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Sport

"Krise? Was ist eine Krise?"

Stündlich werden neue Vorwürfe gegen die Exekutivmitglieder des Weltfußballverbandes publik. Der Skandal könnte die FIFA endlich zwingen, notwendige Reformen durchzuführen.

Eine Hand hält eine rote Karte hoch (Foto: dpa)

Wer zeigt der FIFA die Rote Karte?

FIFA-Logo

"Für das Spiel. Für die Welt." Das ist das der Slogan des Weltfußballverbandes FIFA. Ein Motto, das die Öffentlichkeit nur zu gerne glauben mag, damit sie weiterhin an der Faszination Fußball teilhaben kann. Korruptions- und Bestechungsvorwürfe gibt es schon seit Jahrzehnten, doch haben sie bisher nie für einen großen Aufschrei gesorgt.

Doch spätestens seit den Entwicklungen in den vergangenen Tagen muss nun auch dem Letzten klar sein, dass es den FIFA-Verantwortlichen weder um Fußball geht, noch darum, die Welt zu verbessern. Im Gegenteil. Es geht um die eigenen Interessen. Um Geld. Und um Macht. Doch keiner traut sich (bisher), dem Präsidenten Joseph Blatter und den Exekutivmitgliedern die Rote Karte zu zeigen. Denn die Beteiligten sind selbst in irgendeiner Weise in einen kleineren oder größeren Skandal verwickelt und haben es bisher immer geschafft, alles unter den Rasen zu kehren.

FIFA-Vize kündigt "Fußball-Tsnunami" an

Jack Warner (Foto: picture-alliance/dpa)

Jack Warner hat einiges zu sagen

Die Hoffnung ist nun, dass bei dem größten Skandal der 107-jährigen Geschichte der FIFA der Druck der Öffentlichkeit endlich doch so groß ist, dass einer auspackt. Oder dass sich jemand so tief gekränkt fühlt, dass er seine unlautere Praktiken zugibt, um einen anderen noch mehr zu belasten.

Dieser eine könnte FIFA-Vize Jack Warner sein, der einen "Fußball-Tsunami" angekündigt hat. So behauptet das am Sonntag (29.05.2011) vorläufig suspendierte Mitglied, Präsident Joseph Blatter habe Warners Verband (CONCAF, Verband der nord- und zentralamerikanischen sowie karibischen Staaten) im Mai "eine Spende von einer Million Dollar (umgerechnet knapp 700.000 Euro) zur freien Verwendung" überreicht. Zudem hat Warner bereits eine E-mail von Jérôme Valcke vorgelegt, in der der FIFA-Generalsekretär andeutet, dass Katar die Fußball-WM 2022 gekauft haben könnte.

Endlich Beweise?

Nach Informationen des Sport-Informations-Dienstes (SID) soll nun am Dienstag (31.05.2011) in einem Züricher Hotel eine mit Spannung erwartete Pressekonferenz stattfinden, auf der vier der insgesamt 24 Exekutivmitglieder beschuldigt werden sollen, für die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar insgesamt 20 Millionen Dollar an Bestechungsgeldern kassiert zu haben.

Bei den Beschuldigten soll es sich um den Senior-Vizepräsidenten Julio Grondona aus Argentinien, den Vizepräsidenten Issa Hayatou (Kamerun) und die beiden Mitglieder Nicolas Leoz aus Paraguay und Rafael Salguero (Guatemala) handeln. Zudem sollen Dokumente und Bankkonten veröffentlich werden, die die Geldflüsse beweisen sollen.

Joseph Blatter bei der Pressekonferenz in Zürich (Foto: picture-alliance/dpa)

Geriet ganz schön ins Schwitzen: Sepp Blatter

Dass der Präsident sichtlich nervös ist, war ihm auf der Pressekonferenz am Montag deutlich anzumerken. "Krise? Was ist eine Krise?", fragte Blatter, weigerte sich, weitere Fragen der Journalisten zu beantworten und stürmte von der Bühne. Sollte nur einer dieser Korruptionsfälle tatsächlich öffentlich gemacht werden, wäre dies eine große Chance, die FIFA zu reformieren: So müsste sich der Verband von seinen vielen korrupten Mitgliedern befreien und transparenter arbeiten. Ob tatsächlich einzelnen FIFA-Mitgliedern Verstöße gegen den Ehrenkodex nachzuweisen sind und diese dann strafrechtlich belangt werden könnten, ist indes fraglich.

Deal mit ISL

Denn es hat schon einige Versuche in der Vergangenheit gegeben, FIFA-Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen - bisher sind sie immer gescheitert. Als markantestes Beispiel gilt immer noch der Deal mit der damaligen Sportrechte-Agentur ISL, die überraschend den Zuschlag für die Fernseh- und Vermarktungsrechte der Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 erhielt. Seit vielen Jahren sind die Vorwürfe bekannt, dass zwischen 1989 und 2001 mehrere Millionen Dollar an einzelne FIFA-Mitglieder geflossen seien, um den Deal zu ermöglichen. Doch auch da ist die FIFA zur Tagesordnung übergegangen, hat die internen Ermittlungen zu ISL im Vorjahr stillschweigend abgeschlossen. Blatter selbst wurde "von jeglichem Fehlverhalten freigesprochen". Wie auch jetzt, als die Ethikkommission des Verbands gegen Blatter an diesem Wochenende innerhalb von nur zwei Tage ermittelte und ihren Präsidenten im Schnellverfahren von allen Vorwürfen entlastete.

Sonnenkönig Blatter

FIFA-Zentrale in Zürich (Foto: picture-alliance/dpa)

Feudal: FIFA-Zentrale in Zürich

Es scheint, dass dem FIFA-Präsidenten keiner was anhaben kann oder will. Womöglich deshalb, weil der 75-Jährige eine Macht hat wie kaum ein anderer Mensch auf der Welt. Denn er herrscht über die beliebteste Sportart der Welt: Fußball. Weltweit spielen aktiv über 270 Millionen Menschen Fußball, die Zahl der Fans ist noch viel größer. So haben beispielsweise über 700 Millionen Menschen das WM-Finale 2010 zwischen Spanien und den Niederlanden vor dem Fernseher verfolgt. Blatter steht als Boss der weltweit größten Sportorganisation 208 nationalen Verbänden vor. Das sind 16 Mitgliedsländer mehr als die Vereinten Nationen vorzuweisen haben. Kein Wunder, dass der Schweizer von Premierministern, Kanzlern, Königen und Diktatoren gleichermaßen hofiert wird.

Gemein(nützig)

Zudem ist die FIFA als nichtprofitorientierte Organisation schwer zu belangen. Doch auch diesen Status sollte die Öffentlichkeit in Frage stellen. Denn noch nie hat die FIFA so viel Geld verdient wie im letzten Jahr mit der WM 2010 in Südafrika. Die FIFA kassierte 2,35 Milliarden Franken (etwa 1,93 Milliarden Euro) ein - 20 Prozent mehr als vier Jahre zuvor in Deutschland. Dabei hat die FIFA in Südafrika durchgedrückt, dass sie ihre Gewinne nicht versteuern muss, während das Gastgeberland ein Finanzloch von drei Milliarden Franken (knapp 2,5 Milliarden Euro) stopfen muss. Als gemeinnützige Organisation bezahlt die FIFA auch an ihrem Hauptsitz in der Schweiz keine Steuern.

Heuchlerisch

Dass die FIFA nicht das allgemeine Wohl fördert, ist offensichtlich. Die so gern von dem Weltverband ins Rampenlicht gerückten sozialen Entwicklungsprojekte machen laut dem Schweizerischen Arbeitshilfswerk nicht einmal 150 Millionen Franken (rund 123 Millionen Euro) aus. Gleichzeit gönnen sich Sepp Blatter und die oberen FIFA-Manager einen Bonus von 50 Millionen Franken (rund 41 Millionen Euro). Die FIFA schreibt selbst auf ihrer Homepage, dass sie wie der Fußball Vorbild sein will, indem sie Fairplay, Toleranz, Sportgeist und Transparenz vorlebt. Doch diese selbstauferlegte Verpflichtung ist genau so scheinheilig wie ihr Slogan.

Autorin: Sarah Faupel
Redaktion: Frank Wörner

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