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Politik

Kontroverse Kreuzigung

Blutrünstig soll die "Passion" sein, realistisch bis ins Detail, und vielleicht sogar antisemitisch. Wer weiß das schon, denn kaum einer hat sie gesehen, die neueste Verfilmung der Leidensgeschichte von Jesus Christus.

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Hollywood-Insider sagen es jetzt schon voraus: "The Passion of the Christ" wird ein Blockbuster, wird die Filmsensation dieses Jahres, wird das "Star Wars"-Phänomen noch in den Schatten stellen. Dabei wird man lange schauen müssen bis man ein bekanntes Gesicht ausmacht in dem Streifen von Mel Gibson.

Es sind, mit Ausnahme des Regisseurs Gibson, keine einschlägigen Hollywoodstars verpflichtet worden. Und auch die Sprache des Films ist ungewohnt, weil ausgestorben: auf Aramäisch und Lateinisch unterhalten sich die Akteure, die spärliche Untertitelung ist auf Englisch - eigentlich sehr unpopulär im Mutterland der Filmkunst. Was also macht die zigste Neuauflage des Neuen Testamentes so attraktiv? Es ist der Hype, es ist die Kontroverse, die den Film umgibt, weit bevor er am Aschermittwoch in 2000 US-Kinos Premiere feiert.

Bewusst schockierend

Jeder hat etwas, an dem er sich reiben kann: Zartbesaitete werden angesichts der exzessiven, blutigen Gewalt- und Schmerzszenen in Ohnmacht fallen. Jüdische Zuschauer werden sich darüber ärgern, dass die Hohepriester in Jerusalem im Gegensatz zu den römischen Besatzern so widerlich dargestellt sind. Evangelikale und wiedererweckte Christen werden noch im Kinosaal ihren spirituellen Offenbarungen freien Lauf lassen, und, und, und. Dieser Film wird zumindest niemanden kalt lassen, da ist sich Mel Gibson sicher. "Ich wollte, dass der Film schockierend und extrem ist,” so der Regisseur-Produzent-Drehbuchschreiber, "ich wollte, dass die Zuschauer mit eigenen Augen sehen, dass jemand, der soviel Spott, Leid und Schmerzen erträgt, trotzdem lieben und vergeben kann.”

Hier spricht nicht nur der professionelle Cineast, hier spricht auch der gläubige Christ Gibson. Denn der auf der Leinwand oft so robuste Action-Star ist nicht nur zutiefst gläubig, er gehört sogar einer ultrakonservativen katholischen Sekte an - einer, die noch nicht einmal die 40 Jahre alten Reformen des zweiten Vatikanischen Konzils anerkennt. Seine Religion, so Gibson in einem Fernsehinterview mit Diane Sawyer, verbiete es ihm, andere Religionen zu hassen. Deshalb sei er letztlich auch des Antisemitismus gänzlich unverdächtig. Welche Heuchelei! Dass der Vorwurf aus jüdischer Ecke kommen musste, war in Hollywood wohl jedem klar; er war ganz offensichtlich sogar Teil der Marketingstrategie, gemeinsam mit der wirklich ausufernden Brutalität des Films, die allenfalls die niedrigsten voyeuristischen Instinkte des Publikums anspricht.

Mehrfach umgeschnitten

Als Drehbuchvorlage Ufer das Blut-Schweiss-und-Tränen-Epos haben Gibson nach eigenem Bekunden nur die Überlieferungen der vier Evangelisten und die Visionen zweier Ordensschwestern gedient. Trotzdem hat er angeblich bis kurz vor der Premiere den Film immer wieder umgeschnitten. Wobei sich die Frage aufdrängt, ob die Änderungen das Kinoerlebnis weniger oder mehr kontrovers machen sollen. Gibson hat schon vor Monaten damit begonnen, seinen Film den unterschiedlichsten Testpersonen vorzuführen. Mal waren es eine Gruppe Jesuiten, mal Angehörige der religiösen Rechten aus dem US-Bible Belt und mal waren es Vertreter jüdischer Verbände.

Die radikalen Christen empfahlen ihren Glaubensbrüdern "dringend einen Kinobesuch”, die Juden im Testpublikum warnten pflichtgemäß vor möglicherweise ausufernden Reaktionen der christlichen Mehrheit im Lande. Gewinnen tut in jedem Fall einer, und das ist Mel Gibson. Der ist aufgrund seines tiefen Glaubens alles Bösen unverdächtig, und wenn es hart auf hart kommt, kann er sich immer noch auf seine künstlerische Freiheit berufen.