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Asien

Kriegsverbrechen - Sri Lankas Killing Fields

Kein Zivilist sei in der Schlussphase des Bürgerkriegs 2009 ums Leben gekommen, behauptet Sri Lankas Regierung bis heute. Doch die Gegenbeweise sind erdrückend. Die UN drängen auf Rechenschaft.

Tamilische Flüchtlinge warten in einem Zwischenlager auf Registrierung (Foto: AP)

Tamilische Flüchtlinge 2009 in einem Zwischenlager

"Bring den Körper hier hin!" fordert eine männliche Stimme auf Singhalesisch. "Sie stöhnt noch", ruft ein Soldat lachend zurück, während er einen Frauenkörper mit entblößtem Unterleib auf einen großen Anhänger hievt, auf dem schon mehrere halbnackte Frauenleichen liegen. Diese Szene ist auf einem Handyfilm festgehalten, den Soldaten der sri-lankischen Armee im Mai 2009, in den letzten Tagen ihrer Offensive gegen die tamilischen Rebellen im Norden der Insel, aufgenommen haben. Immer neue Videos tauchen auf, die von sexueller Gewalt gegen Frauen, Exekutionen von Kriegsgefangenen und anderen Grausamkeiten zeugen, für die Soldaten der Regierungsarmee verantwortlich sind.

Der britische Fernsehsender Channel 4 hat eine nur leicht gepixelte Auswahl von Amateurvideos in einem Dokumentarfilm mit dem Titel "Sri Lanka's Killing Fields" zusammengefasst. Das schockierende Bildmaterial lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Die sri-lankische Armee hat in der Schlussphase des Konflikts bis heute ungesühnte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Diesen Schluss legt auch ein im April veröffentlichter Expertenbericht der Vereinten Nationen nahe, der beiden Konfliktparteien massive Verstöße gegen internationales humanitäres Recht vorwirft.

Totale Vernichtung

Eine tamilische Flüchtlingsfamilie, mit Kindern und der Großmutter ( Foto: AP)

Tamilische Flüchtlingsfamilie in einer "schussfreien" Zone

In den letzten Wochen ihrer siegreichen Offensive gegen die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) trieben die Regierungstruppen schätzungsweise 330.000 tamilische Flüchtlinge vor sich her und lenkten sie in sogenannte "schussfreie Zonen". Tatsächlich aber wurden die Flüchtlinge in diesen "no fire"-Zonen unter massiven Beschuss genommen. Der Außenwelt gegenüber erklärte die Staatsführung in Colombo hartnäckig, auf dem Kriegsschauplatz im Norden der Insel gelte die Strategie "Keine Tote in der Zivilbevölkerung". Oder wie es hieß: "Zero Civilian Casualties".

Gordon Weiss war in der Schlussphase des Bürgerkriegs Sprecher der Vereinten Nationen in Sri Lanka. Wie viele seiner Kollegen wusste auch er, dass die offizielle Darstellung lediglich zur Vernebelung der wahren Ziele diente. "Das oberste Ziel der Regierung", sagt Weiss, "war die Vernichtung der tamilischen Tiger. Und sie war bereit, dafür einen sehr hohen Preis zu zahlen. Im Preis inbegriffen waren offensichtlich auch zahlreiche Opfer unter den Zivilisten."

Mehr als 40.000 zivile Opfer

Ein Soldat gibt einem Kind Wasser zu trinken (Foto: AP)

Dieses Image möchte Sri Lankas Regierung verbreiten: Soldaten helfen und schützen

In der Kampfzone selbst gab es keine unabhängigen Zeugen. Die Vereinten Nationen und andere humanitäre Organisationen hatten den Norden auf Geheiß der sri-lankischen Regierung verlassen müssen. Kritische Stimmen im Inland hatte die Regierung von Präsident Mahinda Rajapakse mit Verhaftungen und Drohungen zum Schweigen gebracht. Rupert Colville, Sprecher des Hochkommissariats für Flüchtlinge in Genf, wundert sich noch heute, dass es fast zwei Jahre dauerte, bis sich das Ausmaß der Katastrophe rekonstruieren ließ: "Das, was sich in Sri Lanka ereignete, war außergewöhnlich: Da war dieser blutige und rücksichtslose Kampf um Leben und Tod, und niemand hat es gesehen!"

Der als "vorläufige Einschätzung" deklarierte Expertenbericht der Vereinten Nationen geht davon aus, dass mehr als 40.000 Zivilisten in der Schlussphase des Bürgerkriegs ums Leben gekommen sind, die meisten davon durch Regierungsfeuer.

Regierung leugnet

Zwei Soldaten Sril Lankas in Uniform, mit Gewehren (Foto: AP)

Sri Lankas Soldaten haben laut UN grausame, bis heute ungesühnte Kriegsverbrechen begangen

Anfang 2009 wussten die UN sehr viel mehr über die Gräueltaten der Kriegsparteien, als sie öffentlich zugaben. Gordon Weiss sagt, er sei mit dieser Zurückhaltung nicht einverstanden gewesen: "Ich habe mich damals sehr stark dafür eingesetzt, die von uns ermittelten Opferzahlen zu veröffentlichen." Aber er konnte sich nicht durchsetzen, weil andere Kollegen fürchteten, man würde die Regierung in Colombo so in die Enge treiben. "Eine härtere Linie wäre die Folge, und das würde es noch schwerer machen, humanitäre Hilfe für die Zivilisten zu leisten, die hinter der Front festsaßen", fasst Weiss die damals vorherrschende Einschätzung zusammen.

Präsident Rajapakse behauptet bis heute, dass die Offensive keine zivilen Opfer gefordert habe. Bei den Getöteten handele es sich ausnahmslos um Terroristen. Die Videos von Exekutionen und sexueller Gewalt tut seine Regierung als Fälschungen und als "lächerlich" ab. Auch zahlreiche verbündete Staaten haben sich dieser Sicht der Dinge angeschlossen. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, dem einzigen internationalen Gremium, das strafrechtliche Untersuchungen wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen anordnen könnte, haben diese Staaten bislang verhindert, dass Sri Lanka an den Pranger gestellt wird.

Internationale Untersuchung gefordert

UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay (Foto: AP)

"Die internationale Gemeinschaft muss aktiv werden"

Die Regierung in Colombo beharrt darauf, dass sie in Eigenregie einen nationalen Aufarbeitungsprozess durchführe. Mutmaßliche Kriegsverbrechen aus den eigenen Reihen kommen darin aber nicht vor. Navi Pillay, die Hochkommissarin für Menschenrechte, fordert "eine internationale und glaubwürdige Untersuchung".

Sri Lanka habe in der Vergangenheit öfters behauptet, Untersuchungen zu möglichen Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land durchführen zu wollen, und dann am Schluss nie geliefert. "Wenn das jetzt wieder der Fall sein sollte", erklärte sie jüngst in Genf, "muss die internationale Gemeinschaft aktiv werden". Für Hochkommissarin Pillay ist die juristische Bewältigung der Geschehnisse in Sri Lanka ein "unerledigtes Kapitel".

Autorin: Claudia Witte
Redaktion: Helle Jeppesen