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Wirtschaft

Krise und vergessene Arbeiterkultur

Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit. Ein gesetzlicher und damit bezahlter Feiertag. Eigentlich sollten Arbeitnehmer gerade in Krisenzeiten wie diesen Geschlossenheit demonstrieren. Doch viele verlassen ihre Gewerkschaft.

Teilnehmer der Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) demonstrieren (Foto: AP)

Der Tag der Arbeit ist auch der Tag der Gewerkschaften

Der erste Mai als Tag der Arbeit ist in Deutschland ein gesetzlicher und somit auch bezahlter Feiertag. Eine Errungenschaft, die Arbeitnehmer bis heute schätzen. Im Bewusstsein der Beschäftigten jedoch hat dieser Feiertag seit langem an Bedeutung eingebüßt. Die Teilnahme an den Maikundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes fiel immer spärlicher aus. Der Sozialhistoriker Professor Klaus Tenfelde resümiert nüchtern, dass die ehemals tief verankerte Arbeiterkultur, für die dieses Fest einer der Höhepunkte im Jahresablauf war, erodiert und beinahe verschwunden ist.

Verändertes Bewusstsein

In der arbeitsteiligen Gesellschaft hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte auch das Selbstverständnis der Arbeitnehmer verändert. Der Facharbeiter etwa, merkt Sozialhistoriker Tenfelde an, sei eigentlich immer der Träger der 1. Mai-Bewegung gewesen. Doch inzwischen fühle er sich der Mittelschicht zugehörig. Allerdings bleibt in Zeiten der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise auch der Mittelstand nicht von Kurzarbeit und massivem Arbeitsplatzabbau verschont. Insofern müssten nach Ansicht von Sozialhistoriker Tenfelde die Gewerkschaften alles daran setzen, die Fährnisse gerade des laufenden und des letzten Jahres in aller Deutlichkeit in die Arbeitnehmerohren zu tragen. Und er führt weiter aus: "Denn gerade im konjunkturellen Abschwung sind ja die Arbeitsplätze bedroht. Und die Demonstration des Arbeiterwillens am 1. Mai wäre genau dann eine angemessene Form der Willensartikulation."

Mitgliederzahlen sinken

Facharbeiter an Maschinen (Foto: DW)

Viele Arbeiter sagen den Gewerkschaften ade

Doch trotz der Wirtschaftskrise erleben die Gewerkschaften in Deutschland keine neue Beitrittswelle. 1991 verzeichnete der Deutsche Gewerkschaftsbund, der DGB, mit rund zwölf Millionen den höchsten Mitgliederbestand in der Geschichte der Bundesrepublik. In den Jahren danach jedoch mussten die Einzelgewerkschaften einen immensen Aderlass verkraften. Immer mehr kehrten ihren Gewerkschaften den Rücken, so dass sich der Mitgliederbestand bis heute fast halbiert hat. So weist die Statistik des DGB, die auch Angestellte und Beamte umfasst, für das vergangene Jahr, nur noch knapp 6,4 Millionen Mitglieder aus.

Mit gut 2,3 Millionen Mitgliedern liegt die IG Metall unter dem Dach des DGB an der Spitze, dicht gefolgt von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di mit etwa 2,2 Millionen. Auf den ersten Blick beeindruckende Zahlen. Doch letztlich sind in der Bundesrepublik nicht einmal mehr 18 Prozent aller Beschäftigten in einer Gewerkschaft organisiert. Dabei hatte man beim DGB in den beiden letzten Jahren einen Silberstreif am Horizont erblickt, konnte man doch den Bestand an aktiven Arbeitnehmern wieder steigern. Jetzt aber, im Zuge der Wirtschaftskrise, befürchtet man einen neuerlichen Mitgliederschwund und damit auch eine Schwächung der Finanzen. Denn Wirtschaftskrisen, weiß man beim DGB aus Erfahrung, gehen einher mit Austritten. Wenn das Geld knapp wird, dann werde auch am Gewerkschaftsbeitrag gespart.

Löcher in den Gewerkschaftskassen

Eine Erscheinung, die Professor Klaus Tenfelde bestätigt. In Krisenzeiten, stellt er fest, reagieren die Mitglieder gewissermaßen kontraproduktiv. Gerade dann, wenn sie gewerkschaftlichen Schutz am meisten benötigen würden, wenden sie sich von den Gewerkschaften ab. Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Gewerkschaften kosteten schließlich auch Beiträge, und das solle man nicht unterschätzen.

Fahne der Gewerkschaft IG Metall (Foto: dpa)

Millionen Euro weniger - auch in den Kassen der IG Metall

Selbst wenn Arbeitnehmer nicht gleich austreten, die durch Kurzarbeit geminderten Mitgliedsbeiträge reißen ebenso Löcher in die gewerkschaftlichen Kassen. Bei der IG Metall etwa rechnet man allein deshalb mit Mindereinnahmen in Höhe von fünf Millionen Euro. Obwohl es sich um eine internationale Krise handelt, setzt Tenfelde keine allzu großen Hoffnungen auf internationale gewerkschaftliche Kooperation. Die Gründe dafür liegen für ihn auf der Hand: "Das stößt auf ganz große Probleme. Die Gewerkschaftsstrukturen sind ganz stark national geprägt."

Neubelebung der Tugenden

Mit anderen Worten: Jeder ist sich selbst der Nächste. Aber im Krisenjahr 2009 könnte die symbolische Bedeutung des Tages der Arbeit am 1. Mai eine Neubelebung erfahren. Dann nämlich, wenn sich die Gewerkschaften alter, erprobter Tugenden erinnern und sich die Beschäftigten ihres Stellenwertes in der Gesellschaft bewusst werden. Professor Klaus Tenfelde rät den DGB-Gewerkschaften eindringlich, den Mitgliedern immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass insbesondere Arbeitskämpfe zu den Erfolgen der Gewerkschaften geführt haben. Daran, zeigt sich Tenfelde überzeugt, werde sich nichts ändern. Und ergänzt energisch: "Und dass dies auch in Zukunft so sein wird, erst recht."

Autor: Klaus Deuse

Redaktion: Monika Lohmüller