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"Syrian Archive"

Kriegsverbrechen online dokumentiert

Angriffe auf Krankenhäuser, Giftgas, Plünderungen: Nur ein Ausschnitt der Berichte über Kriegsverbrechen in Syrien. Aktivisten haben eine Datenbank aufgebaut, in der Gräueltaten dokumentiert werden.

Zwei junge Männer, 3000 Euro Kapital, Arbeit von Zuhause aus: Das steckt hinter dem "Syrian Archive". Die Datenbank über Kriegsverbrechen in Syrien nutzen mittlerweile die Vereinten Nationen, Amnesty International und Human Rights Watch als Quelle - aber auch Anwälte und Aktivisten weltweit.

Die Gründer haben das "Syrian Archive" auf der Konferenz der deutschen Hackervereinigung Chaos Computer Clubs (CCC) in Hamburg vorgestellt. Mittlerweile sind auf der Internetseitesyrianarchive.org mehr als 2200 illegale Taten aus dem mehr als fünfeinhalb Jahre andauernden Bürgerkrieg dokumentiert. Freiwillige weltweit und vor allem aus Syrien liefern und verifizieren das Material. 

Auf der Datenbank des "Syrien Archivs" landet unbearbeitetes und häufig sehr grausames Videomaterial aus Syrien. Die Bilder zeigen die Folgen von Luftattacken auf Krankenhäuser, Angriffe mit Chlorgas, die Nutzung von Splitterbomben und anderer illegalen Waffen. Auch in der Information enthalten sind der Standort, das Datum der Aufnahme und die Quelle. Oft werden die Videos auch über Youtube hochgeladen.

Ein Mann wird nach einem mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz in Syrien behandelt (Foto: Getty Images/AFP/F. Dirani)

Das "Syrian Archive" hat dutzende Fälle dokumentiert, bei denen Chemiewaffen eingesetzt wurden

Das Archiv kann nach verschiedenen Kriterien gefiltert werden. Zum Beispiel nach den genutzten Waffenarten, aber auch nach Kategorien des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (UNHCHR). Das sind: "willkürliche und nachdrückliche Vertreibung", "Plünderungen und Diebstahl", "Geiselnahme", "Folter und Misshandlung" sowie "Massaker und andere unrechtmäßige Tötungen". Es gibt außerdem einen speziellen Filter für "angebliche zivile Opfer von russischen Angriffen", der alleine schon einige hundert Ergebnisse liefert. 

Quellen überprüfen

Hadi al Khatib ist 2011 aus Syrien nach Berlin gekommen. Er und sein Kollege Jeff Deutch sehen es als wichtigstes Ziel, individuelle Kriegsverbrechen für zukünftige gerichtliche Untersuchungen verifizierbar zu machen. Sie hoffen aber, dass ihre Datenbank auch von Medien genutzt wird. Obwohl es eine massive Verbreitung von Videobeweisen aus Syrien in sozialen Netzwerken im Internet gebe, fehle es an einer vernünftigen Standardisierung und Katalogisierung, erklären Khatib und Deutch. So ginge eine Menge Material inklusive Metadaten vollständig verloren.

Die Planung für das Archiv begann, als Al Khatib und Deutch 2014 mit Menschenrechtsanwälten in der Türkei zusammenarbeiteten. Dort half Al Khatib dabei, syrische Anwälte und Journalisten darin auszubilden, Videos von Menschenrechtsverletzungen zu erfassen, die später als Beweise vor Gericht verwendet werden können. "Seitdem habe ich mit der syrischen Zivilgesellschaft - Journalisten, Anwälte und so weiter - zusammengearbeitet und ihnen beigebracht, wie sie sicherer kommunizieren können", sagt Al Khatib, der keiner Gruppe der syrischen Opposition angehört.

Al Khatib und Deutch pflegen zu bestimmten Quellen schon einige langjährige Beziehung: "Wir folgen Social-Media-Accounts von speziellen Leuten, die wir überprüft haben und laden dann von diesen Kanälen jeden Tag die Videos herunter", sagt Deutch der DW. Aber sie suchen immer nach Leuten, die sie mit mehr Beweisen versorgen: Menschenrechtsgruppen, Journalisten, Bürgerjournalisten, Anwälte, Medienbüros, Nachrichtenagenturen und andere, wie es auf der Homepage unter "join us" ("mach mit") heißt. 

Die Verifizierung der Quellen aus Kriegsgebieten ist generell eine große Herausforderung. Deshalb, erklärt Deutch, hätten sie einen Überprüfungsprozess, bei dem sie sich anschauen, wie lange die neuen Quellen schon über Themen berichten und woher. "Wir haben eine Liste von Fragen, die wir durchgehen - und wir gucken uns an, ob sie unserem Netzwerk von Aktivisten bekannt sind und ob ihre Meldungen aus der Vergangenheit vertrauenswürdig gewesen sind." Al Khatib und Deutch kontrollieren auch, ob die neuen Quellen wirklich originales Material liefern oder nur anderswoher Aufnahmen sammeln.

Zur Neutralität verpflichtet

Den Machern des Archivs ist es wichtig zu betonen, dass sie Gräueltaten von allen Kriegsparteien dokumentiert - auch wenn Al Khatib zugibt, dass einige Quellen vielleicht bestimmte Interessen verfolgten. "Sie könnten zu bestimmten Gruppen gehören oder eine Agenda verfolgen", sagt er. "Aber darauf schauen wir nicht. Wir betrachten die visuellen Beweise, die sie veröffentlichen, damit wir verstehen, was bei bestimmten Ereignissen passiert und ob sie mit anderen Vorfällen in Verbindung stehen." Deutch fügt hinzu: "Wir archivieren Videos von allen Seiten des Konflikts, um zu versuchen, so unparteiisch wie möglich zu sein."

Das 31. Treffen Chaos Computer Club Hamburg (Foto: picture-alliance/dpa/A. Heimken)

Die Online-Datenbank wurde auf der Konferenz des CCC in Hamburg präsentiert

Das "Syrian Archive" teilt die Beweise, die es sammelt bereits mit dem UNHCHR in Genf und ist eine Partnerschaft mit den "Digital Verification Corps" eingegangen. Bei diesem Programm von Amnesty International durchsuchen Jurastudenten weltweit Massen an digitalem Videomaterial aus Kriegsgebieten. Im nächsten Jahr möchte das "Syrian Archive" noch enger mit Anwälten zusammenarbeiten, die sich rechtlich mit der Situation in Syrien beschäftigen.

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