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Wissen & Umwelt

Krachmacher für leise Elektroautos?

Kein Brummen, kein Knattern. Elektromotoren sind leiser als Verbrennungsmotoren, was weniger Verkehrslärm verspricht. Doch weil zu leise Autos auch ein Verkehrsrisiko sein könnten, wollen manche sie wieder lauter machen.

Smart Elektro des Forschungsprojekts BeMobility in Berlin (Foto: DW)

Strom getankt, Ruhe auf der Straße: ein Problem?

Blinder Mann auf Straße (Foto: picture-alliance/dpa)

Für sie hängt ihr Leben vom Geräusch ab: Blinde wollen Autos hören

In den USA gehören leise Elektroautos schon bald der Vergangenheit an. Grund dafür ist das von US-Präsident Barack Obama im Januar 2011 unterschriebene "Gesetz zur Verbesserung der Fußgängersicherheit". Damit werden geräuscharme Elektro- oder Hybridfahrzeuge verpflichtet, ein Minimalgeräusch zu erzeugen, um blinde, sehbehinderte und ältere Verkehrsteilnehmer akustisch vor Gefahr zu warnen.

Untersuchungen der US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA zufolge ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein folgenschwerer Unfall mit einem leisen Hybridfahrzeug passiert, doppelt so hoch wie die eines Unfalls mit einem klassischen Verbrennungsfahrzeug.

Kann man Verkehrslärm verordnen?

Das schreckt auch die vehementesten Elektromobilitätsbefürworter in Deutschland auf, schließlich will die deutsche Bundesregierung bis 2020 mindestens eine Millionen Elektroautos auf die Straße bringen. Passiert nichts, könnte in der Tat die Verkehrsicherheit leiden, glaubt Professor Wolfgang Foken. Er lehrt an der Westsächsischen Universität Zwickau technische Akustik. "Ich nehme an, dass das Unfallrisiko durch Elektroautos sicherlich steigt." Allerdings, konkretisiert der Fahrzeugakustiker, gelte das nicht für alle Fahrsituationen: "Elektrofahrzeuge sind vor allem beim Anfahren, Rückwärtsfahren oder Einparken sehr leise. All diese Manöver unterhalb von 25 Stundenkilometern sind nahezu geräuschlos."

Klangtests der Autoren mit einem Smart Elektro des Forschungsprojekts BeMobility in Berlin (Foto: DW)

Wie klingt ein Elektroauto? Klangtests sollen das Problem lösen

Blindenverbände unterstützen deshalb die US-amerikanische Geräuschpflicht, nicht wenige Fahrzeughersteller arbeiten bereits intensiv an der Entwicklung künstlicher Geräusche. Bereits auf dem Markt ist das Elektroauto Nissan Leaf, das mit Soundgenerator im Motorraum ausgestattet ist, ebenso wie das Hybridfahrzeug Toyota Prius, das von Sounddesignern entworfene Geräusche erzeugt (Hörprobe am Ende des Textes).

Damit die Fahrzeughersteller nicht übertreiben, hat sich sogar eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen in Genf des Themas angenommen. Dabei tüfteln die UN-Beamten an Standards, die für alle mit Strom betriebenen Fortbewegungsmittel gelten sollen - also Motorräder, Autos, LKW und Busse. Oberstes Ziel der UN-Kontrolleure: Der neue Klang der Elektroautos soll einheitlich geregelt werden. Ausgefallene Kunstgeräusche könnten Blinde eher verschrecken als warnen.

Allrad-Rollenprüfstand mit Vorbeifahrt-Messhalle. (Foto: Fraunhofer-Institut für Bauphysik/Abteilung Akustik)

Genau hingehört: Pascal Teller rüstet ein Fahrzeug auf dem Rollenprüfstand mit Messtechnik aus

Weder in Europa noch in Deutschland wird allerdings bislang ernsthaft über eine Geräuschpflicht für leise Autos debattiert. Gut so, findet zumindest Pascal Teller. Er forscht am Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart in der Arbeitsgruppe Fahrzeugakustik. "Bei ganz niedrigen Geschwindigkeiten sollte es eigentlich ausreichen, dass man das Fahrzeug noch abstoppen kann, wenn man sieht, dass eine Person in den Gefahrenbereich kommt."

Teller, auf dessen Akustik-Prüfstand regelmäßig Verbrenner-, Hybrid- und Elektrofahrzeuge stehen, setzt auf Aufklärung und praktisches Erleben statt Geräuschpflicht. "Elektromotoren haben relativ hochfrequente Geräuschanteile, so eine Art Fiepsen und Piepsen", erklärt Teller. Für Sehbehinderte wie Normalsehende gelte da gleichermaßen, dass man erst einmal erkennt, was sich hinter dem fremden Geräusch verbirgt. "Die Leute müssen mit dem Geräusch einfach vertraut werden."

Geräuschpflicht oder Aufklärung?

Allrad-Rollenprüfstand mit Vorbeifahrt-Messhalle (Foto: Fraunhofer-Institut für Bauphysik/Abteilung Akustik)

Wie klingt der Fahrbahnbelag?

Doch auch Pascal Teller nimmt die Sicherheitsbedenken der Blindenverbände ernst. Er selbst hat bereits typische Verkehrssituationen mit Sehbehinderten simuliert, Untersuchungen begleitet. Seine wichtigste Erkenntnis: Elektro heißt vor allem anders!

Professor Foken dagegen hat in den geräuscharmen Autos, so genannten "low noise cars", eines seiner Forschungsfelder gefunden. Er katalogisiert bereits entworfene künstliche Geräusche und führt Klangversuche durch. Das Elektromobil der Zukunft soll gut klingen und weithin hörbar sein, beschreibt er seinen Anspruch. "Es geht nicht mehr darum, Fahrzeuge leiser zu machen, sondern es geht darum, Fahrzeuge mit einem Geräusch auszustatten, das einen gewissen Qualitätsanspruch erhebt."

Ob es in Deutschland je eine Vorschrift geben wird, die leise Autos lauter macht, da sind sich die beiden Experten uneins. Eines aber schließen sie aus: Das Auto der Zukunft wird nicht wie ein Verbrennungsmotor knattern.

Autor: Richard A. Fuchs /Bodo Hartwig
Redaktion: Nicole Scherschun