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Kultur

Krisenfeste Klassiker auf deutschen Bühnen

Von Shakespeare bis Jelinek - die Stücke der Saison setzen auf Krisenbewältigung. Das deutschsprachige Theater beschäftigt sich mit der Gesellschaft in stürmischen Zeiten. Dabei helfen viele neue Köpfe.

Szene aus 'Die Kontrakte des Kaufmanns' von Elfriede Jelinek (Foto: David Baltzer)

Szene aus "Die Kontrakte des Kaufmanns" von Elfriede Jelinek

In diesen Wochen beginnt die neue Theatersaison. Sie wird geprägt von vielen neuen Intendanten an großen Häusern. Ulrich Khuon beginnt am Deutschen Theater in Berlin, Joachim Lux am Hamburger Thalia Theater und Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater. Aber auch die Bühnen in Frankfurt, Hannover, Dresden und Dessau bekommen eine neue Leitung. Und das waren längst nicht alle. Es herrscht also Bewegung. So scheint es zumindest. Doch beim ersten Blick auf die Spielpläne fällt zunächst die Rückkehr eines Klassikers auf: "König Lear" von William Shakespeare.

Die Zerbrechlichkeit der Mächtigen

Szenenfoto aus 'König Lear' in Dresden (Foto: dpa)

Shakespeares "König Lear"

Lear irrt dem Wahnsinn verfallen durch Sturm und Gewitter. Wie oft bei Shakespeare toben die Naturgewalten, wenn die gesellschaftliche Ordnung der Menschen zerstört wird. Lear hat sein Königreich unter seinen Töchtern aufgeteilt, genauer gesagt unter den beiden, die ihn mit falschen Schmeicheleien geblendet haben. Die einzige, die ihn wahrhaftig liebt, hat er verstoßen. Nun ist seine Macht dahin, Willkür und Terror herrschen in England. Allein in Nordrhein-Westfalen steht "König Lear" in der beginnenden Saison vier Mal auf den Spielplänen: in Köln, Bochum, Moers und Wuppertal. Wie sonst nur im "Macbeth" erzählt Shakespeare von einer selbst verursachten Krise, die zur Erschütterung einer ganzen Gesellschaftsform führt. Er zeigt, wie zerbrechlich die Mächtigen sind, wenn sie nur einen einzigen Fehler begehen. Parallelen zu Wirtschaftsbossen, die gerade noch Könige der Bilanzen waren und nun um staatlich abgesicherte Überbrückungskredite betteln, liegen auf der Hand.

Der Kleinmut der Gegenwartsdramatiker

Schön, dass einige Klassiker noch so viel über die Gegenwart aussagen. Denn das politische Drama ist bei den vielen Uraufführungen der vergangenen Jahre kaum vertreten. Deutsche Theaterautoren beschäftigen sich zwar inzwischen nicht mehr nur mit Familienproblemen. Doch fast allen neuen Stücken fehlt der Mut zur universalen Aussage, verpackt in eine spannende Geschichte. Vielleicht wird das Stück "Öl" von Lukas Bärfuss eine Ausnahme sein. Mitte September ist die Uraufführung in Berlin. Aber seine Kollegen verharren meist im Kleinen, beschreiben halbdokumentarisch Probleme in einer bestimmten Stadt, was ja auch gut und richtig ist, aber häufig nicht nachgespielt werden kann, wenn der lokale Bezug fehlt.

Abrechnung mit dem Kapitalismus

Elfriede Jelinek (Foto: AP)

Autorin Elfriede Jelinek

Ein Renner der Saison ist Elfriede Jelineks in Köln uraufgeführtes Stück "Die Kontrakte des Kaufmanns". Auch sie ist zwar von einem konkreten Wirtschaftsskandal in Wien ausgegangen, aber bei ihr wird daraus eine Abrechnung mit dem Kapitalismus allgemein. In ihrem typischen Stil wütet Elfriede Jelinek in manisch anmutenden Wiederholungen und wortgewaltiger Wucht gegen ein unmenschliches System. Um Jelineks ungekürzt vielleicht sechs, sieben Stunden langen Text auf die Bühne zu kriegen, braucht man einen beherzten Zugriff der Regie und erstklassige Schauspieler. Wie das an den vielen mittleren Theatern klappen wird, die das Stück zeigen werden, gehört zu den interessantesten Aspekten dieser Saison.

Romane und Filme als Theaterstoffe

Romanbearbeitungen haben weiterhin Konjunktur. Auch das ist ein Indiz dafür, dass die Theatermacher in der zeitgenössischen Dramatik die großen Stoffe vermissen. Das Deutsche Theater Berlin eröffnet mit Joseph Conrads "Herz der Finsternis". Für Düsseldorf hat John von Düffel Émile Zolas Börsenroman "Das Geld" bearbeitet. Frankfurt zeigt Paul Austers "Herz aus Glas" und sogar "Vom Winde verweht" nach Margaret Mitchell. Es gibt kaum einen Prosastoff, vor dem die Adaptionsfreaks noch zurückschrecken. Das gilt auch weiterhin für Filme: Ernst Lubitschs Widerstandskomödie "Sein oder Nichtsein" aus dem von den Nazis besetzten Polen steht ebenfalls oft auf den Plänen.

Starregisseure arbeiten im Akkord

Luk Perceval (Foto: DW-TV)

Luk Perceval

Möglichst viele Erfolge wollen natürlich die an vielen großen Häusern beginnenden neuen Intendanten produzieren. Deshalb gibt es im September und Oktober eine Flut von Premieren, die von den gerade am meisten angesagten Regisseuren inszeniert werden. Andreas Kriegenburg, Stefan Pucher, Luk Perceval, Stephan Kimmig, Michael Thalheimer, auch der junge David Bösch, der in Wien und Berlin dabei ist, produzieren gerade im Akkord. Da wirkt es ebenso überraschend wie angenehm, dass zumindest in Hannover, Dresden und Zürich auch mal andere Handschriften zu sehen sein werden. Es könnte aber auch eine Notlösung sein, weil der Markt der prominenten Regisseure gerade ziemlich leergefegt ist. Wenn sich die Hektik der Neuanfänge gelegt hat, wird es darauf ankommen, welches Theater überzeugende Auseinandersetzungen mit der gesellschaftlichen Umbruchsituation findet. Denn wenn sich schon die Politiker im Wahlkampf nicht mit den wichtigen Fragen beschäftigen, müssen es die Bühnen tun.

Autor: Stefan Keim
Redaktion: Gudrun Stegen