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Kultur

Krieg im Comic - Jacques Tardis Graphic Novel

Mit dem Kriegsende beginnt für Millionen Kriegsgefangene ein langer beschwerlicher Heimweg. Der französische Autor Jacques Tardi illustriert in bedrückenden Bildern das Kriegstagebuch seines Vaters.

"Am 23. Mai 1945, um 15 Uhr und ein paar Zerquetschte, kam ich in Valence an. Ich weiß nicht mehr, ob Henriette mich allein abholte oder zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Basile. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich nur sie sehen wollte… Sie hatte sich überhaupt nicht verändert und mein Herz schlug wie wild!" Voller Glück hält René Tardi seine Frau fest im Arm, es regnet Blumen in allen Farben und daneben sitzt, verschmitzt lächelnd und zufrieden sein Sohn Jacques.

Wenige Monate zuvor: Januar 1945. Der Zweite Weltkrieg neigt sich seinem Ende zu. Seit Juni 1944 befreien die Alliierten vom Atlantik aus das besetzte Westeuropa. Die rote Armee drängt die Wehrmacht immer weiter zurück und marschiert ununterbrochen auf Berlin zu. Millionen Menschen fliehen vor der nahenden Ostfront. Unter den Flüchtlingsströmen sind auch tausende Kriegsgefangene aus den von den Deutschen besetzten Gebieten: Holländer, Belgier, Franzosen. René Tardi ist einer von ihnen. Am 22. Mai 1940 gerät der französische Panzerfahrer in Lothringen in deutsche Kriegsgefangenschaft und wird nach Hinterpommern im heutigen Polen in das Straflager Stalag II B gebracht. Als die Ostfront 1945 näher rückt, ändert sich die politische Lage radikal. Das frontnahe Straflager wird aufgelöst und die Gefangenen von der Wehrmacht auf einen langen Marsch Richtung Westen gebracht. Sie sind für die Deutschen wichtig für Verhandlungen mit den Alliierten, trotzdem werden sie malträtiert und schikaniert.

Krieg im Comic

Buch Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB

Buch :"Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB"

René Tardi hat über seine Erfahrungen in der Gefangenschaft Tagebuch geführt. Bis zum Kriegsende und zu seiner Rückkehr nach Frankreich. Sein Sohn Jacques Tardi (*1946) hat diese Erinnerungen nun in einer Graphic Novel aufgearbeitet. Der erste Teil erschien bereits 2012 und behandelte René Tardis Kriegsgefangenschaft in Hammerstein in Hinterpommern, der zweite Teil, der jetzt erschienen ist, "Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im StalagIIB: der lange Marsch durch Deutschland" behandelt eben jene Zeit von Januar 1945 bis zu seiner Rückkehr nach Frankreich im Mai.

Ein anderer Blick

Es ist ein, zumindest in Deutschland, nicht oft gewagter Blick auf das Kriegsende. Es ist nicht die Hollywood-Geschichte von den Alliierten, den heldenhaften Befreiern und es ist auch nicht die Geschichte von den Deutschen, die vor der plündernden und vergewaltigenden roten Armee fliehen.

Es gibt keine Helden in den letzten Monaten des Krieges. Die französischen Kriegsgefangenen sind seit fünf Jahren besiegt. Sie sind die Verlierer des Krieges und den deutschen Bewachern schutzlos ausgeliefert. "Sie drohen ununterbrochen, schreien die Männer wegen Nichtigkeiten an, schlagen und rempeln mit ihren Gewehrkolben. Wir haben auch schon Schüsse von Maschinenpistolen gehört. Zwei Männer am Ende des Zuges sind von den Scheißkerlen erschossen worden", beschreibt Tardi den Kriegsalltag in seinen Erinnerungen. Die letzten Monate sind von Hunger, Demütigung und Willkür geprägt. Doch im Laufe der Zeit drehen sich die Machtverhältnisse. Die unterdrückten Verlierer befreien sich Anfang Mai 1945 gewaltsam von ihren Bewachern und nutzen das freigewordene Machtvakuum. René erklärt seinem Sohn die folgenden Gewaltausbrüche als unumgänglich: "Glaub mir, das war der einzige Weg, uns von diesen Schweinen zu befreien, sonst hätten sie uns noch ewig schikaniert. Fünf Mistkerle baumelten an einem Strick… zur Abschreckung." Jacques illustriert im Comic den vom Vater begangenen Mord vor einem blutroten Himmel. Er selbst steht als entsetztend, schreiender Junge am Rande des grausamen Geschehens.

Jacques als Kommentator

Frankreich Jacques Tardi Comic-Zeichner

Comic-Zeichner: Jacques Tardi

Tardis Graphic Novel ist ein schonungsloser Blick auf die letzten Kriegsmonate. Die Tagebuchberichte werden immer wieder ergänzt durch Kommentare des Comiczeichners, der sich als kleinen Jungen mit in die Geschichte hineinzeichnet und sich mit seinem Vater unterhält. Der nachhackt, wenn es unlogische Brüche oder Lücken in seinen Erinnerungen gibt oder über den aktuellen Kriegsverlauf berichtet.

Buch Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB

Buch :"Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB"

Ende April sitzt der Trupp aus Kriegsgefangenen im Mecklenburgischen Zietlitz fest. Die deutschen Bewacher wirken Ziel und orientierungslos. Der junge Jacques Tardi berichtet über die Hintergründe: "Gestern haben Hitler und Eva Braun im Führerbunker geheiratet. Heute, am 30. April, nach einer vegetarischen Mahlzeit zusammen mit Eva, seinen zwei Sekretären und seiner Köchin, hat er sich gegen 15:30 Uhr eine Kugel in den Mund geschossen." Auch die Bombardierung von Dresden (14. Februar: "Papa, gestern Abend um 22 Uhr haben sich neun kleine Mosquito-Bomber der Royal Air Force auf einen Erkundungsflug nach Dresden gemacht. Sie warfen Leuchtraketen und rote Zielindikatoren ab."), den Verlauf der Ostfront und der Westfront ("Sicher habt ihr die Elbe hier, bei Dörnitz, nochmal überquert, um nach Gut Schlesin zu gelangen. Die Brücke war noch intakt. Sie wird erst am 20. April von den Amerikanern bombardiert und teilweise zerstört werden.") und die letzten Tage der Konzentrationslager ("Wegen des Fleckfiebers wurde Bergen-Belsen zwar den Briten übergeben, aber nicht gleich geräumt. Andere Lager wurden schnellstmöglich aufgelöst und alles belastende Material zerstört.") finden Platz in seinen Spruchblasen. In deutlichen, "dreckigen" Bilder, fast durchgehend grau in grau gehalten und mit einer derben Sprache wird nichts schöngemalt.

Endlich wieder Farbe

Die Graphic Novel ist fast durchgehend farblos gehalten, bis zu dem Punkt an dem sich die Machtpositionen drehen und der Krieg für die Deutschen verloren ist. In dem Moment kommt es bei den Gefangenen zu Gewaltausbrüchen, die schließlich darin gipfeln, dass sie ihre Bewacher überwältigen und erhängen: "Wir machten kurzen Prozess und knüpften sie an Bäumen und einem Telefonmast auf. Danach wurde nicht mehr darüber gesprochen." Erst auf den letzten Seiten, mit der Rückkehr von René Tardi nach Frankreich zu seiner Frau werden die Bilder farbig. Eine Rückkehr zur Normalität.