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Politik

Krieg ist ein zweischneidiges Schwert

Seit den ersten Kriegstagen beobachtet man in den Ländern Asiens den Verlauf der Kämpfe im Irak sehr genau. Eine Parteinahme - gleich, für wen - ist nicht selten schwierig und steht eigenen Interessen entgegen.

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Demonstration "Pro Saddam" in Delhi

Die Beziehungen der meisten asiatischen Länder zum Irak waren geprägt von Normalität und Sachlichkeit - bis zum ultimativen Druck Washingtons auf Bagdad und den UN-Sicherheitsrat.

Indien

Gemeinsame wirtschaftliche Interessen ergänzten sich mit politischem Wohlverhalten Bagdads gegenüber den außenpolitischen Zielen Indiens. Indien zählte zu den Hauptabnehmern irakischen Öls. Welche unmittelbaren praktischen Auswirkungen der Irak-Krieg bis in die Privatsphäre vieler indischer Familien hat, zeigen die Vorkehrungen, die der indische Minister für die zivile Luftfahrt, Shah Nawaz Hussain, treffen musste.

"Falls die indischen Gastarbeiter von Kuwait aus die Grenze nach Saudi-Arabien überqueren und auch Kuwait in den in den Krieg hineingezogen wird, haben wir - wie im ersten Golfkrieg - für die 300.000 dort tätigen Inder, die dann nach Saudi-Arabien einreisen, einen Notfallplan zur Evakuierung entwickelt."

Indiens Haltung zum Irak-Krieg ist trotz traditionell guter Beziehungen zu Bagdad ambivalent. Ali Asghar Engineer, Leiter des Zentrums für Studien der Gesellschaft und des Säkularismus (Centre for Study of Society and Secularism) in Bombay, bemängelt vor allem das Schwanken zwischen politischer Prinzipienfestigkeit und Pragmatismus:

"Indien hat schon seine eigenen Prinzipien, aber es verfolgt auch seine eigenen Interessen. Zur Zeit sucht Indien den Mittelweg. Aus praktischen Erwägungen ist das sicher verständlich. Legt man aber politische Prinzipienfestigkeit als Maßstab an, so kommen doch Zweifel auf - wo doch Deutschland, Frankreich und andere Länder eine so klare Anti-Kriegs-Haltung einnehmen.

Als Premierminister Vajpayee eine All-Parteien-Konferenz einberief, meinte die Opposition, dass der Krieg zu verurteilen sei. Aber in ihrer eigenen Resolution erwähnten sie die USA nicht namentlich. Die Kongress-Partei muss schließlich mit den USA klarkommen, sollte sie einmal die Regierung übernehmen. Die USA sind die einzige Supermacht in der Welt. Die Welt ist nicht multipolar, sie ist unipolar. Die USA verstehen ihre eigenen Interessen als das allem übergeordnete Prinzip des Handelns. Es glaubt hier eigentlich niemand, dass die USA diesen Krieg führen, um dem Terrorismus Einhalt zu gebieten und die Massenvernichtungsmittel zu beseitigen.

Irak verfügt in keiner Weise über so viele Massenvernichtungsmittel wie zum Beispiel die USA. Die Vereinigten Staaten nahmen keine Rücksicht auf die UNO. Wie können die Menschen das gutheißen? Deshalb erheben sie ihre Stimme über alle Unterschiede der Religion, der Rassen und Nationen hinweg. Aus diesem Grund wagen es die Regierungen auch nicht, die USA zu unterstützen. Sie müssen auf ihre Völker Rücksicht nehmen und andererseits die Interessen ihrer Länder sichern. Genau das tut auch die indische Regierung."

Pakistan

Die pakistanische Bevölkerung musste bereits einen abrupten Wechsel der amerikanischen Sicht auf ihr Land vom "Schurkenstaat" zum Verbündeten im Kampf gegen die Taliban verkraften. Auch jetzt im Falle des Irak-Krieges wird den mehrheitlich muslimischen Pakistanern einiges abverlangt. Tanveer Ahmad Khan, ehemaliger Staatssekretär (Foreign Secretary) im Außenministerium Pakistans, denkt bereits an die Zeit nach dem erwarteten Sieg der alliierten Streitkräfte:

"Die Mächte, die Krieg gegen Irak führen, mögen vielleicht bald den Sieg davontragen. Aber was danach kommt, können sie nicht allein bewältigen, weil dieser Krieg katastrophale Folgen hat. Der Wiederaufbau wird problematisch sein. Die Ölförderanlagen werden beschädigt sein, auch durch Sabotage. Die Infrastruktur des Landes wird zerstört sein. Für den Wiederaufbau werden 75 bis 100 Milliarden Dollar nötig sein."

Ziemlich genau diese Summe hat Präsident George W. Bush beim amerikanischen Kongress für den Irak-Krieg beantragt - für den Wiederafbau ist allerdings nur der kleinste Teil des Geldes vorgesehen.

Professor Aslam Sayed, ein bekannter Historiker aus Pakistan, war bis vor kurzem Gastprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin. Jetzt lehrt er an der Pennsylvania-Universität in den USA. Er beobachtet mit besonderem Interesse die Beziehungen zwischen den USA und Europa nach dem Alleingang der USA und Großbritanniens gegen Bagdad.

"Ich glaube nicht, dass es zu erheblichen Spannungen in den Beziehungen zwischen den USA und Deutschland kommen wird, solange beide ökonomisch von einander abhängig sind. Die globale Perspektive wird sich aber verändern, besonders gegenüber Frankreich. Deutschland hat bereits der Nutzung der amerikanischen Basen im Land zugestimmt, denn es ist in gewisser Weise von den amerikanischen Institutionen abhängig.

Ich sehe da schon einen gewissen Riss; aber ich glaube nicht, dass das einen sehr großen Unterschied macht. Nachdem Irak besetzt worden ist und alle Rhetorik verklungen ist, werden beide Seiten bestrebt sein, ihre Beziehungen zu verbessern. Andererseits wird es in Asien und Afrika nicht nur bei Protesten bleiben, sondern man wird dort von Grund auf neu über die Weltordnung nachdenken."

Bangladesch

Professor Rafiqul Abrar Chaudhury vom Institut für Internationale Beziehungen der Dhaka-Universität in Bangladesch gibt Grundstimmungen wieder, die auch den Tenor der Massenkundgebungen in vielen Städten seines Landes prägten:

"Das Volk von Bangladesch ist einmütig gegen diesen Krieg, weil es diesen Krieg als einen ungerechten Krieg empfindet. Es gibt keine moralische Rechtfertigung. Er dient nur den Amerikanern und Briten und ihren nationalen Interessen. Beide Staaten zeigten kein Interesse an einer Billigung von Aktionen gegen den Irak durch die UNO. Die Art und Weise, wie sie den Krieg führen, ist nach Meinung des Volkes ungerecht. Die Amerikaner sind der Auffassung, dass dieser Krieg ein Kampf gegen den Terrorismus ist. Mit solchen Mitteln wird dieser Kampf jedoch scheitern."

Indonesien

Im bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt, in Indonesien, reagiert man sensibel auf die militärischen Aktionen gegen Bagdad. Hasyim Muzadi, der Vorsitzende von Nahdlatul Ulama, der größten muslimischen Organisation Indonesiens, glaubt fest an einen nationalen Konsens in dieser Frage:

"Die indonesische Bevölkerung ist vereint gegen diesen Krieg. Diese Einmütigkeit zieht sich nicht nur durch die muslimische Bevölkerung, sondern sie erfasst auch die Angehörigen aller anderen Religionen. Auch bei den Muslimen gibt es jetzt keine unterschiedlichen Meinungen mehr zwischen den sogenannten ‚moderaten' und ‚radikalen' Gruppen. Man kann davon ausgehen, dass es in Zukunft eine erhöhte Radikalisierung gegen die USA in Indonesien geben wird. Auch der Druck auf die Regierung von Frau Megawati wird in dieser Frage zunehmen."

Wenig optimistisch zeigt sich Professor Aslam Sayed in bezug auf die vom Islam geprägten Länder.

"Die islamische Welt hat keine Lehren aus all dem gezogen, denn sie engagiert sich nicht für ein soziales politisches und ökonomisches System im Interesse ihrer Bürger. Diese Trennung zwischen den verschiedenen Staaten, die von Diktaturen und Monarchien regiert werden, und jenen, die nach einer demokratischen Entwicklung streben, geht bis in die Kolonialzeit zurück. Wenn diese Teilung weiter so bestehen sollte, sehe ich da keine großen Veränderungen in der muslimischen Welt."

Hongkong/China

Professor Joseph Y. S. Cheng von der Universität Hongkong begründet den Friedenskurs Chinas, der dennoch den chinesisch-amerikanischen Beziehungen keinen Schaden zufügen soll, auch mit der Erfahrung der Verletzung chinesischer wirtschaftlicher Interessen in Zentralasien:

"China hat zwar öffentlich Zurückhaltung demonstriert. Aber in Wirklichkeit macht sich Beijing doch Sorgen wegen der verstärkten militärischen Präsenz der USA in Zentralasien. Dass die Amerikaner im Zuge ihrer Militäraktion in Afghanistan Ende 2001 Zugriff auf Militärbasen in Zentralasien erhielten, wurde in Peking als schwerer Schlag gegen die gerade erst mühsam aufgebaute "Shanghaier Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Zentralasien" gewertet. Auch im Kampf um das Öl in dieser Region sieht sich China direkt mit großen amerikanischen Energiekonzernen konfrontiert."

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