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Europa

Kosovo und die Angst vor Trump

In keinem anderen Land der Welt sind die USA so beliebt wie im Kosovo. Mit der anstehenden Trump-Präsidentschaft fürchten die Kosovaren jedoch um die Rückendeckung für ihren fragilen Staat. Mitra Nazar aus Pristina.

Eine goldene, drei Meter hohe Statue von Bill Clinton thront am Rande eines langen Boulevards in Pristina, der ebenfalls seinen Namen trägt. Daneben weht die US-amerikanische Flagge im kalten Wind. An der Fassade eines Gebäudes dahinter ein großes Konterfei des ehemaligen US-Präsidenten - er lächelt breit. Es sind Anzeichen der Sympathie der Kosovaren für die USA - für das Land allgemein, vor allem aber für die Clintons.

Ein paar Schritte von der Statue entfernt findet sich eine Boutique mit dem Namen Hillary. Hier wird Kleidung im Stil der ehemaligen First Lady verkauft. Hosenanzüge, schlichte Blazer. Die Besitzerin der Boutique gerät ins Schwärmen: "Hillary hat einen klassischen Stil, praktisch, aber trotzdem elegant." Aber es ist nicht nur ihr Modebewusstsein. "Sie ist eine starke Frau, eine echte Inspiration."

Kosovaren in Sorge über Trump-Präsidentschaft (DW/M. Nazar)

Omnipräsent in Kosovo: Anspielungen auf die Clintons

Im Kosovo-Krieg Ende der 90er Jahre war es die Militärintervention unter Führung der USA und ihres Präsidenten Bill Clinton, die die serbischen Streitkräfte letztlich zum Rückzug aus dem besetzten Gebiet drängte. Seitdem hatte die USA die Kosovaren in ihrem Streben nach Unabhängigkeit unterstützt. 

Viele Studenten kommen jeden Tag an der Clinton-Statue vorbei, wenn sie zur Universität gehen. Die 20-jährige Mathematik-Studentin Besa sagt, dass sie stolz ist, diese Statue in ihrer Stadt zu haben. "Bill Clinton hat uns zu unserer Freiheit verholfen, als es Krieg gab im Kosovo. Wir feiern sogar den amerikanischen Unabhängigkeitstag. Wir mögen Amerika einfach sehr."

Der Trump-Faktor

Die Präsidentschaftswahlen in den USA hat Besa wie viele ihrer Freunde aufmerksam verfolgt. Und jetzt ist sie in Schockstarre: "Wir haben Angst vor Donald Trump. Er könnte eine Politik verfolgen, die sich schlecht auf unser Land auswirkt."

Das kleine, junge Land hat sich bei weitem noch nicht vollständig von dem Konflikt erholt. Als sich das überwiegend muslimisch bevölkerte Kosovo von Jugoslawien lossagen wollte, entfachte ein blutiger Konflikt zwischen der Armee des damaligen Jugoslawien und der paramilitärischen albanischen Befreiungsarmee UÇK (Ushtria Çlirimtare e Kosovës). Nach einem Jahr anhaltender Kämpfe starteten die USA 1999 eine NATO-Militärintervention gegen den Serbenführer Slobodan Milošević. Drei Monate dauerten die Bombardierungen an – bis Milošević seine Truppen aus dem Kosovo abzog.

Seidem ist die NATO mit der internationalen Schutztruppe KFOR in Kosovo stationiert. Kosovo hatte 2008 einseitig seine Unabhängigkeit von Serbien proklamiert. Serbien erkennt dies jedoch bis heute nicht an und sieht Kosovo noch immer als serbische Provinz. 113 UN-Mitgliedsstaaten haben bisher  die Unabhängigkeit anerkannt. Vor dem Weltsicherheitsrat scheitert jedoch die Anerkennung der Souveränität aufgrund des Vetos von Russland und China. Die Hoffnung auf vollständige Anerkennung durch die UN hat sich für viele Kosovaren in Luft aufgelöst, seit Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde.

"Der Grund für die internationale Zustimmung war unsere aktives Zusammenarbeit mit den USA", sagt Agron Demi, politischer Analyst am kosovarischen Thinktank GAP. "Es ist der Lobbyarbeit der USA zu verdanken, dass uns viele Staaten anerkannt haben. Allerdings haben wir nach wie nur 113 Staaten auf unserer Seite. Wir brauchen noch viele weitere", sagt er.

Die Unterstützung der USA könne großen Schaden nehmen, sobald Trump die Präsidentschaft antritt, befürchtet Demi. "Demokraten haben sich immer für den Kosovo eingesetzt. Darauf sind wir angewiesen. Ich fürchte, diese Unterstützung wird unter Trump wegbrechen", erklärt er.

Kosovaren in Sorge über Trump-Präsidentschaft (DW/M. Nazar)

Kosovo-Serben hoffen auf Trumps Unterstützung - die Albaner hingegen haben große Sorge vor der künftigen US-Politik

Es ist unter anderem auch die Angst vor dem Verlust des NATO-Schutzes, die diese Sorgen schürt. Während des Wahlkampfes hat Donald Trump gefordert, die anderen NATO-Verbündeten sollten mehr Geld für Verteidigung ausgeben. Ansonsten wolle er den Einsatz der USA deutlich zurückfahren. Anfang dieser Woche bezeichnete er die NATO als "obsolet" - was für weitere Unruhe gesorgt hat.

Unsicherheit im Kosovo

Kosovo hat keine eigene Armee, das Land ist auf den Schutz der NATO angewiesen. Die nördlichen Teile des Landes werden de facto noch von Belgrad aus kontrolliert.

Im Norden des Kosovo wohnen hauptsächlich Serben, die rund fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Albaner wohnen im Süden - Symbol dieser Trennlinie ist die Stadt Mitrovica, genauer gesagt eine Brücke über den Fluss Iber, welche die Stadt zweiteilt.

Im Norden wird Sympathie gezeigt für Donald Trump. In den vergangenen Monaten tauchten immer mehr Trump-Plakate auf, als Zeichen der Unterstützung. "Die Menschen im Norden hoffen, dass Trump ihnen dabei helfen wird, Kosovo wieder zu einem Teil von Serbien zu machen", erklärt Demi. "Das schadet den Beziehungen zwischen Kosovo und Serbien."

Zwar hat es seit 2011 immer wieder EU-Vermittlungsverhandlungen zwischen Pristina und Belgrad gegeben. Doch seit Anfang des Jahres der umstrittene Ex-Premierminister aus dem Kosovo, Ramush Haradinaj, in Frankreich festgenommen wurde, ist die Annäherung der beiden Staaten ins Stocken geraten.

Bedingungslose Zustimmung?

Kosovaren in Sorge über Trump-Präsidentschaft (DW/M. Nazar)

Ist mit Trump ein Ende der guten bilateralen Beziehungen in Sicht?

Die Regierung des Kosovo hat ihre Sorgen in Hinblick auf den Machtwechsel in den USA bisher nur vorsichtig geäußert. Präsident Hashim Thaçi gratulierte Trump zu dessen Wahlsieg: "Eine enge Freundschaft zwischen unseren Ländern und ihren Bewohnern ist das Fundament, auf dem wir unsere bilateralen Beziehungen weiter ausbauen werden", gab sich Thaçi diplomatisch.

Trump hat sich bisher noch nicht zu Kosovo und dem Balkan positioniert. Von daher herrscht Unklarheit. "Niemand weiß, was Trump tun wird", sagt Agron Demi. "Wir können nur warten und hoffen, dass sich unsere Beziehungen zu den USA und zur NATO nicht verschlechtern."

Die Besitzerin der Hillary Boutique ist tief enttäuscht über die Niederlage von Hillary Clinton im Wahlkampf. Doch Elda Morina respektiere die Entscheidung der Amerikaner. "Wenn die Amerikaner sich mit Trump wohl fühlen, dann ist das für uns auch in Ordnung", erklärt sie. "Wir lieben die Amerikaner, egal was passiert."

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