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Fokus Europa

Krise macht kreativ - Finanzkunst aus Spanien

Die Welt stöhnt über die Finanzkrise, ein paar spanische Künstler freuen sich darüber. Sie machen Finanzkunst. Im Internet erklären sie die Hintergründe der spanischen Immobilienkrise - auf ungewöhnliche Weise.

Sagrada Familia in Barcelona

In Barcelona machen "DerivArt" Finanzkunst

Es ist eine Maschine, die einen Blick in die Zukunft erlaubt - auch wenn der gar nicht rosig ausfällt: Wer beim "Hyopthekator" Alter, Einkommen und Wohnung eingibt, kann zusehen, wie sein virtuelles Alter Ego grau und runzelig wird - bis es mit 78 Jahren dann doch eine 50-Quadratmeter-Wohnung in Valencia abbezahlt hat. Einen Klick weiter, bei der Animation "Mindestlohn versus Wohnungspreis", wirft ein kleines Männchen mit Bauhelm so lange Geld auf eine Hälfte der Waagschale, bis es sich das kleine Häuschen auf der anderen Hälfte leisten kann.

1985 musste es 12 Jahre und 2 Monate lang seinen gesamten Mindestlohn abdrücken; gut zwanzig Jahre ist mehr als drei Mal so viel Zeit notwendig, nämlich geschlagene 42 Jahre und fünf Monate. Daneben lassen sich auf einer interaktiven Karte leerstehende Wohnungen in ganz Spanien besichtigen. Wer eines der gelben Häuser mit den heruntergezogenen Mundwinkeln anklickt, erhält neben Foto gleich die Anschrift - für etwaige Besetzungen. Auf www.casastristes.org, der Seite der "traurigen Häuser", stehen inzwischen ein halbes Dutzend solcher Tools.

Praktische Lebenshilfe statt Theorie

Die Spielchen sollen nicht nur unterhalten, sondern vor allem bilden: "Die Finanzwelt ist fundamental wichtig für die Gesellschaft", sagt Mar Canet. Deswegen müssten mehr Menschen sich mit ihr beschäftigen und sie verstehen lernen. "Wenn die Leute gewusst hätten, was hinter der Subprime-Krise steckt, hätten sie vielleicht früher aufgeschrieen."

Screenshot der Internetseite www.casastristes.org

Screenshot der Internetseite "www.casastristes.org"

Wer sich durch das Angebot des Kollektivs "DerivArt" klickt, absolviert eine Art Crashkurs in Sachen Kapitalismus - und muss dabei kein einziges Mal zum Taschenrechner oder Fremdwörterbuch greifen. Die Künstler wissen: In einem Land, in dem Hypotheken mit 30 bis 40 Jahren Laufzeit die Regel sind, kommt man mit praktischer Lebenshilfe weiter als mit theoretischen Abhandlungen oder revolutionären Pamphleten.

"Wir arbeiten derzeit an einer Visualisierung, die Antwort gibt auf die Frage: Ist es besser, eine Wohnung zu mieten oder zu kaufen", sagt Informatiker Gerald Kogler. "In vielen Städten ist die Wohnungspreisentwicklung so, dass auch eine billige Wohnung mehr an Wert verliert als du rausholen kannst. Damit kann ich jetzt argumentieren, warum sich Mieten auszahlt." Dazu gebe es einen Hypothekenrechner, wo man sehen könne, ob man schon zu alt sei, um noch mit einer Hypothek zu beginnen.

Friedhof der Synergie

Der Informatiker Gerald Kogler hat gemeinsam mit "DerivArt" die Visualisierungen konzipiert und umgesetzt. Schwierig daran war nicht, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen, sondern an den Rohstoff zu kommen: an die Daten über Einkommensentwicklung, Grundstückspreise, Bevölkerungsstruktur.

"Es gibt zwar ein Statistikamt, jedes Ministerium, jeder Bürgermeister veröffentlicht seine Daten, nur veröffentlicht jede Behörde die Daten so wie sie will", sagt Gerald Kogler. "Manche in Excel-Sheets - manche als Word-Dokument, manche Organisationen veröffentlichen sie auf Städte- oder Länderbasis. Es ist ein Anliegen von uns, diese Daten allen zugänglich zu machen.

Denn dass das Festhalten an Hierarchien und Betriebsgeheimnissen auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, beweist der geplante "Friedhof der Synergie". Die begehbare Installation gedenkt all jener Firmen, die jüngst Fusionen oder Pleiten zum Opfer fielen. Als Grabsteine halten dann jene Plastikskulpturen her, die Manager gern bei gelungenem Geschäftsabschluss in die Kamera recken.

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