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Fokus Osteuropa

Kosovo-Serben wollen Russen werden

Hilferuf oder PR-Gag? Rund 21.000 Kosovo-Serben haben die russische Staatsangehörigkeit beantragt. Es könnten noch mehr werden. Der einmalige Vorgang sorgt vor allem im russischen Parlament für Aufregung.

Kosovo-Serben bei einer Protestaktion 2007 (Foto: AP)

Kosovo-Serben bei einer Protestaktion 2007

Von einem "Schlüsselereignis für die europäische Geschichte" sprach der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im russischen Parlament, Konstantin Kossatschow, in seinem Blog am vergangenen Freitag. Das Außenministerium in Moskau hatte bestätigt, dass Tausende Serben aus dem Kosovo die russische Staatsangehörigkeit beantragt haben. Die Begründung: Sie fürchten um ihre eigene Sicherheit. Die Anträge würden nun "sorgfältig geprüft", heißt es in Moskau.

Der Duma-Abgeordnete Kossatschow geht nicht davon aus, dass die Kosovo-Serben tatsächlich nach Russland auswandern wollten. Für ihn ist es vielmehr "eine politische Aktion", ein Hilferuf "verzweifelter Menschen, die von lokalen Behörden, Belgrad und Brüssel im Stich gelassen wurden". Kossatschow sieht in dem Vorgang eine Bestätigung dafür, dass Russlands Haltung in der Kosovo-Frage richtig gewesen sei. Moskau hatte die einseitige Unabhängigkeitserklärung der serbischen Provinz im Jahr 2008 scharf kritisiert und Kosovo bis heute nicht anerkannt.

Hoffnung auf russischen Schutz

Fotomontage Flaggen Serbien EU Russland

Serbien strebt in die EU, doch Kosovo-Serben wollen nach Russland

Die Kampagne für die russische Staatsbürgerschaft haben im Kosovo die serbischen Vereine "Altes Serbien" und "Eid auf Kosovo" organisiert. Rund 21.000 Anträge sind ihren Angaben zufolge den russischen Behörden übergeben worden. Der Vorsitzende des Vereins "Eid auf Kosovo", Rajko Djurdjevic, sagte im Interview mit DW-WORLD.DE, in der Zwischenzeit seien weitere 50.000 Unterschriften gesammelt worden.

Rund 80.000 Serben leben noch im mehrheitlich albanisch besiedelten Kosovo. Pristina und Belgrad verhandeln derzeit über Fragen des praktischen Lebens der serbischen Minderheit. Serbien hat die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkannt. Es strebt einen EU-Beitritt an und könnte weitere Zugeständnisse an Pristina machen, befürchten viele Kosovo-Serben. "Deswegen haben wir uns an die Russische Föderation gewandt, um eine doppelte Staatsbürgerschaft zu erhalten. Dadurch hätten die Serben einen gewissen Schutz", sagte Djurdjevic.

Die Serben im Kosovo sehen die Aktion unterschiedlich. Der Vorsitzende des Serbischen Nationalrats für Zentralkosovo, Dragan Velic, meint, die hohe Antragszahl beweise, dass die Aktion gerechtfertigt sei. "Das ist ein Schritt, um die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit für die ernsten Probleme der Kosovo-Serben zu gewinnen", so Velic. Randjel Nojkic von der Serbischen Erneuerungsbewegung glaubt dagegen, die Aktion sei "eine Farce" und reine Medienkampagne. Er stellt sogar die Echtheit der Unterschriften in Frage.

Schwierige Einbürgerung in Russland

Kommunistenchef Sjuganow (links) im russischen Parlament (Foto: AP)

Kommunistenchef Sjuganow (links) im russischen Parlament

In Russland haben vor allem Kommunisten und Rechtspopulisten die Regierung aufgefordert, den serbischen Anträgen auf russische Staatsangehörigkeit Grünes Licht zu geben. "Die Serben stehen uns sprachlich, geistlich und kulturell sehr nah", sagte Kommunistenführer Gennadij Sjuganow. Auch in der Regierungspartei "Einiges Russland" hört man solche Äußerungen.

Russischer Staatsbürger zu werden, ist für Ausländer allerdings nicht einfach. Das Gesetz sieht vor, dass nur derjenige einen Antrag auf Einbürgerung stellen darf, der mindestens fünf Jahre und ohne Unterbrechung in Russland gelebt hat. Allerdings gibt es Ausnahmen, zum Beispiel für ehemalige Sowjetbürger. So werden beispielsweise schon seit einiger Zeit russische Pässe an Menschen in den abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien verteilt.

Offene Fragen bleiben

Die Balkan-Expertin der Russischen Akademie der Wissenschaften, Anna Filimonowa, hält eine Entscheidung zugunsten der Kosovo-Serben für möglich. "Ich persönlich bin dafür. Wenn sie die russische Staatsangehörigkeit bekommen wollen, dann muss man Wege suchen, diese Frage zu lösen", sagte Filimonowa. Sie plädierte aber auch dafür, den Kern des Problems zu lösen und die Rechte der Kosovo-Serben dabei zu beachten. Die Frage müsse auf politischer Ebene gelöst werden.

Russlands Außenmninister Sergej Lawrow in Belgrad, April 2011 (Foto: AP/dapd)

Russlands Außenmninister Sergej Lawrow in Belgrad, April 2011

Anders sieht es Lydia Grafowa, Chefredakteurin der Moskauer Zeitschrift "Migration im 21. Jahrhundert". Eine Einbürgerung von Serben aus Kosovo sei nach der russischen Gesetzgebung unmöglich. Wenn Parlamentsabgeordnete dafür plädierten, sei das "heuchlerisch". Solche Äußerungen seien "nicht mehr als eine PR-Aktion im Vorfeld der Parlamentswahlen im Dezember", sagt Grafowa.

Der russische Migrationsexperte Wjatscheslaw Postawnin verweist auf einen anderen Aspekt. "Man hat offenbar vergessen, dass die Verleihung der russischen Staatsangehörigkeit an Menschen, die im Ausland leben, mit gewissen Verpflichtungen für Russland verbunden ist". Wenn Kosovo-Serben russische Bürger würden, müsse Moskau sie schützen und eventuell eigene Militärs auf den Balkan schicken, sagt Postawnin. Außerdem wären gegebenenfalls auch finanzielle Leistungen zum Beispiel für Rentenzahlungen nötig. Fragen, die in Moskau für weitere Diskussionen sorgen dürften.

Autor: Roman Goncharenko / Zulfija Jakupi / Artjom Khan
Redaktion: Bernd Johann

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