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Fokus Osteuropa

Korruption in Moldovas Bildungswesen

Für gute Noten wird gut gezahlt, wie viel genau bleibt meist im Dunkeln. Unter Studenten kursieren aber "Tarife" der Dozenten. Aufsehen erregten nun in Chisinau erste Festnahmen von Pädagogen.

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Akzeptiert wird auch harte Währung

Während einer Abschlussprüfung in einer Schule haben Mitarbeiter der Polizei in Chisinau die stellvertretende Direktorin der Schule Nr. 59, Jewgenija Beschljaga, festgenommen. Die Polizei griff in dem Moment zu, als die Eltern von Schülern ihr 200 Dollar überreichten. Diese Summe hatte die Lehrerin für guten Noten im Fach Physik gefordert. Über diesen Fall berichteten Zeitungen, das Fernsehen zeigte sogar die Festnahme. Die Eltern der Schüler erklärten, dies sei noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs.

Eine Mutter berichtet

In Schulen werde man auch in Zukunft erpressen, meint die Mutter einer Schülerin in der moldauischen Hauptstadt. Sie sagte der Deutschen Welle: "Meine Tochter hat die Schule bereits abgeschlossen. In Englisch war sie immer gut. Wir waren uns sicher, dass sie die Prüfungen gut besteht. Vor der Prüfung versammelte die Lehrerin die Eltern und sagte: ‚Wenn Ihre Kinder gute Noten in Englisch bekommen sollen, dann zahlen Sie bitte 400 Lei’ [etwa 25€, Anm. d. Red.]. Wir waren absolut davon überzeugt, dass unsere Tochter auch so die Prüfungen gut bestehen wird und deswegen lehnten wir ab, zu zahlen. Später war dann klar, dass die Kinder derjenigen, die gezahlt hatten, sehr gute Noten erhielten. Unsere Tochter erhielt eine schlechtere Note."

Studium ohne Prüfungen

Noch schwieriger ist die Situation in den Hochschulen. Vor kurzem wurden vier Dozenten der Technischen Universität von den Rechtsschutzorganen festgenommen. Die Dozenten hatten versucht, nach Schmiergeldzahlungen eine Studentin ganz ohne Prüfungen weiterkommen zu lassen. Die Studentin besucht seit langen nicht mehr die Universität, weil sie in Italien arbeitet. Für die Prüfungen zahlte die in Chisinau lebende Schwester der Studentin den Dozenten zwischen 20 und 40 Dollar.

Schwierige Fächer sind teuer

Ob und wie viel Geld die Dozenten genau verlangen, erfahren die Studenten von einander. Eine Studentin sagte der Deutschen Welle: "Ein Testat kostet zwischen 30 und 100 Lei. Wir haben als Gruppe Testate gekauft. 100 Lei kosten schwierigere Fächer, einfachere 30 bis 60. Manchmal sprechen wir das mit dem Dozenten genau ab, manchmal auch nicht. Wenn der Dozent selber den Preis nennt, dann ist es gut, aber das kommt nicht oft vor. Meist zahlt man so viel, wie viel man kann."

Studenten schweigen

Nach Angaben des Zentrums für Korruptionsbekämpfung wurden seit Anfang des Jahres 12 Fälle von Erpressung in Bildungseinrichtungen registriert. Die reale Zahl ist aber weitaus höher, wie hoch genau, weiß niemand. Die Bürger, von denen Geld abverlangt wird, ziehen es vor, zu zahlen. Die Studenten schweigen, weil sie ein Diplom erhalten möchten.

Julija Semjonowa, Chisinau
DW-RADIO/Russisch, 28.6.2005, Fokus Ost-Südost