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Politik

Krise bei VW beflügelt brasilianische Wahlkämpfer

Ist das der Stoff, aus dem Wahlkampfträume sind? VW droht mit Stellenabbau und Werksschließungen in Brasilien. Die zur Wiederwahl stehende Regierung Lula versucht, mit einer strikten Gegenpolitik davon zu profitieren.

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Streikende Arbeiter des VW-Werks Anchieta bei Sao Paulo

Am 1. Oktober 2006 sind die Brasilianer aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Und daran werden sie offenbar auch alle naselang erinnert: "Die Radiohörer müssen derzeit bereits morgens von sieben bis acht Uhr durchgehend auf sämtlichen Sendern Kandidatenwerbung ertragen, die nur zu oft an Infantilität nicht zu überbieten ist", meint der Brasilien-Experte Klaus Hart aus Sao Paulo in einem Beitrag für eine Weblog-Plattform.

Auch der Ökonom Federico Foders, der soeben von einer Forschungsreise nach Brasilien ans Kieler Institut für Weltwirtschaft zurückgekehrt ist, betont: "Der Wahlkampf dominiert das alltägliche Leben in Brasilien. Er ist das Thema - nicht nur in den Zeitungen, sondern auch beim Gemüsehändler um die Ecke."

"Eines der spannendsten Wahlkampfthemen"

Brasilianische Biofrüchte Mango und Limetten bei der Biofach 2004

Wahlkampfplausch in der Gemüseecke

Der Wahlkampfplausch zwischen Mangos und Melonen wird durch die aktuellen Entwicklungen bei der brasilianischen Tochter des VW-Konzerns um einige Facetten bereichert. "Die Streiks bei VW do Brasil könnten sich zu einem der spannendsten Wahlkampf-Themen entwickeln", ist Brasilien-Expertin Barbara Fritz vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin überzeugt.

Am Dienstag (29.8.2006) waren die 12.000 Arbeiter im größten brasilianischen Volkswagen-Werk Anchieta bei Sao Paulo in einen unbefristeten Streik getreten, nachdem die Unternehmensleitung die ersten 1.800 Kündigungen verschickt hatte. VW hatte die Kürzung von insgesamt 6.000 Stellen bis 2008 angekündigt und sogar mit der kompletten Schließung des Werkes in Anchieta gedroht, sollten die Arbeitnehmer nicht kooperieren.

Lula macht Druck

Wahlen Präsident Luiz Inacio Lula da Silva Lula zeigt Zähne

Präsident Lula da Silva zeigt seinen Konkurrenten und der VW-Leitung die Zähne

Die Regierung von Präsident Luiz Inacio Lula da Silva reagierte prompt und erhöhte den Druck auf VW: Man werde die Freigabe eines bereits zugesagten Kredits in Höhe von 497 Millionen Real (etwa 185 Millionen Euro) vom Ausgang der Verhandlungen zwischen Firmenspitze und den Gewerkschaften abhängig machen, sagte Arbeitsminister Luiz Marinho.

Bei dem Kreditstopp handelt es sich um eine "zutiefst politische Entscheidung", die vor dem Hintergrund des laufenden Wahlkampfes gefällt wurde, sagt Brasilien-Expertin Fritz. "Damit reagiert die Regierung Lula auf den Druck von großen Teilen der Wähler, die es als Skandal erachten, dass ein Unternehmen Stellen streicht und dafür auch noch von der Politik finanziell belohnt wird." Die VW do Brasil-Leitung könne damit unbeabsichtigt zum Wahlkampfhelfer für Lula werden. Lula, der derzeit in Umfragen haushoch vor seinen Rivalen liegt, hatte sich den Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit auf die Wahlkampffahnen geschrieben.

Wahlkampfkalkül oder Rückbesinnung auf politische Wurzeln?

Brasilien-Experte Foders rechnet dagegen nicht mit zusätzlichen Wählerstimmen für Lula: "Es wäre eine viel größere Wahlkampfhilfe für Lula gewesen, wenn er den Kredit bewilligt und sich damit als Retter in der Not aufgespielt hätte." Foders betont, dass die Entscheidung der VW-Leitung zudem aus betriebswirtschaftlicher Sicht absolut rational sei: "Es gibt in der brasilianischen Autobranche immense Überkapazitäten. Früher oder später musste es zu Werksschließungen kommen."

Nicht zuletzt muss man angesichts der Biografie von Lula da Silva ohnehin nicht zwingend ein kühles Wahlkampfkalkül hinter seinem Kampf gegen die Stellenstreichungen bei VW do Brasil vermuten: Vielleicht entsinnt sich der einstige VW-Arbeiter und spätere Gewerkschaftsführer auch einfach nur seiner Wurzeln. Und zeigt damit jene Geradlinigkeit und Verlässlichkeit, die nicht nur der Gemüsemann an der Ecke bei Politikern so oft vermisst.

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