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Politik

Kreditomanija

In Sowjetzeiten gab es genug Geld, man konnte sich dafür aber nicht viel kaufen. Jetzt könnten sich die Russen alles kaufen, oft fehlt aber das nötige Kleingeld.

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Stephan Hille

Vorbei sind die Zeiten, in denen Igor und Olga Normalverbraucher jahrelang ihre Rubel zur Seite legten, um sich endlich einen Farbfernseher kaufen zu können. Vergessen sind auch die schweren Finanzturbulenzen, als alle paar Jahre eine neue Wirtschaftskrise die Ersparnisse in Luft auflöste. Heute müssen die Russen kein Geld mehr zu sparen, um sich einen neuen Farbfernseher, ein Auto oder einen Kühlschrank leisten zu können. Man geht einfach ins nächste Geschäft und nimmt einen Konsumkredit auf.

In Russland herrscht eine wahre „Kreditomanija“. Im Fernsehen sieht man glückliche Menschen, die große Kisten aus Elektronikläden schleppen, begleitet von einer verführerischen Stimme die sagt, „nur angezahlt und schon gehört es dir!“. Auch aus dem Radio wird die Versuchung mit euphorischen Werbespots vorangetrieben und selbst in den Zeitungen sind die bunten Anzeigen nicht zu übersehen. Am ausgeprägtesten aber ist der Konsum-Anreiz in den Läden selber. In den großen Elektronik-Ketten und in den führenden Supermärkten haben die Banken gleich eigene Stände aufgestellt. Hier können die Kunden mühelos einen Kleinkredit aufnehmen und sich den Weg zur Bank sparen.

Große Nachfrage nach Krediten

Solche verlockenden Angebote treffen natürlich den Nerv der russischen Konsumenten. Zu Sowjetzeiten hatten Igor und Olga Normalverbraucher zwar Geld, aber die Regale waren leer. Inzwischen gibt es alles, doch nun fehlen ihnen die finanziellen Mittel. Da kommt ein Konsumkredit gerade richtig. Seit russische Banken anfingen, vor drei Jahren die ersten Konsumkredite anzubieten, ist ein wahrer Boom ausgebrochen. Inzwischen haben viele Banken den Markt für Kleinkredite entdeckt, sie versprechen sich hohe Renditen.

Die Banken machen es ihren Kunden nicht nur dadurch leicht, dass sie den Konsumenten bereits in den Geschäften "abholen" und freundliche junge Angestellte gleich auch die Anträge ausfüllen. Auch die Bedingungen, unter denen man einen Kredit bekommen kann, sind in den vergangenen Monaten wegen der harten Konkurrenz zwischen den Banken immer leichter geworden. Kredite gibt es heute ohne Bürgschaft und ohne Angaben zum Arbeitsplatz.

Jeder Vierte in Russland hat bereits einen Kredit aufgenommen. Und täglich werden es mehr. Noch dauert die Euphorie an. Geschichten über Menschen, die das Geld nicht zusammenbringen, um die Zinsen zu begleichen und den Kredit zurückzubezahlen, sind noch selten. Experten warnen aber davor, dass die Euphorie in einem großen Katzenjammer enden könnte.

Unklarheit über Kosten

Umfragen zeigen, dass die meisten Kreditnehmer sich nicht bewusst sind, welche Kosten auf sie zukommen. Jahreszinsen von 25 Prozent sind keine Seltenheit. Und dort, wo die Zinsen tief sind, müssen hohe Gebühren bezahlt werden. Mit schwerwiegenden Konsequenzen: Befragungen zeigen, dass zwei Drittel der Familien, die einen Kleinkredit aufgenommen haben monatlich mehr als 25 Prozent ihres Einkommens an die Bank überweisen. Bei 15 Prozent der Familien geht zwischen einem Viertel und der Hälfte des Einkommens weg. Geht man davon aus, dass vor allem Familien Kredite aufnehmen, die eher zu wenig als zu viel Geld zur Verfügung haben, ist die private Pleite vorprogrammiert.