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Deutschland

Kräuterduft und Scannerkassen

Früher wurden die Betreiber von Bioläden gerne als Weltverbesserer belächelt. Das ist längst vorbei: Bio ist hip und durch die Bio-Supermärkte immer erschwinglicher geworden. Die jedoch verdrängen die kleinen Läden.

Biosupermarkt - Langes Regal mit Gemüse (Foto: DW/Miriam Klaussner)

Einer der ersten Bioläden Deutschlands hat bereits 1975 in Bonn aufgemacht. Von außen wirkt er zwar unscheinbar und liegt versteckt im Wohngebiet, doch drinnen herrscht immer noch der urige Charme der früheren Jahre. Es duftet nach frischem Brot, Kräutern und Gewürzen. Hinter der Holztheke steht ein Mann um die 50 in Lederjacke. Mit routinierten Griffen wiegt er Äpfel ab. Ralf Murmann war mehr als 33 Jahre lang der Chef von "Biokultur“. Doch jetzt muss der kleine Laden schließen. “Ich finde es schade, aber letztendlich entscheiden die Kunden“, sagt er, während er den Kopf zur Seite dreht und das letzte Mal über die Schlange seiner Stammkunden schaut.

Chaotisch, eng und carmant

Am Stehtisch neben der Theke schlürft ein Mann in Murmanns Alter seinen Bio-Kaffee. Er kennt den Laden noch aus den Anfangstagen. Damals war es ziemlich eng, meint er verschmitzt, noch enger als jetzt. "Man musste immer anstehen. Aber die Bedienung war immer toll. Man fühlte sich wohl“.

Zwei Beutel aus Jute werden getragen (Foto: dpa)

Bio-Einkäufe müssen natürlich "artgerecht" transportiert werden

Mitte der 70er Jahre hat Murmann mit seinem Kollektiv den Laden gestartet. Bio für alle und gleicher Lohn für alle, das war die Idee. Der Lohn war eher kärglich - doch die Mitarbeiter waren überzeugt von ihrer Idee und blieben am Ball. Die Hertnäckigkeit hat sich gelohnt: Nach der Atom-Katastrophe von Tschernobyl 1986 kamen auch "normale Leute, die uns vorher als Spinner abgetan haben. Dann kam so ein richtiges Wachstum in Gang", erzählt Murmann mit leuchtenden Augen. Sein Umsatz lag damals bei zwei Millionen Mark.

Ein Trend setzt sich durch

Am Anfang war Murmanns "Biokultur" der einzige Laden seiner Art weit und breit: 30 Kilometer und mehr sind manche Kunden gefahren, um ökologisch und politisch korrekte Ware zu kaufen. Heutzutage muss man nicht mehr so weite Strecken zurücklegen. Bio gibt es selbst im Discounter. Doch die Kunden sind "ihrem Ralf" immer treu geblieben. Denn, so der Herr mit dem Kaffee, "da kann man doch immer tratschen und plaudern". 150 Stammkunden hat Ralf Murmann, aber das reicht eben nicht aus, um den kleinen Laden am Leben zu halten. "Biokultur" muss 2008 schließen.

Vom Bio-Laden zum Bio-Supermarkt

Zwei Jahre später stehen wir vor einer flachen Halle mit ein paar Parkplätzen davor. Über dem Eingang prangt in grellem Orange ein Schild mit der Aufschrift "Momo". Es ist ein Bio-Supermarkt. Im Innern lange Regalreihen und drei Kassenbänder. Auch hier duftet es nach frischem Brot, Kräutern und Gewürzen. Hier treffen wir Ralf Murmann wieder, der nach dem Ende seines kleinen Ladens im Biomarkt "Momo" einen Job gefunden hat. Krasser könnte der Gegensatz zu seinem kleinen "grünen“ Tante-Emma-Laden kaum sein: 200 Brote, fünf Meter Käsetheke, eine LKW-Ladung Gemüse, 27 Kollegen und zwei Chefs. Die Inhaber des Biosupermarkts kennt Ralf Murmann schon ewig, denn auch sie hatten in den 80er Jahren einen kleinen Bioladen aufgemacht. Doch vor fünf Jahren rüsteten sie zum Bio-Supermarkt auf.

Bio-Käse-Theke (Foto: DW/Miriam Klaussner)

Käse von der Biotheke ist teurer als woanders

"Wachsen oder weichen“ erinnert sich Raoul Schäefer-Groebel, einer der beiden Bio-Supermarkt-Chefs. “Bevor hier ein anderer einen Bio-Supermarkt aufmacht, sind wir hier der Platzhirsch.“ Denn das wäre früher oder später passiert. Allein 2009 haben 30 Bio-Supermärkte in Deutschland eröffnet.

Die Konkurrenz schläft nicht

Im kleinen Laden hätten sie sich nicht halten können, meint Schäefer-Groebel, die Konkurrenz der Bio-Supermarkt-Ketten sei einfach zu mächtig. Was sie überrascht hat: Die Kunden kamen sofort. Und sie kaufen hier auch mehr als zuvor im kleinen Bioladen - und das selbst jetzt, mitten in der Wirtschaftskrise. "Ich versuche nicht am Essen zu sparen“, erzählt die Kundin im schicken Mantel. "Da lege ich großen Wert auf Qualität. Es ist zwar ein bisschen teurer, aber ich bin auch davon überzeugt, dass es besser ist.“

Die Dame an der Käsetheke, in deutlich weniger schickem Mantel, meint: "Mein einziger Luxus ist mein gutes Essen. Dafür habe ich auch nur zwei Paar Schuhe“.

Dank "Intensivkäufer“ keine Krise

Über 500 Kunden pro Tag kaufen nahezu ihren ganzen Bedarf an Lebensmitteln im Bio-Supermarkt. Die Biobranche nennt diese Kunden die "Intensivkäufer“. Sie bescheren der Branche fast sechs Milliarden Euro Jahresumsatz. Bio-Supermarkt-Chef Schaefer-Groebel meint beim Stichwort Krise lachend: "Wir haben keine Krise, wir wachsen zweistellig. In 2009 gab es über zehn Prozent Wachstum bei uns. Und für dieses Jahr erwarten wir wieder das gleiche Wachstum.“

Kleiner Junge zwischen Regalen im Bio-Supermarkt (Foto: DW/Miriam Klaussner)

Alles Bio

In ganz Deutschland haben die Bioläden im vergangenen Jahr zugelegt: Der Schnitt lag laut Bundesverband Naturkost-Naturwaren bei sieben Prozent im Fachhandel. In den Bio-Ecken der großen Discounter hingegen macht sich die Krise bemerkbar; hier ging der Umsatz erstmals seit Jahren um ein Prozent zurück. Den Bio-Supermärkten sagen die Branchenexperten weiterhin ein gutes Wachstum voraus. Bei so guten Aussichten können sich Biomarkt-Betreiber auch neue Fachkräfte leisten. Solche wie Ralf Murmann, der vielleicht einen kleinen Laden schließen musste, aber seine Leidenschaft für Bioware im großen Bio-Supermarkt nicht aufgeben muss.

Autorin: Miriam Klaussner
Redaktion: Silke Wünsch

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