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Asien

Kräutersud tut selten gut - oder etwa doch?

Die Sprechstunden von chinesischen Therapeuten werden immer voller. Trotzdem wird man in Deutschland mit traditioneller chinesischer Medizin nicht als Arzt anerkannt - ein Fehler, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Die schnelle Diagnose lautet: Heiße Leber, trockene Augen, zu starkes Yang. Wer sich mit seinen Schmerzen in die Hände eines Spezialisten der traditionellen chinesischen Medizin, kurz TCM, begibt, muss mit solchen mysteriösen Worten als Diagnose rechnen. Zur Therapie werden keine Rezepte für Medikamente verschrieben, sondern Nadeln gesetzt und Kräuter angemischt.

Für den westlichen Patienten ist das anfangs sehr befremdlich. Er ist an die analytische und technologisierte Herangehensweise westlicher Ärzte gewöhnt. Eine Blutprobe fürs Labor, mit dem Stethoskop die Atmung abhören oder eventuell ein EKG, damit lässt sich der Grund für die Krankheit herausfinden. Aber genau hier liegt der Unterschied. Die moderne Medizin versucht, die Ursache mit wissenschaftlichen Mitteln zu finden und zu erklären.

Starke Nachfrage in Deutschland

Frank Sieren (Foto: DW)

Sieren: "Westliche Medizin soll sich für chinesische Erfahrungen öffnen"

Chinas traditionelle Medizin geht einen anderen Weg. Es werden keine Erklärungen gesucht, es reicht vielmehr, dass eine Behandlung sich über Jahrhunderte bewährt hat. Man orientiert sich zudem an den persönlichen Begleitumständen des Patienten oder an Symptomen, die scheinbar erst einmal nichts mit der eigentlichen Krankheit zu tun haben. Deshalb wenden sich viele Patienten, die nach westlicher Ansicht als unheilbar krank gelten, an die TCM-Mediziner.

Lange Zeit saßen in Deutschland die Zweifel ob der unbekannten und überholt anmutenden Praktiken tief. Inzwischen kommen auch dort chinesische Therapieformen wie Schröpfen oder die Moxabehandlung immer mehr zum Einsatz. Schon seit 2007 werden Akupunktur-Behandlungen von mehreren Krankenkassen erstattet. Im Jahr 2012 importierte Deutschland traditionelle Arzneien aus China im Wert von rund 57 Millionen Euro und stand damit an zweiter Stelle der westlichen Industrienationen. Nur die USA holten sich noch mehr chinesische Kräuter und Pillen ins Land.

Jüngst kündigte der Pharmariese Bayer an, den chinesischen Hersteller Dihon Pharmaceutical zu übernehmen. Es stellt Präparate auf pflanzlicher Basis her. Das Potential dieser Branche ist also erkannt. Das Geschäft mit Yin und Yang ist längst auch für die Großen der Branche rentabel.

Vorbehalte der Wissenschaft

Allerdings: Noch immer wird die Wirksamkeit vieler Behandlungsmethoden der traditionellen chinesischen Medizin von vielen westlichen Experten bestritten, da sie auf wissenschaftlichem Wege nicht immer nachvollziehbar sind. Deshalb sind chinesische Mediziner, die nach traditionellen Methoden behandeln, in Deutschland als Ärzte nicht zugelassen. Wer dennoch praktizieren will, darf dies nur als Heilpraktiker.

Dabei kann laut dem Wirtschaftsmagazin "Science" ein einziger Pflanzenextrakt aus weit mehr als 1000 Wirkstoffen bestehen, die sowohl im menschlichen Körper als auch untereinander wirken können. Klar ist auf jeden Fall, dass es wirkt. Das zeigen mehr als 2000 Jahre Erfahrung. Darin liegt wohl der größte Unterschied zur relativ jungen westlichen Medizin, die anderseits zu Recht systematische Forschung betreibt, um solche Rätsel zu lösen.

Das Ergebnis zählt

In China hingegen sucht man die Wahrheit in den Fakten. Ganz nach dem Motto von Chinas Reformer Deng Xiaoping: "Egal ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt Mäuse", zählen nur die Ergebnisse. Patienten der TCM-Behandlung wissen nicht, wie ein Fläschchen grünbrauner stinkender Kräutertinktur ihren Körper wieder ins Gleichgewicht bringen soll. Und die Ärzte geben ihre Kenntnisse nicht gerne preis.

Ganz anders funktioniert die Zulassung eines Medikaments in Deutschland. Bevor ein Medikament in den Regalen der Apotheken landet, muss es einen jahrelangen Prozess aus Unbedenklichkeits-Prüfungen, Studien, Tests und Laborversuchen durchlaufen. Über Risiken und Nebenwirkungen einer Pille bestehen dann kaum noch Unklarheiten und jeder kann sich darüber informieren.

Zwei Wege, ein Ziel

So unterschiedlich die Wege der Schulmedizin und der traditionellen chinesischen Medizin auch sind, beide verfolgen das gleiche Ziel: die Genesung des Menschen. Es handelt sich lediglich um unterschiedliche Philosophien, um andere Arten der Heilung. Warum sollten wir im Westen diese Vorteile nicht für uns nutzen? Es ist nicht schlüssig, warum chinesische Ärzte in Deutschland benachteiligt werden, obwohl sie teils bessere Heilungserfolge erzielen als ihre westlichen Kollegen - nur eben mit anderen Methoden.

Hier ist nicht die Rede von Quacksalbern, die mit Orakelknochen um sich werfen, sondern von erfahrenen Fachärzten, die eine qualifizierte Ausbildung durchlaufen haben. TCM ist eine Medizin, die sich auf zwei Jahrtausende Erfahrung stützt. Ist es da nicht anmaßend, dass der Westen auch hier einmal mehr versucht, alleine die Spielregeln zu bestimmen?

Unser Korrespondent Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.