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Bücher

Kriemhilds Tagebuch

Über Buchgeschenke, den Frühjahrsputz im Bücherregal oder Schriftsteller als Autofahrer: hier schreibt Thomas Böhm Kolumnen zum Lesen.

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'Kriemhilds Tagebuch' – das klingt, die von YY Kujau verfassten Hitlertagebüchern im Hinterkopf, wie eine herrliche Verstonkung aller Deutschtümelei, ist aber tatsächlich ein Königsweg, auf den deutsche Schulkinder geschickt werden, um das "Nibelungenlied" kennenzulernen. So jedenfalls steht es in der neusten Ausgabe der "Mitteilungen" des Deutschen Germanistenverbandes, die sich komplett der Frage widmen, wie es um die Vermittlung unseres Nationalepos' an den Schulen bestellt ist.

Und dabei kommt dann Kriemhilds Tagebuch ans Licht oder ein Innerer Monolog Sigfrieds - Schreibaufgaben, die Schülerinnen und Schülern als "Kreativistätsstimulans" gegeben werden. Geht es im Deutschunterricht doch schon seit langem – so die Göttinger Fachdidaktikerin Ina Karg – darum, "Anlass für Emotion, für Empathie zu geben, für die Anbindung an die Lebenswelt und den Interessen der Schülerinnen und Schüler". Aus diesem Grunde werde auch nicht der Originaltext gelesen, sondern die Nacherzählungen Auguste Lechners und Franz Fühmanns.

Kulturelles Gedächtnis

Thomas Böhm - Programmleiter des Kölner Literaturhauses (Foto: Birgit Rautenberg)

Thomas Böhm - Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Einerseits könnte man es als gutes Zeichen nehmen, dass die alte, in tausendjährigem Blut gebadete Nibelungen-Geschichte, die jährlich millionenschwer subventioniert zu Wagnerklängen die Reste des Bildungsbürgertum berauscht, langsam reinsinkt in den Strudel der Zeit. Andererseits ist es höchst nachlässig, zu übersehen, wie groß die verletzliche Stelle in unserem kulturellen Gedächtnis wird, wenn wir uns nicht mehr an unsere Grundlagentexte in ihrer ursprünglichen Form erinnern können.

Fremde Welten

Wenn es tatsächlich eines Anreizes braucht: Allein schon die Überlieferungsgeschichte – wann, wo, welche Fragmente gefunden wurden, wie sie mit anderswo gefundenen Texten übereinstimmen oder eben von diesen abweichen – lässt sich doch so spannend erzählen wie eine "Jagd auf den verlorenen Schatz". Und ohne jede Kreativität kann man am Nibelungenlied – das mittelalterliche Mentalität und einen historischen Zustand unser Sprache darstellt - erleben, wie fremd einem das Eigenste sein und werden kann. Eine Erfahrung, die die Schülerinnen und Schüler in einer multikulturellen Gesellschaft sicher an ihre Lebenswelt anbinden können.

Autor: Thomas Böhm
Redaktion: Gabriela Schaaf

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