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Europa

Krastev: Türkei und Russland als "Nein"-Sager

Russland will mehr Einfluss im Nahen Osten, die Türkei hat eine Schlüsselrolle in der Flüchtlingskrise: Vor diesem Hintergrund ist eine Lösung des bilateralen Konflikts sehr schwierig, meint Ivan Krastev.

DW: Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkische Armee steigen die Spannungen zwischen Russland und der Türkei. Wird dieser Konflikt die Rolle Moskaus auf der Weltbühne verändern?

Ivan Krastev: Nicht der Konflikt mit der Türkei, sondern der "Islamische Staat" (IS) und die wachsende Angst vor dessen Terror verändern allmählich Moskaus Rolle in der Weltpolitik. Die Militäroperation in Syrien hilft Russland, langsam aus der Isolation auszubrechen. Die Anschläge in Paris haben viele in Europa dazu gebracht, Russland eher als potenziellen Partner denn als Hauptfeind zu sehen. Der Konflikt mit der Türkei ist für Moskau in diesem Sinne kontraproduktiv. Die Türkei ist schließlich nicht nur NATO-Mitglied, sondern - und das ist noch wichtiger - jenes Land, das eine zentrale Rolle in der EU-Strategie zur Bewältigung der Flüchtlingskrise spielt.

Im Laufe der Geschichte waren Russland und die Türkei Feinde. Heute haben die beiden Länder viele Gemeinsamkeiten. Wie werden sich vor diesem Hintergrund die bilateralen Beziehungen entwickeln?

Ivan Krastev Quelle: BGNES

Ivan Krastev

Die Ähnlichkeit zwischen Russland und der Türkei besteht vor allem darin, dass beide Erben von Reichen am Rande Europas sind. Beide lechzen nach Anerkennung durch Europa, sind dem Westen gegenüber aber immer kritisch. Diese Ambivalenz machte es möglich, dass beide Länder in den vergangenen zehn Jahren sehr gut zusammenarbeiten konnten. Nicht nur wegen der gemeinsamen Wirtschaftsinteressen, sondern weil sie ihre Souveränität als Kernstück der Politik betrachten. Diese Souveränität gegenüber dem Westen sehen sie vor allem als Fähigkeit, "Nein" zu sagen. Die Türkei ist das einzige NATO-Land, das die Sanktionen gegen Russland nicht mitträgt. Die Bereitschaft der Türkei, "Nein" zu sagen - selbst gegenüber den USA - wird von Russland sehr hoch geschätzt. Auch aus diesem Grund hat Russland gerade die Türkei zum Zentrum seiner Gas-Diplomatie gemacht. Allerdings hat die Bestrebung Moskaus, eine führende Rolle im Nahen Osten zu spielen, die bilateralen Beziehungen wortwörtlich gesprengt. Denn Russlands Ziele in Syrien sind genau das Gegenteil davon, was die Türkei dort will.

Was die Ähnlichkeit zwischen Putin und Erdogan betrifft: Sie wirkt sich eher negativ auf eine Lösung des bilateralen Konflikts aus. Beide Präsidenten glauben an uneingeschränkte Macht, dulden keine Kritik und sind bereit, alles aufs Spiel zu setzen, um ihre Ziele zu erreichen. Sie glauben an Verschwörungstheorien, hinter ihrer aggressiven Politik verbirgt sich aber ein Gefühl von Unsicherheit, das sie teilen.

Zwischen der türkischen und der russischen Gesellschaft gibt es jedoch große Unterschiede. Anders als die russische ist die türkische Gesellschaft sehr jung und dynamisch. Im Unterschied zu Putin hat Erdogan eine stabile Ideologie und stützt sich auf den Islam, den er nicht einfach aus taktischen Gründen vorschiebt. Umgekehrt ist der innenpolitische Zusammenhalt in Russland viel größer, während die türkische Gesellschaft gespalten ist: sowohl ethnisch wegen der Kurden, als auch zwischen den religiösen und den säkularen Bürgern. In der Türkei kann die AKP auch ohne Erdogan überleben, während ein Post-Putin-Russland zurzeit unvorstellbar scheint. In diesem Sinne scheint die Türkei kurzfristig verwundbarer, während Russland langfristig unvorhersehbarer ist.

Die NATO hat Montenegro zum Beitritt eingeladen und die Türkei unterstützt. Für die russische Führung ist dies eine Kampfansage. Birgt das eine neue Gefahr?

Die aktuellen Spannungen zwischen Russland und der NATO spielen sich auf einer symbolischen Ebene ab. Die NATO hat Montenegro vor allem deswegen eingeladen, weil sich Russland kategorisch gegen eine neue NATO-Erweiterung stellte. Mit anderen Worten, es geht nicht um irgendwelche großartigen geopolitischen Interessen um Montenegro, sondern darum, dass sich jede Seite gegen das Diktat der anderen wehrt. Es ist ein Propaganda-Krieg, nichts weiter.

Wladimir Putin kritisiert oft "den Westen". Kann man seine Kritik genauer differenzieren: gegen den Westen allgemein, gegen die USA, gegen die EU, gegen die NATO?

Russland ist sehr auf die USA fixiert. Die Hauptanschuldigung gegen die EU lautet ja, dass die Europäer keine eigene Außen- und Sicherheitspolitik haben, sondern bloß ein Instrument der US-Außenpolitik sind. Moskau hat immer versucht, eine Spannung in den transatlantischen Beziehungen aufzubauen. Und dabei die Tatsache stets ignoriert, dass die Europäer gerade deswegen auf die US-Militärpräsenz auf dem Kontinent bestehen. Die russische Außenpolitik hat die EU immer als ein temporäres Gebilde gesehen. Deswegen legt Moskau immer viel mehr Wert auf die bilateralen Beziehungen zu wichtigen EU-Staaten wie Frankreich, Deutschland, Großbritannien oder Italien als auf die Zusammenarbeit mit den europäischen Institutionen. Gerade weil Moskau die bilateralen Beziehungen überschätzt, war man dort unangenehm überrascht, dass Deutschland nach der Annexion der Krim die Sanktionen gegen Russland so entschlossen mitgetragen hat.

Ivan Krastev ist Russland-Experte, Permanent Fellow des "Instituts für die Wissenschaften von dem Menschen" in Wien und Kolumnist der New York Times.

Das Gespräch führte Alexander Andreev.

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