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Nahost

Kopten sehen nach Gewalt Schuld beim Militär

Nach der neuerlichen Gewalt gegen Christen in Ägypten beschuldigen die Kopten die Armeeführung, die Verantwortung dafür zu haben. Finanzminister Hasem al-Beblawi tritt wegen der Zusammenstöße zurück.

Ein koptischer Christ hält während einer Demonstration in Kairo ein Kruzifix hoch (Foto: dapd)

Welches Schicksal erwartet die Kopten in Ägypten?

Nach den blutigen Straßenkämpfen zwischen Christen und dem Militär wird in Ägypten nach den Schuldigen gesucht. Die Vereinigungen der koptischen Christen machten am Dienstag (11.10.2011) in einer Erklärung den regierenden Militärrat für das Blutbad in Kairo mit 26 Toten und mehr als 500 Verletzten verantwortlich. "Das gewalttätige Vorgehen (der Soldaten) war schlimmer als das, was die israelische Armee mit den Palästinensern macht, die Kassam-Raketen abfeuern", hieß es in der Erklärung der koptischen Vereinigungen, die von der christlichen Zeitung "Watani" veröffentlicht wurde.

In der Nacht trugen die Kopten ihre Opfer der Gewalt zu Grabe. Ein Trauerzug mit 20.000 Teilnehmern zog von der Ramses-Straße zur großen Markuskathedrale im Stadtteil Abbasija, wo die Totenmesse vom Oberhaupt der koptischen Kirche, Patriarch Schenuda III., zelebriert wurde. Die Trauergäste unterbrachen ihre Gebete immer wieder mit Sprechchören wie "Nieder mit der Militärherrschaft" oder "Das Volk will den Sturz des Marschalls". Gemeint war Feldmarschall Hussein Tantawi, der den Militärrat leitet.

Militärs drohen mit hartem Vorgehen

Armeefahrzeuge vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens in Kairo (Foto: DW)

Gepanzerte Armeewagen vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens in Kairo

Die Militärführung ihrerseits kündigte an, sie werde die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Sicherheit in Ägypten zu garantieren. Gegen Gewalttäter werde mit der ganzen Härte des Gesetzes vorgegangen. Die Staatsanwaltschaft der Militärjustiz hatte am Montagabend 19 Christen und zwei Muslime in Untersuchungshaft genommen, denen sie Zerstörung öffentlichen Eigentums und Angriffe auf die Armee vorwirft.

Die staatlichen Medien meldeten aber auch, dass die Übergangsregierung binnen zwei Wochen eine revidierte Version des Gesetzes vorlegen wolle, das den Bau von Gotteshäusern vorsieht. Die Kopten hatten am Sonntagabend, bevor sie angegriffen wurden, dagegen protestiert, dass zehn Tage zuvor eine ihrer Kirchen in der südlichen Provinz Assuan von einem muslimischen Mob niedergebrannt worden war. Die betroffene Kirche soll ohne Genehmigung erbaut worden sein - wobei die Christen in Ägypten selten die behördliche Erlaubnis für den Bau eines neuen Gotteshauses erhalten.

Koptische Demonstranten setzen bei den Protesten in Kairo ein Militärfahrzeug in Brand (Foto: dapd)

Koptische Demonstranten setzen bei den Protesten in Kairo ein Militärfahrzeug in Brand

Weltweit Bestürzung über Gewalteskalation

Die bisher schlimmsten gewalttätigen Zusammenstöße seit dem Sturz des autoritären Präsidenten Husni Mubarak im Februar dieses Jahres riefen weltweit bestürzte Reaktionen hervor. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ermahnte die Ägypter zur Besinnung auf den historischen Wandel vom Jahresanfang. Von den Behörden der Übergangsregierung forderte Ban, die Menschen- und Bürgerrechte aller Ägypter zu schützen, gleich welchen Glaubens sie seien.

US-Präsident Barack Obama rief alle Seiten zur Mäßigung auf. "Diese tragischen Ereignisse sollten zeitnahen Wahlen und einem fortgesetzten Übergang in eine friedfertige, gerechte und umfassende Demokratie nicht im Wege stehen", teilte das Weiße Haus in Washington mit. Saudi-Arabien brachte in einer offiziellen Erklärung "Schmerz und Trauer" zum Ausdruck. Zugleich appellierte das Dokument, das von der staatlichen Nachrichtenagentur SPA veröffentlicht wurde, "an alle Ägypter, Mäßigung walten zu lassen, weise zu sein und ihre geliebte Heimat zu bewahren, die das Herz der arabischen und islamischen Gemeinschaft ist".

Bundesaußenminister Guido Westerwelle forderte die ägyptische Führung auf, trotz der jüngsten Ausschreitungen an den für Ende November geplanten Wahlen festzuhalten. Die Militärführung müsse den Übergang zu einer gewählten Regierung "verantwortungsvoll" organisieren, sagte Westerwelle der "Bild"-Zeitung. Er betonte zugleich, es sei nicht hinnehmbar, dass Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt würden.

Finanzminister Beblawi zurückgetreten

Der zurückgetretene ägyptische Finanzminster Hasem al-Beblawi (Foto: dpa)

Der zurückgetretene Finanzminster al-Beblawi

Der Bischof der koptisch-orthodoxen Christen in Deutschland, Anba Damian, sieht die Kopten in Ägypten zunehmender Gefahr ausgesetzt. Er appellierte an die Bundesregierung, eine deutliche Sprache gegenüber den aktuellen Machthabern zu finden. Militärrat und Übergangsregierung müssten daran erinnert werden, dass Minderheiten in Ägypten zu schützen seien. Dem Innenministerium in Kairo warf der Geistliche vor, bereits Anfang des Jahres an der Planung und Durchführung tödlicher Angriffe auf betende Kopten in Alexandria beteiligt gewesen zu sein. "Jetzt werden wir von der Armee getötet", fügte der Bischof hinzu. "Seit wann hat es das gegeben, dass die Armee, die ein Volk schützen muss, das Volk angreift und tötet?"

Diese Frage hat sich wohl auch der ägyptische Finanzminister Hasem al-Beblawi gestellt - und auf seine Art beantwortet: Er trat zurück. Der Minister, der zugleich stellvertretender Ministerpräsident war, begründete seinen Schritt mit der "schwachen Leistung der Regierung beim Umgang mit den Zusammenstößen". Im Rücktrittsschreiben Beblawis an den Ministerpräsidenten hieß es lapidar, er könne "so nicht arbeiten".

Autoren: Stephan Stickelmann / Ursula Kissel (dapd, dpa, kna)

Redaktion: Dirk Eckert

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