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Welt

Koran-Verbrennung stürzt ISAF in schwere Krise

Mit Herz und Verstand wollte die Afghanistan-Schutztruppe ISAF die Bevölkerung für sich gewinnen. Nach den Koranverbrennungen auf einem US-Stützpunkt und den anschließenden Protesten wird das immer schwieriger.

Ein Polizist in Kabul sucht nach gewalttätigen Demonstranten bei einer Protestkundgebung (Foto: Reuters)

Proteste Koran Verbrennung Afghanistan

Es muss die afghanischen Arbeiter tief erschüttert haben, als sie vor wenigen Tagen auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Bagram die Überreste verbrannter Koran-Ausgaben gefunden haben. Das heilige Buch als Opfer der Flammen: ein Affront für jeden gläubigen Moslem. Und doch haben sich die Proteste, in deren Folge bis Sonntagmittag mindestens 30 Menschen ums Leben gekommen sind, längst von diesem Vorfall gelöst, glaubt Afghanistan-Experte Thomas Ruttig. Die Wut, der Frust und der Ärger vieler Afghanen würden sich gegen die gesamte Afghanistan-Hilfe der internationalen Gemeinschaft richten. "Was die Afghanen zum Beispiel viel stärker erzürnt, ist, dass bei nächtlichen Aktionen der Spezialkräfte Menschen getötet werden, die keine Aufständischen sind. Das häuft sich in letzter Zeit."

Wer kann die aufgebrachte Menge beruhigen?

Portrait von Staatspräsident Hamid Karsai (Foto: DW)

Kann er die Bevölkerung beruhigen? Staatspräsident Karsai

Die Afghanistan-Strategie des Westens müsse weiter kritisch überprüft werden, fordert Ruttig. "Kurzfristig kann man nur hoffen, dass die afghanischen Behörden beruhigend wirken. Karsai hat das versucht. Auch einige Mullahs haben Ruhe gepredigt." Wie ernst der Staatspräsident die Proteste in seinem Land einschätzt, zeigt sich schon daran, dass Hamid Karsai nach mehreren schriftlichen Stellungnahmen am Sonntag (26.02.2012) auch im Rundfunk aufgetreten ist.

Neben einem Aufruf an die US-Regierung, die Verantwortlichen für die Koran-Verbrennung zur Rechenschaft zu ziehen, richtete sich der Präsident vor allem an die eigene Bevölkerung: "Nun ist der Zeitpunkt gekommen, ruhig und friedfertig zu sein." Spürbaren Einfluss auf die Proteste hat dieser Appell bislang aber nicht. Ohnehin sind dem Einfluss des Staatspräsidenten im Land wegen der unterschiedlichen Stammes-Loyalitäten enge Grenzen gesetzt.

NATO-Geheimbericht sieht Taliban gestärkt

Foto von Demonstranten in Kabul (Foto: Reuters)

Hass und Wut auf die USA: Demonstranten in Kabul

Ein mehreren Medien unlängst zugespielter NATO-Geheimbericht geht sogar davon aus, dass weite Teil der Bevölkerung in einer Machtübernahme der Taliban eine Chance sähen - aus Frust über die Korruption in der Regierung und die schleppende Entwicklung im Land. Der Vorfall von Bagram könnte diesen Trend weiter verstärken. Entsprechend versuchen die Taliban, die Proteste im Land für sich zu instrumentalisieren. Obwohl US-Präsident Barack Obama das afghanische Volk für die Koran-Verbrennungen um Entschuldigung gebeten hat, setzen die radikalen Islamisten auf eine weitere Eskalation, wie die Ermordung zweier amerikanischer Offiziere im hoch gesicherten Kontrollraum des Kabuler Innenministeriums am Samstag zeigt. Der daraufhin von der NATO verfügte Abzug des ausländischen Personals aus den Ministerien dürfte ganz im Interesse der Radikalen liegen. Der Aufbau des Landes bekommt einen weiteren Rückschlag.

Für die Amerikaner hat die Gefährdung in Afghanistan derweil eine neue Qualität erreicht. Die US-Botschaft forderte via Twitter die Landsleute dazu auf, ihre Häuser bis auf weiteres nicht mehr zu verlassen. Aber auch die Verbündeten Washingtons sind zur Zielscheibe von Hass und Protesten geworden. "Die Bereitschaft zu differenzieren, ist in der afghanischen Bevölkerung nicht mehr sehr groß", erklärt Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network. Im nordafghanischen Verantwortungsbereich der Bundeswehr hält der deutsche General Erich Pfeffer die Lage derzeit für "nicht berechenbar". Aus dem Camp Talokan haben sich die Deutschen vorzeitig zurückgezogen und im Umfeld des Feldlagers Kundus kamen am Samstag bei Protesten mindestens drei Menschen ums Leben.

Diskussion über vorzeitigen Abzug

Bundeswehr-Soldaten auf Patrouille in Talokan (Foto: dpa)

Die Bundeswehr hat sich aus Talokan zurückgezogen

Eine Fortsetzung der Gewaltwelle könnte auch der Diskussion über einen vorzeitigen Abzug der westlichen Soldaten neuen Schwung verleihen. Eine Entwicklung, die Ruttig fürchtet, weil sie für die Bevölkerung katastrophale Folgen hätte: "Man kann nicht wegrennen. Schon gar nicht, weil die internationale Gemeinschaft mit so vielen Soldaten Verpflichtungen eingegangen ist, Versprechungen gemacht hat, dabei zu helfen, das Land zu stabilisieren und auf einen guten Weg zu bringen." Stattdessen müsse noch mehr Arbeit in die Vorbereitung von Soldaten und Zivilisten gesteckt werden: "Wir müssen sehr viel mehr Fingerspitzengefühl entwickeln."

Warum die Einsatzvorbereitung der Soldaten, die auch in den USA religiöse und kulturelle Themen umfasst, nicht nachhaltig funktioniert hat, ist derweil immer noch ungeklärt. Nach Angaben der US-Streitkräfte wollten die Soldaten die religiösen Schriften, darunter etliche Koran-Exemplare, gefangener Aufständischer "entsorgen", weil diese im Camp für den Nachrichtenaustausch benutzt worden seien. Die Schriften wurden dann - offenbar ohne provokante Hintergedanken, aber gegen den Protest afghanischer Arbeiter - in der Müllverbrennungsanlage des Camps verbrannt. Fünf Minuten soll dieser Vorgang gedauert haben. Die Folgen, so sind sich die Afghanistan-Experten sicher, werde die ISAF bis zu ihrem Rückzug vom Hindukusch im Jahr 2014 beschäftigen.

Autor: Andreas Noll
Redaktion: Andrea Lueg

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