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Kultur

"Kopfgeld für Diktatoren und Massenmörder"

Kambodscha, Ruanda, Bosnien: in allen drei Ländern wütete der Völkermord. Diesem Thema widmet sich der Autor Daniel J. Goldhagen in seinem neuen Buch "Schlimmer als Krieg" - und dürfte damit so manche Gemüter erhitzen.

Bild von Daniel Goldhagen (AP Photo/Fritz Reiss)

Daniel Goldhagens neues Buch handelt vom Genozid

Daniel Jonah Goldhagen ist in diesen Tagen viel unterwegs: in Los Angeles anlässlich des Holocaust-Gedenktages, bei der Carnegie Gesellschaft in Washington, und momentan befindet er sich auf Lesereise in Deutschland und der Schweiz. Sein Thema: Völkermord, wie er entsteht und wie er zu verhindern ist. Davon handelt sein neues Buch "Schlimmer als Krieg".

Der US-Amerikaner Goldhagen ist Politologe, ehemaliger Harvarddozent und heute vornehmlich Autor. In dieser Eigenschaft weiß er zu provozieren: "Die Vereinten Nationen ermöglichen eher einen Völkermord als dass sie ihn verhindern", sagt Goldhagen, "Souveränität ist da ein fast unantastbares Prinzip. Das bedeutet, solange politische Herrscher innerhalb ihrer Grenzen morden, können wir nach Ansicht der UN nicht viel tun" Goldhagen fordert eine "radikale Reform" der UN, sonst müsse sie umgangen werden.

Goldhagen klagt an

Buchcover Schlimmer als Krieg: Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist

Auf knapp 700 Seiten analysiert der Autor die Völkermorde der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte: den Terror der Roten Khmer in Kambodscha, die Verbrechen der Türken an den Armeniern oder Saddam Husseins Vernichtungsfeldzug gegen irakische Kurden. Goldhagen sprach mit Opfern und Tätern, besuchte ehemalige Schauplätze der Völkermorde und suchte nach Mustern der Vernichtung. "Massenmord und Genozid beginnen in Gesellschaften, weil Machthaber eine eliminatorische Politik betreiben, um ihre politischen Ziele zu erreichen", resümmiert Goldhagen und benennt klar einen Schuldigen: die Internationale Gemeinschaft. In seinen Augen hat sie versagt: "Bis jetzt sieht die Welt einfach nur zu, während Menschen überall, besonders in Afrika niedergemetzelt werden." Sein besonderer Groll gilt der UN, die ein stumpfes Schwert sei. Der Sicherheitsrat, die zuständige Instanz für Interventionen, seileicht mit einem Veto lahmzulegen und somit ein von eigenen Interessen geleiteter Debattierclub.

Pflicht einzugreifen

Buchdover Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust.

Mit "Hitlers willige Vollstrecker" trat Goldhagen eine Debatte unter Historikern los

Für Goldhagen ist Völkermord schlimmer als Krieg und sollte konsequent, sogar mit kriegerischen Maßnahmen, geahndet werden. So zum Beispiel im Sudan: "Als erstes sollte der Sudan von allen internationalen Gremien ausgeschlossen werden. Dann sollten lückenlose Sanktionen verhängt und alle Verbindungen abgebrochen werden." Goldhagen plädiert dafür, "die Streitkräfte der sudanesischen Regierung zu bombardieren."

Der Völkerrechtler Christian Tomuschat von der Humboldt-Universität in Berlin ist ganz anderer Meinung. "Ich sehe nicht, dass man in der ganzen Welt dauernd intervenieren kann", sagt er. Goldhagen verkürze das Problem auf unterlassene Hilfeleistung. Die internationale Gemeinschaft, also alle Staaten dieser Erde, haben – nach Ansicht von Goldhagen - nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht zum Eingreifen. Er fordert eine Überwachungsagentur, eine Art Frühwarnsystem und eine schnelle Einsatzbereitschaft westlicher Staaten.

Überwachen und Strafen

Sobald diese Agentur Indizien für einen Genozid findet, soll eingegriffen werden. Und: Goldhagen weiß noch eine andere Lösung, um die Verbrechen in den Griff zu bekommen. "Ich habe den ruandischen Justizminister, Tharcisse Karugarama, gefragt: hätte es Kopfgeldprämien auf die führenden Hutus für den Beginn eines Genozids gegeben, hätte das den Mord an 800.000 Männer, Frauen und Kindern verhindert? Und er sagte mir: zweifellos!"

Der Völkerrechtler Christian Tomuschat hält Goldhagens Forderungen für unrealistisch. "Die mächtigen Staaten haben ihre Eigeninteressen. Auch die Bundesrepublik Deutschland ist nicht in der Lage überall in der Welt als Friedensstifter aufzutreten" Dafür mangele es unter anderem an finanziellen Möglichkeiten.

Autorin: Stefanie Duckstein

Redaktion: Sabine Oelze

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