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Europa

Kriegsspiele der NATO in Polen

Die NATO hält in diesem Jahr die größten Manöver seit dem Ende des kalten Krieges ab. In Polen soll die im vorigen Herbst begründete superschnelle Eingreiftruppe ihre Kampffähigkeit zeigen.

"Birdman" haben die Manöverplaner den Gegner aus dem feindlichen Bothnien genannt, der da von Spezialeinsatzkräften aus einem Holzhaus mitten auf dem Truppenübungsplatz im Waldgelände geholt werden soll. Im nahegelegenen Dorf „Alpha“ sitzen seine Anhänger, bewaffnete Milizen, die begonnen haben, die Region im Südwesten Polens zu destabilisieren. Die Szene ist erkennbar an in die Ostukraine angelehnt, nur dass diesmal ein NATO-Mitglied von "kleinen grünen Männchen" bedroht wird. Schließlich wollen die Planer die Situation so lebensecht wie möglich gestalten. Auf Kommando seilen sich vermummte tschechische und niederländische Spezialkräfte von US-Hubschraubern ab, werfen Rauchgranaten, stürmen das Holzhaus und schleppen "Birdmann" heraus. Szenen wie diese kennt man aus Filmen wie "Black Hawk Down" oder TV-Serien wie "Homeland".

NATO Übung Noble Jump in Zagan

US-Kampfhubschrauber Black Hawk

Dann aber rollen leichte Panzerfahrzeuge einer niederländisch-tschechischen Unterstützungseinheit an, gefolgt von Wellen von Kampfhubschraubern, am Himmel donnern die Jets von Deutschen und Norwegern entlang, und wir sind mitten in einem größeren Kriegsfilm. Der Überflug soll den Gegner einschüchtern und desorientieren, so erklärt der Live-Kommentator der Kämpfe, jedenfalls ist der Lärm beeindruckend. Vom Waldrand rücken Schützenpanzer vom Typ Marder mit dem Bataillon 371 vor, während auf dem nächsten Feld eine deutsch-norwegische Einheit ein Minenfeld in die Luft jagt.

Gleichzeitig platzieren norwegische Pioniere eine mobile Brücke, damit polnische Panzer über einen Anti-Panzergraben vorrücken können. Deutsche "Panther" auf der anderen Seite schießen unterdessen panzerbrechende Granaten auf gegnerisches Gelände ab. Die Stimme desb#b Kommandanten aus dem Funkverkehr der Truppenteile befiehlt "Tiger" in südöstlicher Richtung vorzustoßen. "Do you copy?" fragt er vorsichtshalber nach. "Here Tiger, whatever you say, over", kommt in polnisch gefärbtem Englisch zurück. Die Panzer rollen über das Feld.

NATO Übung Noble Jump in Zagan

Bundeswehrsoldat bei NATO-Manöver Noble Jump

Es knirscht noch ein wenig in der Zusammenarbeit

Nach rund zwei Stunden, als Pulverdampf und Staubwolken sich verzogen haben, räumt Hauptmann Ulrich Eikenroth in einer ersten kleinen Manöverkritik ein, dass das Zusammenspiel der Truppenteile und Nationalitäten noch nicht ganz sogeklappt habe, wie man es sich vorstelle. Vor allem deutsche Soldaten haben Probleme mit den englischsprachigen Kommandos. Vielleicht müssten sie erst mal einen Sprachkurs besuchen, bevor sie als Teil des deutsch-niederländischen Korps Mitglied der NATO-Speerspitze werden. Diese superschnelle Eingreiftruppe soll im Laufe des Jahres durch eine Reihe von Manövern zusammen geschweißt und kampfbereit gemacht werden.

Binnen 48 Stunden müssen sie einsatzbereit und an einen potentiellen Krisenherd verlegbar sein. 2100 Soldaten waren an der Übung Noble Jump beteiligt, 440 Fahrzeuge und 56 Tonnen Munition. Insgesamt soll die schnelle Speerspitze 30.000 Mann stark werden. Der deutsche Kommandeur Stephan Behrenz erwähnt auch kulturelle Unterschiede in den Streitkräften, die da zusammen arbeiten. So müssten zum Beispiel die verschiedenen Einsatzgrundsätze angepasst werden. Im Prinzip aber gehe es dem multi-nationalen Korps bei so einer Übung darum „zu zeigen, dass wir es können“.

Polen Zagan NATO Übungen

NATO-Generalsekretär und die Verteidigungsminister aus Polen Norwegen, den Niederlanden und Deutschland

Beschluss über Waffenverlegung nach Osteuropa steht an

Der angereiste NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg zeigte sich "beeindruckt" von dem, was er gesehen habe. Soldaten aus neun verschiedenen Nationen, die "wie eins zusammenstehen", und die jene Einsatzbereitschaft herstellen, die das Bündnis in einem stärker fordernden Sicherheitsumfeld brauche. Gekommen waren auch die niederländische und norwegische sowie die deutsche Verteidigungsministerin. Der polnische Vertreter Tomasz Siemoniak wollte mit dieser Übung sogar gleich Geschichte geschrieben haben.

Historisch ist jedenfalls der Truppenübungsplatz Zagan: Früher kaiserlich deutsch, dann sowjetisch, jetzt Austragungsort für Kriegsspiele der NATO. 'Noble Jump" ist Teil einer Reihe von Übungen in diesem Jahr, mit Marineeinheiten in der Ostsee, Kampfjets über dem Baltikum und einem weiteren großen Landmanöver im Herbst. Russland hat bereits reagiert, und ebenfalls Großmanöver an den Grenzen zum NATO-Gebiet abgehalten. Und scharfe Worte fand Moskau für den Plan, dass die USA möglicherweise 5000 Soldaten und schwere Waffen in die osteuropäischen Partnerländer verlegen wollen. Die Verteidigungsminister wollen nächste Woche bei ihrem Treffen in Brüssel darüber beraten. General-Sekretär Stoltenberg verteidigt das Vorhaben: "Alles was wir tun ist defensiv", betont er, und stehe im Einklang mit den internationalen Verpflichtungen.

Es geht um die Modernisierung der Allianz

NATO Übung Noble Jump in Zagan Polen

Polnische Spezialkräfte

Auch Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen unterstützt die Pläne: Unsere Reaktionen sind verhältnismäßig, sagt sie. "Es ist wichtig dass man den baltischen Ländern, aber auch Polen, Rumänien und Bulgarien deutlich macht, dass ihre Sorgen unsere Sorgen sind", und dass alle NATO-Mitglieder für ihren Schutz einstehen, wie es im Artikel 5 des Nordatlantikvertrages vorgesehen ist. Den Umfragen aber, wonach viele Bürger die Verteidigung von Nachbarländern im Bündnisfall ablehnend sehen, setzt sie entgegen: "Der Artikel 5 gilt!". Die Verteidigungsministerin lobt darüber hinaus das Manöver in Zagan und ihre Soldaten und spricht vom notwendigen Modernisierungsprozess der Allianz, die schnelle Speerspitze in der Testphase sei Teil dieser Entwicklung.

Nach Jahren der Sinnkrise und der Stagnation haben die politischen und militärischen Planer jetzt wieder klare Ziele vor Augen. Dabei gilt natürlich – und das betonten alle hochrangigen Beobachter dieses Manövers – dass die NATO nur defensiv handele und Krisen im Prinzip am Verhandlungstisch gelöst werden müssten. Am besten aber, so Ministerin Ursula von der Leyen, aus einer Position der Stärke heraus.