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Fokus Osteuropa

Kosovo ein Jahr nach den blutigen Unruhen

Vor einem Jahr kam es im Kosovo zu pogromartigen Unruhen: 19 Menschen wurden getötet, zahlreiche Gebäude zerstört. Welche Lehren haben Albaner und Serben im Kosovo aus den Vorfällen gezogen?

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Die Gewalt machte auch vor Kirchen nicht halt

Vertreter von Albanern, Serben und der internationalen Gemeinschaft im Kosovo gehen nicht davon aus, dass es zu einer Wiederholung der Unruhen vom 17. März letzten Jahres kommen wird. Die KFOR-Truppen, die UNMIK-Polizei sowie die kosovarischen Sicherheitskräfte haben alles unternommen, um eventuelle gewalttätige Ausschreitungen zu verhindern. Die deutsche Bundeswehr hat zusätzlich 600 Soldaten ins Kosovo geschickt und ist viel besser als letztes Jahr auf ein Vorgehen gegen Gewalttätige vorbereitet. Der Kommandeur der multiethnischen Brigade Südwest, der deutsche General Richard Rosmanit, lässt keinen Zweifel an der Bereitschaft, zu intervenieren: "Ich werde keine Gewalt tolerieren. Sollte es - entgegen meinen Erwartungen und entgegen der Reaktionen der Menschen in den letzten Tagen - doch zu gewalttätigen Ausschreitungen kommen, werde ich dagegen vorgehen."

Schleppender Wiederaufbau

Die Bilanz der zweitägigen blutigen Ausschreitungen vom 17. und 18. März letzen Jahres ist katastrophal: 19 Tote, rund 950 zerstörte Häuser und mehr als 30 zerstörte serbisch-orthodoxe Kirchen. Mehrere Tausend Serben flüchteten aus Angst vor der Gewalt.

Die Kosovo-Regierung hat vieles unternommen, um die Schäden zu reparieren. Der Wiederaufbau der zerstörten Klöster und Kirchen kommt allerdings nur schleppend voran. Kulturminister Astrit Haracia, der auch zuständig für den Wiederaufbau ist, betont aber, dass viele der zerstörten Häuser wieder aufgebaut seien. Der politische Schaden für Kosovo und die albanisch-serbischen Beziehungen sei aber noch größer gewesen, so der Minister: "Das, was vor einem Jahr passiert ist, war nicht das wirkliche Abbild des Kosovo. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen waren enorm hoch. Das wissen alle Kosovaren und die Vertreter der internationalen Gemeinschaft."

Dialog wieder aufgenommen

Nach den blutigen Unruhen brach der Dialog zwischen Albanern und Serben über die so genannten technischen Fragen ab. Erst knapp ein Jahr später, am Mittwoch dieser Woche (16.3.) wurde er wieder aufgenommen. In den vergangenen Tagen ist zwar wieder eine Anspannung zu spüren: Seit dem Rücktritt von Ministerpräsident Ramush Haradinaj und seinem freiwilligen Gang vor die UN-Richter nach Den Haag sind die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft versetzt worden. Am Dienstag (15.3.) gab es zudem einen Attentatsversuch auf den kosovarischen Präsidenten Ibrahim Rugova in Prishtina. Und im serbischen Dorf Batuse kam es wegen der schlechten Stromversorgung zu Protesten. Dennoch ist der Kulturminister überzeugt, dass es nicht mehr zu blutigen Unruhen wie vor einem Jahr kommen wird: "Ich glaube nicht, dass die Albaner den gleichen Fehler zwei Mal machen werden. Aus dem Fehler haben wir die Lehre gezogen. Ich bin überzeugt, dass die Kosovaren die Augen aufgemacht haben und sie werden es nicht erlauben, von einem Haufen von Versagern manipuliert zu werden."

Keine neuen Unruhen erwartet

Auch Oliver Ivanovic, der Vertreter der serbischen Abgeordneten im Kosovo-Parlament, ist überzeugt, dass es im Kosovo keine gewalttätige Unruhen mehr geben wird: "Die Gründe für solche Unruhen und ethnisch motivierte Gewalt werden immer weniger. Die albanische politische Führung hat von der Gewalt nicht profitiert, weil die internationale Gemeinschaft die Unruhen sehr deutlich verurteilt hat. Für Albaner ist dass ein großer Schock gewesen, weil sie solche Kritik nicht gewöhnt sind. Zweitens: Die internationale Gemeinschaft hat auch ihre Lehren gezogen. Ich glaube, dass die internationalen Truppen viel energischer reagieren würden. Schließlich hat auch Serbien etwas gelernt: Es würde eine viel stärkere diplomatische Initiative unternehmen."

Zahlreiche Probleme

Selbst mit friedlichen Groß-Demonstrationen wird in den kommenden Tagen nicht gerechnet, obwohl die wirtschaftliche Lage schlimmer ist als im letzten Jahr. Die Arbeitslosigkeit beträgt rund 60 Prozent. Die Beziehungen zwischen Serben und Albanern sind immer noch sehr schlecht, die meisten der serbischen Abgeordneten boykottieren das Parlament - und nicht zu vergessen: Kosovo hat seit der Amtsniederlegung Haradinajs keinen Ministerpräsidenten.

Im Juni wird die internationale Gemeinschaft entscheiden, ob die geforderten demokratischen und rechtsstaatlichen Standards erfüllt sind. Dann könnte der - von den Albanern lang ersehnte - Dialog über die Zukunft des Kosovo beginnen.

Bahri Cani
DW-RADIO/Albanisch, 16.3.2005, Fokus Ost-Südost