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Europa

Krisensicheres Gewerbe im "Hotel Orient"

Nach Rekordbesucherzahlen im Jahr 2008, fürchten Wiener Hoteliers und Kaffeehausbesitzer in diesem Jahr den Abschwung. Nicht so das "Hotel Orient". Hier kommen die Gäste regelmäßig - und im Stundentakt.

Ein rotes Schild hängt an der Türklinke: Bitte nicht stören (Foto: picture-alliance/dpa)

Diskretion ist die Hauptsache im "Hotel Orient"

Wien, Tiefer Graben, im ersten Bezirk: Ein elegantes Pärchen Mitte 40 - er trägt Anzug und eine Aktentasche, sie hochtoupierte Haare und große Ohrringe - schlendert die Straße entlang und steuert zielstrebig die Hausnummer 30 an. Das "Hotel Orient".

Reservierung für "Goldständer"

Blick auf die Hofburg in Wien (Foto: Arnulf Boettcher)

Wien will trotz Krise Touristen locken

An der Rezeption bekommt das Pärchen einen Schlüssel und verschwindet nach oben - ohne sich anzumelden. Währenddessen nimmt Irene Holzschuh Reservierungen entgegen. Die lauten mal auf den Namen "Goldständer", mal auf "Sonnenblume". Den Pass legt an der Rezeption niemand vor. Seit 28 Jahren ist Irene Holzschuh hier die "Dame der Nacht", wie sie es nennt. Diskretion ist ihre wichtigste Tugend. Hier, im "Hotel Orient", wollten und würden die Gäste aber ungesehen bleiben.

Chanson-Musik plätschert aus den Boxen in der Eingangshalle. Auf der schweren Tapete sind rote Rosen, an der Wand alte Gemälde im Goldrahmen, an der Decke ein großer Kristalllüster. Auch wenn das Wiener Gastgewerbe über die Wirtschaftskrise klagt, und jetzt sogar eine Werbekampagne für immerhin 1,5 Millionen Euro Touristen aus dem Ausland anlocken soll - im "Orient" läuft das Geschäft: "Egal, ob das nun für liebende Ehepaare ist, die ihr zehntes Jubiläum hier feiern möchten oder ob es für die Bürobekanntschaften ist, die in der Mittagspause kurz vorbeischauen" - sie kommen alle ins "Orient", erzählt Hotelchef Heinz Rüdiger Schimanko und lächelt.

Krisensicher im Stundentakt

Aus einem Bett ragen vier Füße - zwei Männer- und zwei Frauenfüße (Foto: Illuscope)

Ein diskreter Ort für ein paar schöne Stunden

Wenn diese Wände erzählen könnten, wäre Wien mit Sicherheit um einige Skandal-Geschichten reicher. Vor drei Jahrzehnten übernahm Schimankos Vater das "Orient" und änderte das Hotel-Konzept. Fortan konnte man die Zimmer stundenweise mieten. Seitdem läuft das Geschäft krisensicher, im Stundentakt, rund um die Uhr.

"Zur Zeit meines Vaters war es definitiv mehr die gehobenere Mittelklasse", weiß Schimanko, "ich habe es mittlerweile aber Gott sei Dank bewerkstelligen können, dass die Zusammensetzung des Publikums heute durchmischt ist".

Schäferstündchen für alle - nur professionelle Beischläfer sucht man vergeblich. Die Zimmerpreise sind zu hoch: Zwischen 57 und 85 Euro für zwei Personen und drei Stunden kosten die Suiten. Dass die Vermietung floriert, dafür sorgt nicht zuletzt das historische Ambiente. 1896 wurde das Hotel eröffnet und die plüschige Pracht des Fin de Siecle lockte schon immer Schriftsteller und Regisseure an. Große Teile des Filmklassikers "Der Dritte Mann" von Carol Reed wurden im Hotel gedreht: an der Bar, in der Lobby, im Stiegenhaus oder auch in der "Kaisersuite".

Kultur und Koitus

Udo Lindenberg singt auf einer Bühne (Foto: AP)

Ein berühmter Gast im "Hotel Orient": Udo Lindenberg

"Keiner kennt es, alle kommen" - so spottet der Wiener Volksmund über das Traditions-Hotel für das gepflegte Schäferstündchen zwischendurch. Die Wahl der Suite ist - gesetzt den Fall, das Zimmer ist nicht bereits gebucht - frei: Von der "Kaiser-Suite" über "Mona Lisa" oder "Rosso-Rosso". Wer es exotisch mag, bucht die Suite "Afrika" mit Muschelschmuck und afrikanischen Masken an der Wand, mit Stühlen, dem schweren Tisch und dem großen Bett aus massivem, dunklen Holz.

"Es gibt hier kein Zimmer, was einem anderen gleicht oder auch nur ähnelt", erzählt Schimanko stolz. Von Ethno über Kitsch bis Klassik - 20 Zimmer umfasst das "Orient". Es sei eine gute Mischung, wo für jeden etwas dabei sei, sagt Schimanko. Ab und zu bittet der Chef selbst in die "Kaisersuite" - zur Theateraufführung. Das Konzept gehe auf, sagt der Hotelier: Kultur und Koitus.

Auch der Musiker Udo Lindenberg war hier bereits zu Gast. "Er hat bis heute einen Schlüssel für die Kaisersuite, den er mal von meinem Vater geschenkt bekommen hat", erzählt Schimanko. Für den deutschen Altrocker ist dann auch immer ein Plätzchen frei - im Wiener Haus der Höhepunkte.



Autor: Erni von Aster

Redaktion: Mareike Röwekamp

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