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Afrika

'Kony 2012' - umstrittene Webkampagne

Seit 2005 wird der ugandische Rebellenführer Joseph Kony mit internationalem Haftbefehl gesucht. Jetzt ruft ein Video im Netz auf, ihn festzunehmen. Hilfsorganisationen sehen die Aktion skeptisch.

"Dieser Film hat nur einen Zweck: Die Rebellen der Lord's Resistance Army und ihren Anführer Joseph Kony zu stoppen!" Eine knappe halbe Stunde ist das Video lang, das Filmemacher Jason Russell für die Hilfsorganisation Invisible Children gemacht und ins Netz gestellt hat. Zu Beginn spricht der Filmemacher Jason Russell mit Jacob. Jacob ist ein Jugendlicher in Uganda, der - so stellt es der Film dar - von der Rebellengruppe Lord's Resistance Army verschleppt und als Kindersoldat rekrutiert wurde. Wie Jacob freigekommen ist, erzählt der Film nicht - aber er zeigt, wie Russell dem Jungen ein Versprechen gibt: "Wir werden sie stoppen. Wir werden alles tun, um sie zu stoppen!"

Die Verbrechen der LRA

Mitglieder der Lord's Resistance Army

Friedensverhandlungen mit der LRA sind immer gescheitert

Die Lord's Resistance Army (LRA) und ihren Anführer Joseph Kony zu stoppen - das versuchen andere schon lange. Seit 2005 wird Kony mit internationalem Haftbefehl gesucht. Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden ihm zur Last gelegt - Mord, Vergewaltigung, Versklavung. Tausende Kinder sollen er und seine Rebellen gekidnappt haben, um die Jungen als Kämpfer und die Mädchen als Sexsklavinnen gegen ihren Willen zu rekrutieren. Hilfsorganisationen wie Amnesty International schätzen aufgrund von Interviews mit Betroffenen, dass Kony über 20.000 Kinder rekrutiert hat. "Die meisten werden von zu Hause entführt und werden so bedroht und unter Alkohol- und Drogeneinfluss gesetzt, dass sie ihre eigenen Eltern töten", berichtet Franziska Ulm, Afrika-Referentin bei der deutschen Sektion von Amnesty International: "Sie werden regelrecht zum Töten ausgebildet."

Begonnen hat die Lord's Resistance Army unter Joseph Kony ihren brutalen Kampf gegen die Regierung Ugandas im Jahr 1987. "Es gab in den 80er Jahren eine religiöse Bewegung unter Alice Lakwena", erklärt Peter Meyns, Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik. "Joseph Kony hat sich dieser Bewegung angeschlossen und diese nach dem Tod Lakwenas unter dem Namen 'Lord's Resistance Army' weitergeführt." Franziska Ulm von Amnesty International fügt hinzu: "Kony sagt von sich, dass er im Auftrag Gottes handelt und einen Staat errichten möchte, der den zehn Geboten entspricht."

Kony gehört zur Bevölkerungsgruppe der Acholi im Norden Ugandas, die sich vernachlässigt fühlte, nachdem 1986 Yoweri Museveni das Präsidentenamt an sich gerissen hatte. Dennoch, sagt Meyns der Deutschen Welle, sei die Gewalt der LRA nicht primär ethnisch motiviert: "Es ist eher religiöser Fanatismus. In Mosambik, in Sierra Leone und in Liberia hat es vergleichbare Bewegungen gegeben, die basierend auf Angst und Gewalt so eine Gegenwelt aufgebaut haben."

Vergebliche Versuche

Joseph Kony, Anführer der Lord's Resistance Army

Joseph Kony gibt vor, seine Anweisungen von Gott zu bekommen

Die ugandische Regierung unter Präsident Museveni hat Kony bisher jedenfalls nicht Einhalt gebieten können. Mehrfach hat sie mit ihm über einen Frieden verhandelt und gefordert, dass er sich aus dem Norden Ugandas zurückzieht. Diese Verhandlungen haben die Vollstreckung des Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofes verzögert, meint Franziska Klum.

Kony ist weiter auf freiem Fuß, auch seit die letzten Friedensverhandlungen 2008 scheiterten. Zwar hat er sich aus dem Norden Ugandas zurückgezogen, aber dafür haben er und seine Armee in anderen Ländern wie dem Sudan oder Kongo unbehelligt morden können. "Das ist ein riesengroßes Gebiet", erklärt Franziska Klum. "Allein der Osten Kongos ist so groß wie Frankreich. Zudem ist es ein Gebiet, in dem es keine Infrastruktur gibt und keine staatlichen Akteure." Selbst da, wo es Soldaten einer Zentralregierung gebe, seien diese nicht besonders effektiv: "Die Armeen, die von den Staaten gestellt werden, bestehen teilweise selbst aus ehemaligen Rebellen, das heißt, sie sind nicht so diszipliniert, wie wir in Europa das kennen. Und natürlich gibt es in den Ländern nicht ausreichend Soldaten, als dass sie die Gebiete, in denen sich Kony aufhält, flächendeckend nach ihm durchsuchen könnten."

Im Oktober 2011 schickte US-Präsident Barack Obama rund 100 Soldaten einer Truppe für "Sonder-Operationen" nach Uganda. Sie sollten "den Truppen in der Region, die hart daran arbeiten, Joseph Kony vom Schlachtfeld wegzuschaffen, Hilfe leisten", wie es Obama in einem Brief an den amerikanischen Kongress ausdrückte. Einige Jahre zuvor war es noch eine kleinere Gruppe von US-Militärberatern gewesen, die die ugandische Regierung bei Operationen gegen Kony unterstützte - erfolglos. Die Spezialkräfte der US-Armee würden nun daran arbeiten, die Kommunikation zwischen den Truppen Ugandas, Kongos und Südsudans zu verbessern, sagte General Carter Ham, Chef des zuständigen Militärkommandos, der Washington Post. In der Vergangenheit konnte sich Kony immer wieder einer Festnahme entziehen, weil er von einem Staatsgebiet ins nächste entkommen konnte.

Social-Media-Macht gegen Kony

Jason Russell Stop Kony 2012

Filmemacher Jason Russell (4. von rechts) will Kony stoppen

Nun versucht die Nichtregierungsorganisation Invisible Children, Joseph Kony zu "stoppen", wie es in dem Video heißt. Jason Russell, der das Video gemacht hat, ist der Ko-Direktor dieser Organisation mit Sitz im kalifornischen San Diego. Die Botschaft des Films ist klar: Jeder Mensch hat die Fähigkeit und die Macht, die Welt ein Stück besser zu machen. Russell fordert die Zuschauer auf, Sticker, Broschüren und Armbänder zu kaufen - Material mit dem Titel der Aktion, 'Kony 2012'. So soll der ugandische Rebellenführer bekannt gemacht und im Endeffekt gefasst werden. Das Problem sei, dass zu vielen Menschen in der Welt das Problem gar nicht bewusst sei - das müsse geändert werden.

Auf eine gewisse Art und Weise scheint die Aktion zu funktionieren. Minütlich steigen die Klicks bei Youtube. Über Twitter kursieren Aufforderungen, den Film anzuschauen - auch von Promis wie der Sängerin Rihanna oder dem Regisseur Stephen Fry. Ein spanisch-sprechender Nutzer namens Daniel Salamanca schreibt auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: "Mit vereinten Kräften werden wir es schaffen, die Gräueltaten in Uganda zu stoppen." Und eine Nutzerin namens Marie schreibt: "Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mit der Aktion Kony 2012 nicht einverstanden sind, aber es muss doch besser sein, irgend etwas zu tun als gar nichts zu tun?"

Mit der Aktion nicht einverstanden sind all die, die der Organisation vorwerfen, Spendengelder nicht richtig verwendet zu haben. Nur 30 Prozent der Einnahmen seien an Hilfsprojekte in Uganda geflossen - weit mehr Geld in die Produktion von Filmen und in Gehälter gesteckt worden.

Andere Hilfsorganisationen wollen Invisible Children als Organisation nicht kritisieren. Franziska Ulm von Amnesty International hält auch das Video und die Kampagne für ein "an sich gutes Beispiel für eine erfolgreiche Netzkampagne." Amnesty International verfolge indes in seiner Arbeit in Uganda einen anderen, "langfristigeren" Ansatz. Silvia Holten von World Vision Deutschland kritisiert den Film und die Aktion 'Kony 2012', weil darin dazu aufgerufen werde, Joseph Kony zu töten: "Das können wir nicht unterstützen", sagte sie der Deutschen Welle.

Explizit ruft der Invisible-Children-Film nicht dazu auf, den Rebellenführer zu töten. Allerdings wird das Wort "stoppen" häufig wiederholt - Kony müsse gestoppt, aufgehalten werden. Auf das 'wie' wird nicht genauer eingegangen. Nur, dass die Kampagne befristet ist - und zwar bis zum Ende des Jahres. Bis dahin sollen Prominente, Politiker und vor allem ganz normale Menschen auf der ganzen Welt dafür gesorgt haben, dass Joseph Kony "gestoppt" worden ist.

Autorin: Andrea Rönsberg
Redaktion: Andrea Lueg

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