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Europa

Krim: Flüchten oder anpassen

Menschenrechtler stellen auf der ukrainischen Halbinsel Krim erste Fluchtbewegungen muslimischer und jüdischer Minderheiten fest. Das Entscheidende aber ist nicht ihre Religion, sondern ihre Haltung gegenüber Russland.

Rund 5000 Angehörige der muslimischen Krimtataren sollen die von Russland annektierte Halbinsel in den vergangenen Wochen bereits verlassen haben. Das berichtet die Gesellschaft für bedrohte Völker (GvbV). Es handle sich um ganze Familien mit Frauen und Kindern, sagt die GvbV-Referentin Sarah Reinke im Gespräch mit der Deutschen Welle. Vor dem Referendum habe Russland noch versucht, Werbung für sich zu machen. Nach der Abstimmung sei die Stimmung umgeschlagen. "Nachdem die Russen gesehen haben, dass die große Mehrheit der Krimtataren dieses Referendum boykottiert hat, ist die Stimmung sehr feindselig geworden. Menschen werden zum Beispiel auf der Straße angesprochen, wenn sie Teile ihrer traditionellen Kleidung tragen oder wenn sie sich als Krim-Tataren zu erkennen geben."

Sarah Reinke

Reinke: Die Krimtataren werden feindselig behandelt, weil sie das Referendum boykottiert haben.

Viele Krimtartaren, so Reinke, befürchteten, dass es zu Übergriffen auf religiöse Gruppen kommen könnte. Denn auch in Russland stehe die muslimische Bevölkerung stark unter Druck und würde dort sogar durch Politik und Presse diffamiert.

Politische Haltung ist entscheidend

Auf der Krim allerdings gehe es derzeit im Wesentlichen um die Haltung gegenüber Russland. Gefährdet seien besonders kritische Journalisten, Mitglieder der Meidan-Bewegung und eben auch die Krimtataren, die in Opposition zur Krim-Annexion durch Russland stehen, konstatiert Menschenrechtlerin Reinke.

Wolfgang Büttner von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fügt zur Liste der Gefährdeten noch die Soldaten der ukrainischen Armee hinzu, die sich derzeit noch auf der Krim befinden. Auch Büttner betont, dass die Krimtartaren bislang von pro-russischen Gruppen nicht aus religiösen Gründen verfolgt werden. "Was wir dokumentieren konnten, waren politische Gründe. Ob man sich kritisch gegenüber diesem Referendum geäußert hat oder das Referendum unterstützt hat, da verlaufen bisher die Linien, ob Menschen auf der Krim bleiben oder sie verlassen."

Angst vor Willkür

Wolfgang Büttner, Pressereferent von Human Rights Watch

Büttner: Wer Russland kritisiert, ist auf der Krim gefährdet

Mit großer Sorge betrachte Human Rights Watch die derzeitigen Aktivitäten der paramilitärischen Gruppen auf der Krim, erklärt Wolfgang Büttner im DW-Interview. Die Gruppen, die stets ohne Abzeichen unterwegs sind, würden vermutlich von Russland unterstützt und vielleicht sogar gelenkt. Doch eindeutige Beweise gebe es nicht. Hier müsse Russland seiner internationalen Verpflichtung nachkommen und internationale Beobachter ins Land lassen, um die Ereignisse zu dokumentieren.

Welche Motive Übergriffe auf andere religiöse Gruppen haben, ist derzeit schwer einzuschätzen. Am Montag (31.03.2014) sei der oberste reformjüdische Rabbiner der Krim, Mihail Kapustin, von der Halbinsel geflohen, berichtet Sarah Reinke von der GfbV. Der Geistliche verließ die Krim aus Furcht vor antijüdischen Ausschreitungen und unberechtigten Vorwürfen, zu Provokations-Aktionen aufzurufen. Bereits Ende Februar sei eine Synagoge mit antisemitischen Parolen und Hakenkreuzen beschmiert worden. Die jüdische Bevölkerung glaube, dass in der Zukunft gegen den unterschwelligen Antisemitismus nicht mehr viel unternommen werde. Deshalb verließen viele jüdische Familien lieber die Krim.

Auch fünf Priester der griechisch-katholischen Kirche haben die von Russland anektierte Halbinsel verlassen. "Es war ihrer Meinung nach zu gefährlich für sie und ihre Familien", sagte der Generalsekretär der Bischofsynode der ukrainischen Kirche, Weihbischof Bogdan Dziurach, der Katholischen Nachrichtenagentur, KNA. Die mit Rom verbundene griechisch-katholische Kirche lehnt eine Abspaltung der Krim von der Ukraine ab. Sie wird nach eigenen Angaben deshalb angefeindet. In den vergangenen Wochen hatten griechisch-katholische Priester mehrfach anonyme Drohbriefe erhalten.