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Politik

Kosaken reiten wieder

Sie waren einst die Elitetruppe der russischen Zaren und hatten den Ruf, die wildesten und tapfersten Soldaten zu sein. Dann wurden sie lange Zeit unterdrückt, jetzt aber feiern sie fröhlichen Urstand.

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Stephan Hille

Ursprünglich waren Kosaken flüchtige Bauern, die der Leibeigenschaft entflohen waren und sich seit dem 15. Jahrhundert in den unbesiedelten Weiten des Russischen Reichs niedergelassen hatten. Über die Jahrhunderte formierten sie sich schließlich zu einem eigenen militärischen Stand. Doch nach dem Sieg der Bolschewiki wurde das Kosakentum bitter unterdrückt. Erst Anfang der 90er Jahre wurden sie rehabilitiert. Längst schon feiern die Kosaken eine kulturelle Wiedergeburt. Nach einem jüngst in erster Lesung verabschiedeten Gesetzentwurf sollen Kosaken künftig als reguläre Verbände in der russischen Armee dienen können.

Raue und trinkfeste Männergesellschaft

Mit kaum einer anderen Bevölkerungsgruppe verbindet sich eine so wechselvolle und mit Mythen behaftete Geschichte. Die Bezeichnung "Kosak“ leitet sich von dem tatarischen Wort "Kazak" ab, was so viel wie "freier Krieger" bedeutet. Im Süden Russlands bildeten diese kriegerischen Siedler die Speerspitze und Grenzwächter. Mit ihnen verband sich seit jeher das Bild einer freiheitsliebenden, rauen und trinkfesten Männergesellschaft. Als Söldnertruppen dienten sie den verschiedensten damaligen Großmächten, vor allem aber dem Russischen Reich.

Jenseits des Urals waren Kosaken maßgeblich an der Erschließung und Kolonialisierung Sibiriens beteiligt. Große Bedeutung gewannen die Saporoher Kosaken, die am Unterlauf des Dnjepr ihr Zentrum hatten. Bis ins 17. Jahrhundert hielten sie sich als eine unabhängige Kraft und als eigener Kosakenstaat, bevor sie schließlich den Eid auf den Zaren leisten mussten und nach und nach ihre Freiheit und Selbstständigkeit verloren.

Als Anti-Bolschewisten verfolgt

Kurz vor der Revolution gab es etwa 4,5 Millionen Kosaken. Im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution schloss sich der Großteil den "Weißen“ an, auf Seiten der Bolschewiki erwarb sich jedoch die "Rote Reiterarmee" unter Semjon Budennyj einen legendär-berüchtigten Ruf.

Der Sieg der Bolschewiki schließlich zwang Tausende von Kosaken ins Ausland. Zu einem Symbol für das Kosakentum im Exil wurde der von Sergei Jaroff berühmte Don-Kosaken-Chor. Die in der Sowjetunion verbliebenen Kosaken wurden unter Stalin kollektiv als Anti-Bolschewisten verfolgt. Ende der 1930er Jahre wurden zwar wieder Reiter-Regimenter in der Roten Armee zugelassen, doch ihr Einsatz als Kavallerie im Zweiten Weltkrieg markierte eher einen Anachronismus als eine Wiederbelebung des Kosakentums. Ein kleiner Teil kämpfte hingegen auf Seiten der deutschen Wehrmacht, ihre Anführer wurden von den Alliierten an Stalin und damit dem Tod ausgeliefert.

Gefahr nationalistischer Tendenzen

Inzwischen ist das Kosakentum längst wieder erwacht. Im Süden Russlands gibt es wieder einige Kosakenschulen, wo neben den kulturellen Traditionen auch militärischer Drill auf dem Lehrplan stehen. Schätzungen zufolge gibt es heute zwischen vier und fünf Millionen Kosaken. Bei der letzten Volkszählung 2002 gaben sogar 140.000 Befragte als Nationalität "Kosak“ an, doch als separate Volksgruppe sind sie nicht anerkannt. Ihr ausgeprägter Patriotismus, die Besinnung auf ihre vorrevolutionären Traditionen und ihr orthodoxer Glaube passen jedoch sehr gut in die politische Landschaft unter Präsident Putin.

Manche Bürgerrechtler sehen daher in der Rückkehr des Kosakentums auch eine Gefahr und Wiederauferstehung nationalistischer Tendenzen. Aus einigen Städten im Süden Russlands, wo schon heute Kosaken patrouillieren, wurden bereits Übergriffe auf Angehörige von muslimischen Minderheiten gemeldet.