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Europa

Krise in Italien: Chinesen müssen umdenken

In den letzten zehn Jahren haben viele Chinesen in Italien Arbeit gefunden. Von der einheimischen Bevölkerung werden sie kritisch beäugt oder abgelehnt. Neuankömmlinge suchen in der Krise jetzt neue Wege.

Die beiden Männer schlendern auf die Theke zu, hinter der die junge Barista steht. Ihre dunklen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden; ihr Gesicht ist umrahmt von einem modernen Pony, der direkt über ihren Augenbrauen endet.

"Ni hao!" grüßen die Männer. "Ciao, ciao", antwortet sie lächelnd.

Ye Pei ist 17 und kommt aus China. Sie lebt erst seit wenigen Monaten in Italien. Noch ist ihr Vokabular beschränkt. Aber die Wörter, die sie braucht, um Cappuccino zu servieren und Getränke hier an der Bar in Falconara, einem Strandort an Italiens Ostküste, zu mixen, kennt sie schon.

"Für mich ist im Moment besonders wichtig, dass ich die Sprache lerne", erklärt Ye Pei. "Das kommt vor allem anderen. Wenn ich gut Italienisch spreche, kann ich unabhängig leben. Wenn man den ganzen Tag näht, ist es schwierig, Italienisch zu lernen."

Massenmigration

Wie die meisten Chinesen in Italien kommt Ye Pei aus der Provinz Zhejiang in Ostchina. Ihre Heimat, die Region Qingtian, ist umgeben von Bergen. Industrie oder Arbeitsmöglichkeiten gibt es kaum.

Ye Pei Suzanne Ma, November 2011, Rimini, Italy

Ye Pei hat große Zukunftspläne

Vor 30 Jahren begannen Chinesen, in Massen nach Italien auszuwandern. Die meisten fanden Arbeit in einer der Nähfabriken, die als Subunternehmer für italienische Kleiderfirmen tätig waren. Die Arbeit war simpel – Knöpfe an Strickjacken nähen, Reißverschlusse an Jeans anbringen. Bald eröffneten sie ihre ersten eigenen Nähfabriken.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der chinesischen Immigranten in Italien auf mehr als 200.000 verdreifacht. Etwa 20 Prozent aller Einwanderer in Italien sind heute Chinesen.

Viele holten ihre Familien, Verwandten und Freunde aus China nach Italien und ließen sie in ihren Fabriken arbeiteten. Schnell sprach es sich herum, wie flexibel, flink und billig die Chinesen waren.

Made in Italy aus chinesischer Hand

In China stellt der Kleiderfabrikbesitzer, der "Laoban", seinen Arbeitern traditionell Unterkunft und Verpflegung. Monatliche Gehälter gibt es bei den wenigsten. Stattdessen erhalten die Arbeiter einen Stücklohn.

Chinesische Näherinnen an Maschinen Suzanne Ma, November 2011, Rimini, Italy

Chinesen nähen Badeanzüge nahe Rimini

Jimmy Xu, der Chef einer Fabrik im Norden von Falconara, glaubt, vielen Chinesen sei das auch lieber so. "Die Chinesen mögen keine festen Gehälter. Sie denken sich 'selbst wenn ich besonders schnell arbeite, bekomme ich immer noch dasselbe Geld.' Und deswegen ziehen besonders die flinken Arbeiter den Stücklohn vor. Weil sie so mehr verdienen können", erklärt Xu.

Xue Fen ist die Mutter von Ye Pei und lebt seit etwa sechs Jahren in Italien. Auch sie fand nach ihrer Ankunft einen Job in einer chinesischen Fabrik, wo sie mehr als 15 Stunden am Tag arbeitete – für etwa 750 Euro im Monat. In China hätte sie für das gleiche Geld acht Monate lang arbeiten müssen.

Xue Fen weiß, dass die "Laobans" ihre Arbeiter ausnutzen, wirft aber ein, dass die Abmachung einigen Einwanderern durchaus entgegenkomme – besonders denen, die gerade erst in Europa angekommen seien.

"Wenn ich für einen italienischen Chef arbeite, dann muss ich Miete zahlen und selbst einkaufen gehen. Das ist sehr umständlich", sagt sie. "Wenn ich aber für einen chinesischen Chef arbeite, dann ist wenigstens für meine Unterkunft und mein Essen gesorgt. So machen wir das eben in China. "

Italienische Sweatshops

Die italienische Polizei hat nach eigenen Angaben chinesische Fabriken aufgedeckt, die wie Sweatshops funktionieren. Einige Betreiber, so die Polizei, ließen Arbeiter ohne Papiere rund um die Uhr für sich schuften.

Genau deshalb blieben die Chinesen in Italien aber auch so lange unsichtbar, erklärt eine Polizistin, die nicht mit Namen genannt werden möchte.

illegale Fabrik von den Chinesen in Prato, Produkte „Made in Italy“, Foto: Shitao Li/DW, 22.02.2011, Prato, Italien

Von Chinesen genäht - das Produkt ist aber 'Made in Italy'

"Die Chinesen sind sehr schlau und sehr gut organisiert", erzählt sie der DW. "Sie bleiben absichtlich still, damit die Zeitungen nicht über sie berichten, und die Polizei sie in Ruhe lässt. "

Seit in den letzten zehn Jahren immer mehr chinesische Einwanderer wirtschaftlichen Erfolg haben, erzählt die Polizistin, sei aber der Unmut gewachsen. Vor allem, seit Italien unter der hohen Arbeitslosigkeit und den Schulden ächzt.

Viele Italiener kritisieren, die Chinesen würden Arbeitsrechte ignorieren, indem sie Arbeiter ausbeuteten, den Markt unterliefen und so italienische Fabriken in den Ruin trieben.

Valter Zanin, Soziologieprofessor an der Universität von Padua, hat die chinesischen Kleiderfabriken in Italien untersucht. Er sagt, die Industrie setze auf billige Arbeitskräfte, um wettbewerbsfähig zu bleiben und dass Arbeitstage von mehr als 18 Stunden keine Seltenheit seien.

Flexibel bleiben

Aber die andauernde Krise in Europa lässt auch die italienische Modeindustrie schrumpfen – und das bedeutet wiederum weniger Aufträge auch für die chinesischen Fabriken.

Viele chinesische Einwanderer wie die junge Ye Pei suchen darum nun nach Alternativen – zum Beispiel im Dienstleistungssektor. Unsichtbar bleiben kann man da nicht.

Durch den täglichen Austausch mit Italienern fällt es Einwanderern wie Ye Pei leichter, sich in die Gesellschaft einzugliedern und mehr über das Leben in Italien zu erfahren.

"Ich werde mich jetzt anstrengen, Italienisch zu lernen und mir das anzueignen, was ich brauche, um meine eigene Bar zu eröffnen", sagt Ye Pei. "Eines Tages, wenn ich erstmal genug Geld gespart habe, werde ich meine eigene Bar eröffnen, damit meine Mutter und mein Vater früh in Rente gehen können. "

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