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Kultur

Koscher im Club: Jüdische Kulturtage Berlin

In Frankreich emigrieren Juden aus Angst vor einem wachsenden Antisemitismus. Auch in Deutschland fühlen sich Juden bedroht. In diesem Klima werben die Jüdischen Kulturtage in Berlin für mehr Toleranz.

Vier Sicherheitsleute stehen draußen. Taschenkontrollen gibt es trotzdem keine. Die Herren mit den Walkie-Talkies nehmen ihre Aufgabe wohl eher locker. Der Club "Rocco & Sanny" ist laut Veranstalter "der angesagteste Ort" in Berlin. So eine hippe Location ist ein Novum bei den Jüdischen Kulturtagen. "Tel Aviv meets Berlin", so heißt das musikalische Crossover mit DJs aus beiden Partystädten. Noch ist es recht leer im bunt beleuchteten Innenhof der Bar. Einige Frauen auf High Heels wiegen sich zu den Beats des Berliner DJ Shicco. Sein Kollege aus Tel Aviv grooved sich erst noch ein.

"Tanzen und Sport bringt Menschen zusammen", sagt Verner Liebermann, der mit seinem Partner Daniel Stern den Abend organisiert. Der 30-Jährige mit Berlin-Käppi und sommerlichem T-Shirt ist ein Profi. Er richtet seit Jahren den größten Chanukka-Ball in Berlin aus. Und da kämen Juden und auch Nicht-Juden. "Viele verbinden Judentum immer noch zuerst mit Holocaust. Ans Feiern denken die wenigsten", sagt er. Mehr als 15.000 Juden leben in Berlin, und die haben auch ihre Kultur mitgebracht. Liebermann möchte mit dem Partyabend vor allem eine "lockere Atmosphäre" herstellen. Sein Vorbild ist Tel Aviv, das er regelmäßig besucht.

In Berlin ist doch alles entspannter

Inzwischen ist es etwas voller geworden, circa fünfzig Leute sind vor dem Regen in den eher karg möblierten Clubraum geflüchtet. Die meisten der um die 30-Jährigen sind eher leger gekleidet. Es wird Englisch, Russisch und Deutsch gesprochen. Hebräisch ist nicht zu hören. Aber beim Song "Tel Aviv Habibi" flippen einige israelische Lokalpatrioten auf der Tanzfläche aus. Seine Freunden würden öfters übers Wochenende nach Berlin zum Tanzen fliegen, erzählt DJ "Rap A Toi". Aufgewachsen ist er in Köln, seit neun Jahren lebt er in Tel Aviv. Er fühlt sich als Israeli, sagt er. Natürlich, die letzten zwei Monate seien bisher seine schwierigsten gewesen. Er hätte Angst gehabt vor Anschlägen, wäre nicht an den Strand gegangen, da es dort keine Schutzräume gäbe. Hier in Berlin sei für ihn alles entspannt.

Bar Rocco & Sanny

Tanzen im angesagtesten Club von Berlin

Das sieht Esther Tscherniak anders. Die blonde, große Frau verteilt zusammen mit einem vollbärtigen jungen Mann Flyer für eine Antisemitismus-Demo. Beide kommen von der jüdischen Oberschule und fühlen sich von dem "wachsenden Judenhass", den sie bei den Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg beobachtet haben, bedroht. Früher hätte sie nie Angst gehabt, inzwischen beschleicht sie bei jüdischen Veranstaltungen das ungute Gefühl, es könnte etwas passieren. Nach Kreuzberg oder Neukölln, in die türkisch-arabischen Viertel, würde sie nicht gehen und wenn, dann nur ohne ihre Halskette mit dem Davidstern, sagt Esther.

Politische Diskussionen werden nicht forciert

Sie hätten die Planung lange vor dem Krieg begonnen, erklärt Hermann Simon, der künstlerische Leiter der Jüdischen Kulturtage. Ein breites Spektrum von Veranstaltungen für alle Altersgruppen, Möglichkeiten der Begegnung von Juden und Nichtjuden war von Anfang an sein Ziel, sei aber vor dem Hintergrund der letzten zwei Monate noch wichtiger geworden. Forcieren wollten sie politische Diskussionen nicht, aber wenn einzelne Künstler sich politisch zum Gaza-Krieg oder Antisemitismus äußern wollten, dann würde er das nicht verhindern, sagt Simon.

Aufblasbare Rutsche steht vor dem jüdischen Gemeindehaus in Berlin

Der Vorplatz des jüdischen Gemeindehauses verwandelt sich zum Kinderspielplatz

Auf dem traditionellen Straßenfest vor dem jüdischen Gemeindehaus ist Politik kein Thema. Die Stimmung ist ausgelassen, was sicher auch mit dem sommerlichen Wetter zu tun hat. Zwar liegen an jedem der rund dreißig Verkaufs- und Infostände die Flyer "Nie wieder Judenhass" aus, aber die Gespräche drehen sich eher um pragmatische Alltagsfragen. Wo kann man Sabra, einen israelischen Schnaps, in Berlin kriegen. Wo kriegt man koscheren Käse und was ist überhaupt "glatt koscher"? Die Erwachsenen probieren "Jerusalem- und Tel Aviv-Teller", die Kinder basteln oder klettern an einer aufblasbaren Wand empor. Die Musik, die von der Open-Air-Bühne dringt, ist ähnlich wie das Essensangebot, eine Mischung aus orientalisch, osteuropäisch und Fusion. Der duftende Kräuterstand von Mian Eftekhar passt da gut ins Bild. Eftekhar ist Afghane und seit sieben Jahren auf dem Straßenfest. Die Leute seien nett, Religion sei ihm ohnehin egal, und "ich bin in erster Linie Geschäftsmann", lacht er.

Nicht mit der Kippa nach Kreuzberg

An dem Stand der orthodoxen Lubawitscher Juden versucht ein kleiner Junge mit Kippa auf dem Widderhorn zu blasen. Sicher, der Antisemitismus mache ihm Sorgen, aber so wie in Frankreich sei es nicht, sagt Gal Wayne Titan. Er trägt ein traditionelles schwarzes Outfit mit Gebetsschal darunter. Er verstecke seine Kippa nicht vor den Augen der Öffentlichkeit und habe bisher keine Probleme deswegen gehabt, erzählt er. Vielleicht können die Jüdischen Kulturtage dazu beitragen, dass das auch in Zukunft so bleibt.

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