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Deutschland

Kriminologe: Einbrecher gehen rational vor

Haus- und Wohnungseinbrüche haben Konjunktur. Weil die Aufklärungsquote niedrig ist, boomt die Sicherheitsbranche. Ein Geschäft mit der Angst, sagt der Hamburger Kriminologe Rafael Behr im DW-Interview.

DW: Herr Prof. Behr, Einbruch hat Konjunktur. Geklaut wird nicht nur Bares und Schmuck, auch Navigationsgeräte, Laptops und Handys werden aus Häusern, Wohnungen und Autos gestohlen. Lohnt sich das?

Rafael Behr: Dort, wo etwas zu stehlen ist, wird auch genommen. Insbesondere in Phasen, in denen sich ein Wohlstand herauskristallisiert, der in anderen Ländern nicht vorhanden ist. Deswegen werden zum Beispiel Einbrüche in Metropolregionen, in wohlhabenden Städten höher sein als in ärmeren Regionen. Wenn wir das jetzt auf Europa umlegen ist natürlich klar: immer wenn neue Grenzen geöffnet werden, gibt es auch eine gewisse Sogwirkung. Dann gibt es neue Begehrlichkeiten auf Dinge, die wir hier schon gar nicht mehr als stehlenswert betrachten würden.

Wenn sie sich beispielsweise Flohmärkte an einem Wochenende anschauen, da haben wir ja sehr unterschiedliche Formen von Flohmarkt. Es kann etwas Folkloristisches sein. Es gibt aber auch Armutsflohmärkte wo alles, was nicht niet- und nagelfest ist, zu Geld gemacht wird. Es ist nicht immer kriminelle Energie, die den Anstoß dazu gibt, sondern oftmals schlichtweg blanke Not.

Ganz aktuell sind es wohl vor allem organisierte georgische Banden, die sich auf Einbruch spezialisiert haben. Dabei ist die Zahl der Georgier in Deutschland relativ gering. Was steckt dahinter?

Das zählt tatsächlich zu den Geheimnissen des kriminaltechnischen Ermittlungswissens. Natürlich wäre es naiv zu vermuten, dass nur durch Zufall gestohlen wird, auch da gibt es Organisationsformen, Unternehmensgründungen sozusagen. Mafiöse Strukturen in Form von Bandenbildung. Man spricht sich ab und handelt arbeitsteilig. Das gibt es und das hat auch immer unterschiedliche geografische Schwerpunkte. Es scheint so etwas Epidemisches zu sein, das zu bestimmten Zeiten bestimmte Organisationen sich Gebiete aussuchen und dann über sie herfallen. Da muss man relativ nüchtern sagen, das ist die offene Gesellschaft von der wir sehr viel profitieren. Wir profitieren sehr stark von offenen Grenzen, was unseren Wohlstand anbetrifft.

Ich nenne das Stichwort Just-in-Time-Produktion. Dass wir bestimmte Möbel, die uns gut gefallen in Rumänien oder in Polen produzieren lassen, weil sie dort billiger herzustellen sind. Sie werden auf dem legalen Weg mit Lastwagen auch zu uns gebracht, damit wir sie relativ günstig kaufen können. Eine solche Ökonomie besteht natürlich auch im kriminellen Bereich. Auch da gibt es Begehrlichkeiten, auch da gibt es eine Handlungsrationalität, eine Logik und es gibt Leute, die sich auf der Weltkarte genau ausgucken: "Wo ist es gerade gut, einzubrechen? Wo gibt es was zu holen? Wo ist das Entdeckungsrisiko gering?".

Deutschland Rafael Behr Kriminologe (Foto: Ulrich Perrey/dpa) © picture-alliance/dpa/U. Perrey

Kriminologe Rafael Behr

Die Diebesbranche wächst, allein im letzten Jahr um zehn Prozent. In Zahlen gesprochen waren das knapp 170.000 Einbrüche im vergangenen Jahr. Die Aufklärungsquote liegt bei zwei bis drei Prozent. Lässt die Hilflosigkeit der Polizei die Diebesbranche wachsen?

Von Hilflosigkeit würde ich da nicht sprechen. Es ist ja immer die Frage damit verbunden: Brauchen wir mehr Polizei? Mehr Sicherungsschutz, mehr private Bewaffnung? Auch da müssen wir relativ bescheiden und nüchtern zur Kenntnis nehmen: mehr von allem hilft eben nicht für mehr Sicherheit, weder mehr Polizei noch mehr private Sicherheitsleute helfen, diese Zahlen zu minimieren. Dafür gibt es viele Gründe. Unter anderem liegt es eben auch daran, dass sich die Bewegungsrouten der Einbrecher verändern.

So wie Einbrecherbanden funktionieren, so funktioniert auch zum Teil unsere Wirtschaft. Man versucht sich dort zu platzieren, wo man wenig Widerstand erwartet, wo man eine hohe Erfolgsquote erwartet und diese Rationalität, die dahinter steckt, ist ganz ähnlich dem normalen ökonomischen Wirtschaftsprozess. Dass der Einbrecher ein ganz anderer Menschenschlag ist als wir, das stimmt eben nicht. Der geht nach einer ziemlich nachvollziehbaren Logik vor: Wie hoch ist das Bestrafungsrisiko? Wie hoch ist das Entdeckungsrisiko, wie hoch ist die zu erwartende Beute?

Das geht so weit, dass man natürlich auch in Kauf nimmt für eine gewisse Zeit im Gefängnis zu sitzen, um sich dann wieder in den Besitz der Beute zu bringen. Wir kennen das ja von spektakulären Entführungsfällen. Da denkt man sehr rational und sagt :"also die zehn, fünfzehn Jahre, die ich dafür kriege, die sitze ich ab und danach habe ich aber meine Millionen." Unter Einbrechern funktioniert das nicht so. Die Erwartungshaltung ist nicht so hoch. Gefragt wird: was riskiere ich und wie hoch ist der zu erwartende Gewinn? Und danach werden Einbruchsrouten ausgesucht.

Es boomt auch die Branche der Sicherheitstechnologie. Wie viel Vorsorge im Haus muss sein und ab wann beginnt die Paranoia?

Es ist rational zu denken, dass eine Wohnung niemals absolut sicher sein kann. Es geht lediglich darum, Zeitverzögerungen raus zu schinden. Das heißt, der Einbrecher, der erst eine Sicherung überwinden muss, einige Minuten durch gute Sicherheitstechnik aufzuhalten. Im Regelfall wird ihm diese Zeitverzögerung "zu heiß" und dann geht er möglicherweise zu einem Objekt das weniger stark gesichert ist.

Es geht nicht um die Verriegelung einer Wohnung und ihre scheinbare Uneinnehmbarkeit, sondern darum, zu signalisieren, dass aufgepasst wird. Das kann durch einfache Mittel geschehen oder durch Hochtechnologie. Da ist leider der Fantasie keine Grenze gesetzt. Denn damit wird natürlich auch sehr viel Missbrauch getrieben. Und es zeigt sich die Schattenseite unseres kapitalistischen Systems, denn auch die Sicherheitsbranche und diejenigen, die die Menschen bewaffnen wollen sind ja im Prinzip diejenigen, die sehr viel davon haben, dass die Menschen Angst haben.

Prof. Rafael Behr ist Kriminologe und Soziologe und lehrt an der Polizei-Akademie in Hamburg

Das Interview führte Volker Wagener

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