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Kultur

Kritik am Vatikan in Italien zurzeit unerwünscht

Der Tod des Papstes scheint Italien in Trauer vereint zu haben, zumindest im Fernsehen. Doch kritische Stimmen zum Vatikan gibt es zuhauf - hinter der Fassade. Die Masse will sie in diesen Tagen nur nicht hören.

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Santarelli Porträtfoto Mitglied in der radikal-kommunistischen Partei Rifondazione Comunista in Italien

Giuseppe Santarelli von der kommunistischen Partei Italiens

Giuseppe Santarelli hat gespaltene Gefühle. Seit 40 Jahren ist der 63-jährige ein leidenschaftlicher politischer Aktivist – bis 1990 für die größte kommunistische Partei Europas, die PCI, nach deren Auflösung für die radikal-kommunistische Abspaltung "Rifondazione Comunista". Im traditionsreichen römischen Arbeiterviertel San Lorenzo hat Rifondazione bei den vergangenen Parlamentswahlen 15 Prozent der Stimmen geholt. "Ich bin Atheist, doch ich teile viele christliche Werte", sagt der Techniker und Vater zweier ungetaufter Töchter. Viele seiner Parteigenossen seien hingegen gläubige Katholiken. "Das ist kein Rollenkonflikt. Viele Kommunisten haben sich früher ihres Glaubens geschämt, heute ist das anders."

Auch sein Parteifreund Nichi Vendola, der frisch gewählte Präsident der süditalienischen Region Apulien, ist Kommunist, homosexuell und praktizierender Katholik. "Die Rolle des Papstes wird in meiner Partei jedoch mehrheitlich negativ bewertet, vor allem seine sturen Haltung zur Sexualmoral", betont Santarelli. "Trotzdem", räumt er ein, "habe ich den Papst in seiner Rolle als Pazifist und in seinem Kampf gegen die Exzesse des Kapitalismus respektiert".

typische Arbeiterwohnung in San Lorenzo, Rom

typische Arbeiterwohnung im Viertel San Lorenzo, Rom

Einseitige Berichterstattung

Die Trauer um den Papst scheint ansteckend zu sein. Hundertausende pilgern in diesen Tagen zum Petersplatz. Drei Millionen werden zur Beerdigung erwartet. Menschen, die es sonst selten in die Kirche zieht, reiben sich die roten Augen, blicken andächtig zu den Papstgemächern und beten – viele zum ersten Mal seit Jahren. Das Fernsehen berichtet rund um die Uhr. Sondersendungen zeigen die gleichen Bilder wieder und wieder.

Doch viele Italiener lehnen den Medientrubel ab. "In Italien gibt es eine klare verfassungsrechtliche Trennung von Staat und Kirche. Diese Berichterstattung errinnert an das Fernsehen eines religiösen Regimes", beklagt sich Gina Siddu-Pilia, Italienisch-Dozentin an der Amerikanischen Universität Rom.

Kritik stößt auf Unverständnis

Umberto Galimberti Philosoph Porträtfoto

Umberto Galimberti, italienischer Philosoph

Im Klima leidenschaftlicher Huldigung sind kritische Töne jedoch unbeliebt. Umberto Galimberti, streitbarer Universitäts-Professor und populärer Buchautor, wagt trotzdem ein kritisches Resumee des Pontifikates: "Seine starren Haltungen gegenüber der Themen Homosexualität, Geburtenkontrolle, Abtreibung und AIDS haben Konflikte verschärft und Lösungen verhindert", erklärte der Philosoph mutig in einer Talkshow und entrüstete damit das Podium. "Die Leute investieren heutzutage emotional lieber in einen Medienstar als in einen Menschen aus ihrer Nähe", sagt Galimberti im Interview mit DW-WORLD.

Schwule fühlen sich isoliert

Sergio Lo Giudice, Präsident der Vereinigung der Homomosexuellen Arcigay in Italien Fotografin: Nina Rothenberg

Sergio Lo Giudice, Präsident der Vereinigung der Homomosexuellen Arcigay in Italien

"Homosexuelle sind durch die traditionalistischen Haltungen Johannes Pauls II aus der italienischen Gesellschaft ausgeschlossen worden", behauptet Sergio Lo Giudice, Präsident der Vereinigung der Homosexuellen Arcigay (siehe auch ausführliches Interview unten). "Das Leben vieler Homosexueller ist deshalb immer noch von einem starken kulturellen Unbehagen geprägt." Der Papst hatte Homosexualität stets als Todsünde definiert. Vom Beileids-Ritus fühlen sie sich deshalb ausgeschlossen. Auch die italienischen Medien zeigen in diesen Tagen keinerlei Interesse an ihrer Meinung. "Außer ein paar Lokalzeitungen hat mich niemand um ein Interview gebeten", sagt Lo Giudice. Auch die schüchterne Politik des Vereins, der noch nicht einmal das Recht zur Ehe einfordert und sich darin von ähnlichen deutschen und englischen Verbänden unterscheidet, sei Ausdruck dieser Isolation. "Wir müssen einfach die kulturellen Grenzen Italiens in unsere Politik mit einkalkulieren. Für diese Grenzen ist die Kirche mitverantwortlich."

Lesen Sie im zweiten Teil, was Frauengruppen über den toten Papst denken und warum in den Augen mancher Kritiker die katholische Kirche Italien mehr geschadet als genützt hat.

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