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Nahost

Kopten fliehen aus Ägypten

Seit dem Sturz Hosni Mubaraks gibt es in Ägypten vermehrt Ausschreitungen gegen koptische Christen. Viele von ihnen fühlen sich bedroht – und verlassen das Land.

Flucht von Kopten aus Ägypten

Seine Koffer hat Tamer Refaat Salama schon gepackt. In den nächsten Tagen soll sein Visum kommen, dann geht die Reise endlich los. Nach Amerika will er auswandern - davon träumt der koptische Christ schon lange. Es ist ein Traum von Gleichberechtigung, von Religionsfreiheit. "In Ägypten fühle ich mich als Kopte diskriminiert", sagt er, "vor allem am Arbeitsplatz."

Tamer ist nicht der einzige Christ, der Ägypten den Rücken kehrt. Laut der ägyptischen Menschenrechtsorganisation "Egyptian Union for Human Rights" haben seit dem Sturz Mubaraks etwa 100.000 Kopten das Land verlassen. Wie der 29-jährige Tamer sind die meisten jung und gut ausgebildet, sehen keine Chancen im Heimatland, fühlen sich von radikalen Muslimen und dem Militärrat bedroht. Sie fürchten sich vor der Zukunft.

Diskriminierung von Kopten

Tamer Refaat Salama (Foto: Viktoria Kleber)

Der Kopte Tamer Refaat Salama will Ägypten verlassen

Kopten werden in Ägypten schon seit dem Putsch von Nasser Anfang der 50er Jahre systematisch diskriminiert: Sie dürfen nur wenige Kirchen bauen und sind von staatlichen Spitzenpositionen praktisch ausgeschlossen. Kaum ein Jahr vergeht ohne gewalttätige Angriffe auf die Religionsgemeinschaft. Rund acht Millionen Kopten gibt es in Ägypten, sie machen etwa zehn Prozent der gesamten ägyptischen Bevölkerung aus.

Seit dem Sturz Mubaraks häufen sich die Angriffe. Sie sind radikaler, blutiger geworden: Anfang März brannte am Stadtrand von Kairo eine Kirche. Straßenschlachten folgten, 13 Menschen starben. Zwei Monate später gingen die nächsten beiden Kirchen in Flammen auf. Stundenlange Gefechte zwischen Christen und Muslimen kosteten 15 Menschen das Leben. Anfang Oktober demolierten Salafisten im Süden Ägyptens ein Gotteshaus. Kopten und Muslime protestierten daraufhin gemeinsam in Kairo, doch die Demonstration endete am 9. Oktober im größten Blutbad seit Ende der Revolution. 24 Menschen starben. Mit der Organisation "Egyptian Union for Human Rights" macht sich Naguib Gabriel unter anderem für die Rechte der Kopten stark. Die Zukunft der Christen in Ägypten sieht er düster: "Vor der Revolution wurden Christen nur indirekt diskriminiert, seit der Revolution greifen Salafisten und Muslimbrüder Christen offen und direkt an."

Schuldige werden nicht bestraft

Brennendes Fahrzeug in Kaor (Foto: DAPD)

Eine friedliche Demonstration von Kopten in Kairo endete im Oktober 2011 mit vielen Toten

Es sind radikale Muslime, die Christen und Kirchen angreifen - und sie werden vom Militärrat geduldet, wenn nicht sogar ermutigt und angestiftet. Denn die Schuldigen werden nicht zur Verantwortung gezogen. Der Militärrat hat bislang niemanden vor Gericht gestellt, während Aktivisten und Blogger immer noch fast täglich im Schnellverfahren verhört und inhaftiert werden. Die Täter haben freie Hand, sie werden nicht bestraft. Das ermutigt die radikalen Muslime.

Videos beweisen, dass das Militär bei zahlreichen Vorfällen tatenlos daneben stand. Es griff nicht ein, als Christen gelyncht wurden. An jenem blutigen Oktober-Sonntag wurde die vor Ort befindliche Armee-Einheit sogar selbst zum Initiator, schoss auf unbewaffnete Christen oder überrollte sie mit Armeefahrzeugen.

Von den Ausschreitungen, von Gewalt und Chaos profitieren der Militärrat und die alte Garde. Denn viele Ägypter sehnen sich nach Sicherheit, Stabilität und einer starken Hand - nur so kann der Militärrat an der Macht bleiben.

Engagement für Freiheit und Gleichberechtigung

Doch nicht alle Kopten wollen Ägypten verlassen. Beshoy Fayez bleibt. Er will das Land verändern. "Ich bleibe hier, um das Problem zu lösen. Auch wenn wir unterschiedliche Religionen haben: Wir sind alle Ägypter", sagt er.

Kopten demonstrieren in Kairo (Foto: DPA)

Kopten demonstrieren gegen religiöse Diskriminierung

Beshoy Fayez setzt sich für ein Ägypten ohne Vorurteile, ohne Diskriminierung ein. Er geht auf die Straße und klärt auf, er kämpft für seine Rechte als Kopte, für Freiheit in Ägypten.

Viele andere hat allerdings bereits der Mut verlassen. Sicherheit und Religionsfreiheit – das hofft der Kopte Tamer nun in den USA zu finden. "Dort gibt es auch orthodoxe Kirchen, ein religiöses Leben wie in Ägypten", sagt er, "aber wir haben dort all unsere Rechte."

Nur ein Visum und ein paar tausend Kilometer ist Tamar von seinem Traum - einem Leben in Freiheit - entfernt. Für die Menschen in Ägypten jedoch ist es ein viel längerer Weg. Dass Tamar irgendwann wieder zurückkommt, das kann er sich gut vorstellen. Aber nur dann, so sagt er, wenn Ägypten wirklich frei ist, wenn er hier ohne Angst leben kann.

Autorin: Viktoria Kleber
Redaktion: Anne Allmeling

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