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Nahost

Kraftprobe zwischen Sunniten und Schiiten im Irak

Die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten im Irak nehmen zu. Eine Hochburg des sunnitischen Protestes gegen den schiitischen Premierminister Nuri al-Maliki und seine Regierung ist Falludscha in der Provinz Anbar.

Protestierende Sunniten mit alter irakischer Fahne in Falludscha. (Foto: Birgit Svensson)

Sunnitischer Protest in Falludscha

Das Protestcamp ist nicht zu übersehen. Gleich wenn man auf der Hauptstraße von Bagdad nach Falludscha hinein fährt, sind auf einem großen Platz Zelte aufgebaut, eine Bühne mit den Fotos getöteter Demonstranten und jede Menge Fahnen. Sie stammen noch aus der Zeit Saddam Husseins, als seine Baath-Partei regierte und die Sunniten einen wichtigen Teil der Elite des Irak darstellten. Jetzt fühlen sie sich ausgegrenzt. Nach dem Sturz des Diktators sollte schnell eine neue Fahne gefunden werden. Doch die Abgeordneten des ersten Übergangsparlaments konnten sich nicht einigen, sodass nur die grünen Sterne der Baath-Partei entfernt wurden. Der Rest blieb.

In Falludscha sind die Sterne wieder auferstanden. Sie sind zum Symbol des Kampfes gegen die von Schiiten dominierte Regierung in Bagdad geworden. Sheikh Khaled, der Anführer der Proteste in Falludscha, steht vorne auf der Bühne am Mikrofon und ruft den Anwesenden zu, dass man den Platz nicht räumen werde, wie es Premierminister Nuri al-Maliki gefordert habe: "Wir denken nicht daran, hier wegzugehen!" Tosender Beifall braust auf.

Protest der alten Elite

Protestcamp der Sunniten in Falludscha (Foto: Birgit Svensson)

Protestcamp der Sunniten in Falludscha

Die Proteste dauern seit Dezember 2012 an und weiten sich seitdem kontinuierlich aus. Damals verhafteten Sicherheitskräfte zwei der Leibwächter von Finanzminister Rafie al-Issawi, einem prominenten sunnitischen Regierungsmitglied. Ihnen wird vorgeworfen, Terroranschläge gegen Schiiten durchgeführt und einen Putsch gegen Premier Maliki mitgeplant zu haben. Inzwischen ist auch Issawi selbst wegen Terrorverdachts angeklagt.

Der Fall erinnert sehr an den ehemaligen Vize-Präsidenten Tarek al-Hashemi zwei Tage nach dem Abzug der letzten US-Kampftruppen im Dezember 2011, als drei seiner Leibwächter verhaftet wurden und im irakischen Staatsfernsehen ihre angebliche Verwicklung in Terroraktivitäten gestanden. Danach widerriefen sie ihre Geständnisse und behaupteten, diese unter Folter gemacht zu haben. Inzwischen ist Hashemi zum Tode verurteilt und hält sich in der Türkei auf. Finanzminister Issawi dagegen gab kurze Zeit nach der Verhaftung seiner Bodyguards seinen Rücktritt bekannt und versteckt sich seitdem in der Provinz Anbar, die zur Hochburg der Proteste wurde und sich inzwischen weitgehend der Kontrolle der Regierung entzieht. Falludscha ist zwar umgeben von Soldaten der irakischen Armee, in die Stadt selbst traute sich bislang keiner.

Finanzminister Rafie al-Issawi bei einer Kundgebung in Ramadi am 1. März 2013 (Foto: Reuters)

Ex-Finanzminister Rafie al-Issawi bei einer Kundgebung in Ramadi am 1. März 2013

"Das Ultimatum wird verstreichen, ohne dass etwas passiert", prophezeit Sheikh Saadon Talib El Jumeili, der am Rande des Protestcamps steht und die Szenerie beobachtet. Der Regierungschef hat den Demonstranten 48 Stunden gegeben, die Sit-Ins zu beenden. Ansonsten werde die Armee eingreifen, drohte er. Doch auch die Protestbewegung im benachbarten Ramadi denkt nicht daran aufzugeben. Zwar hat der neuerliche Entzug der Sendelizenzen für zehn arabische TV-Sender, darunter Al Jazeera, bewirkt, dass weniger Bilder an die Öffentlichkeit gelangen, doch man ist sich sicher, dass auch so die Forderungen der Demonstranten Verbreitung finden.

Sunnitischer Protestgürtel

Der "sunnitische Gürtel" der Proteste weitet sich beständig aus. Inzwischen verläuft er nahezu über die gesamte Nordhälfte des Irak: Von der Provinz Anbar im Westen ausgehend, erstreckt er sich mittlerweile über Kirkuk und Ninewa, Salah al-Din und Dijala im Osten. Die schwersten Zusammenstöße zwischen der irakischen Armee und den Demonstranten fanden nicht in Anbar, sondern in Hauwija, nahe Kirkuk statt, als 69 Menschen getötet und über 100 verletzt wurden. Zwei Tage später kam es in Suleiman Beg in der Provinz Salah al-Din zu schweren Kämpfen und ebenfalls zu über 20 Toten.

Die Protestbewegung will zur Selbstverteidigung gegen die übermächtige, von Schiiten geprägte Armee gehandelt haben. Premier Maliki behauptet, dass Terroristen und Sympathisanten der Baath-Partei dahinter steckten und macht Anbar als deren Brutstätte verantwortlich. Mit 712 Toten und über 1600 Verletzten war der April der tödlichste Monat seit fünf Jahren, wie die Mission der Vereinten Nationen im Irak mitteilt. "Wenn das Bewusstsein in einem Menschen stirbt, kommt das Tier heraus", kommentiert Sheikh El Jumeili die momentane Situation philosophisch.

Einwohner von Falludscha kehren nach schweren Kämpfen zwischen Aufständischen und US-Truppen am 31. Dezember 2004 in ihre zerstörte Stadt zurück. (Foto: dpa)

Einwohner von Falludscha kehren nach schweren Kämpfen zwischen Aufständischen und US-Truppen am 31. Dezember 2004 in ihre zerstörte Stadt zurück

Zum Bewusstsein gehören für den Sheikh auch Respekt und Würde. Diese aber seien in den letzten zehn Jahren mit Füßen getreten worden. Zunächst seien die Amerikaner gekommen, hätten Massenverhaftungen auf bloßen Verdacht der Loyalität zu Saddam Hussein unternommen, hätten die Frauen respektlos behandelt und sie wie Männer angefasst. "Frauen sind für uns Juwelen", sagt El Jumeili: "Wer unsere Frauen entwürdigt, übertritt eine rote Linie." So ist auch jetzt eine der Hauptforderungen der Protestbewegung, in erster Linie inhaftierte Frauen freizulassen. Bei den Razzien der irakischen Armee nach Terrorverdächtigen in den vergangenen Monaten wurden oftmals Frauen mitgenommen, wenn keine Männer anzutreffen waren. "Es ist schwer, den Irak zu führen", seufzt der 58-Jährige und rückt sein rot-weiß kariertes Tuch zurecht, das mit einer schwarzen Kordel um den Kopf festgehalten wird.

Widerstand - erst gegen die USA, dann gegen Al-Kaida

Als die Amerikaner kamen, schickten sie den Sheikh nach Hause und lösten über Nacht die Sicherheitskräfte auf. El Jumeili wusste nicht, wie er seine Familie ernähren sollte. Er schloss sich dem Widerstand an. Seine Stimme wird leiser, wenn er über die dunklen Jahre des Terrors spricht. In einem seiner Häuser wurden die Anschläge gegen US-Truppen geplant, nebenan Sprengsätze gebaut. Falludscha wurde zur Hochburg des Widerstands gegen die Besatzer. Und dann kamen die internationalen Terroristen. Im Nachhinein betrachtet, sei der Widerstand nicht sehr hilfreich gewesen, gibt der Sheikh nachdenklich zu: "Er hat Al-Kaida die Tür geöffnet."

Sunnitische Kämpfer Anfang April 2004 in Falludscha (Foto: AP)

Sunnitische Kämpfer Anfang April 2004 in Falludscha

Nachdem die bekannten Stammesführer Abu Risha in Ramadi und Eifan Al-Issawi in Falludscha, die inzwischen beide ermordet worden sind, mit den Amerikanern die Sahwa-Allianz begründet hatten, machte auch Jumeilis Stamm Jagd auf die extremistischen Eindringlinge. Er habe Ausländer festgenommen, die sowohl Dollars als auch iranische Rial bei sich hatten. Dass der Iran Al-Kaida in ihrem Kampf gegen Amerika unterstützte, ist lange als abwegig bezeichnet worden. Iran ist schiitisch geprägt, Al-Kaida sunnitisch. Das Ausbrechen des Bürgerkriegs zwischen Sunniten und Schiiten in den Jahren 2006 und 2007 führte eine derartige Behauptung ad absurdum. Doch neuerliche Recherchen haben ergeben, dass der Iran sehr wohl Al-Kaida-Kämpfern als Durchgangsland diente und sie auch finanziell unterstützte.

Jetzt fürchten einige irakische Politiker und internationale Beobachter, dass die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten erneut eskalieren und den Bürgerkrieg zurückbringen. Stammesführer in der Provinz Anbar haben ihre Mitglieder aufgefordert, eine eigene, sunnitische Miliz zu gründen, um sich gegen die, wie sie sagen, schiitisch geprägte irakische Armee zu verteidigen. Die sunnitischen Soldaten sind aufgefordert worden, die irakische Armee zu verlassen und die Waffen mitzunehmen. Abu Risha junior steht in Ramadi unter Druck, die nach dem Abzug der US-Truppen noch fortbestehende Sahwa-Allianz mit der Regierung gegen Al-Kaida aufzulösen und die Kämpfer in die neue Miliz zu integrieren. Doch Sheikh Khaled, der Protestführer in Falludscha, will davon nichts wissen: "Wir setzen unsere Forderungen nicht mit Waffen durch."

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