussten gar nicht genau worum es geht. Ein Soziologe in München hat auch von "Eventkultur des Wutbürgertums" gesprochen. Das scheint mir mehr als berechtigt zu sein.

Warum haben die Deutschen Ihrer Meinung nach eigentlich keine Zukunftslust mehr?

Ich hab mich auch lange gefragt bei der Recherche für dieses Buch, warum das so ist, und ich hab dazu nur eine These. Ich glaube, dass die Moderne in Deutschland einen sehr guten Boden im letzten Jahrhundert hatte. Wir sind ein Land der Ingenieure, der Erfindungen, der Patente gewesen mit großer Begeisterung für alles Technische. Aber natürlich gab es auch Schattenseiten der technik und dieser Technikeuphorie. Jetzt leben wir in einer modernen kritischen, auch technikfeindlichen Zeit. Und ich glaube, dass hier das Technik-Pendel gerade besonders stark zurück schwingt.

Teilnehmer einer Demonstration gegen eine Ausweitung der staatlichen Datenüberwachung tragen am 10.09.11 in Berlin weisse Masken über ihren Augenpartien (Foto: dapd)

Protest, Event, Party? Demonstranten gegen staatliche Datenüberwachung in Berlin

Also Sie sind der Meinung, dass die Deutschen bei technischen Neuerungen lieber auf die negativen Seiten blicken als auf die positiven?

In Deutschland wird derartig gejammert, das ist eigentlich unfassbar. Denn im globalen Verhältnis betrachtet, müsste man froh und dankbar sein, hier leben zu dürfen. Es gibt überall auf der Welt Menschen, die gerade Deutsch lernen, weil sie glauben, hier ist das Paradies. Aber fragen Sie einen Deutschen, dann sagt er ihnen, er habe das Gefühl in Tunis zu leben. Euphorie und Zukunftslust ist eigentlich das Wichtigste, und was wir erleben, ist das genaue Gegenteil: eine völlige, unberechtigte, Zukunftsverdrossenheit.

Wie muss sich denn die derzeitige Protestkultur weiterentwickeln oder auch verändern?

Ich glaube, die Protestkultur muss mal wieder von ihrer Selbstzufriedenheit runterkommen. Man muss auch sehen, dass einige Wutbürger nicht für eine bessere Zukunft kämpfen, sondern um den Wert ihres Grundstücks. Wenn man das mal als Wahrheit betrachtet, dann sollte man sich das eingestehen, und dort zurückkehren, wo eben der Protest wieder sachlich wird und wo es um den Austausch von Argumenten geht.

Das Gespräch führte Klaus Gehrke

Redaktion: Marlis Schaum

Gerhard Matzig: Einfach nur dagegen: Wie wir unseren Kindern die Zukunft verbauen. Goldmann Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-442-31273-3, 17,99 Euro.