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Sport

Kontrollen für jedermann

Das Prinzip der Leistungsgesellschaft gilt längst auch im Breitensport. Über Doping wird unter Amateuren aber nur ungern offen gesprochen. Nun haben Forscher einen Test entwickelt, der Licht ins Dunkel bringen könnte.

Es klingt vielversprechend: Ein kleiner Pieks in den Finger, ein einziger Tropfen Blut soll Dopingsünder überführen. Die neue Methode könnte auch im Breitensport zum Einsatz kommen, erklärt Professor Mario Thevis, Leiter des Kölner Zentrums für Präventive Dopingforschung: "Der Blutstropfen-Test geht schnell und ist mit geringstem finanziellen Aufwand verbunden. Ein Stich in die Fingerkuppe oder ins Ohrläppchen genügt, um feststellen zu können, ob ein Athlet im Wettkampf einen unlauteren Vorteil hatte." Ist das der Durchbruch im Kampf um einen sauberen Hobbysport?

Wenn aus Spaß Ernst wird

Von Jahr zu Jahr verzeichnen die Veranstalter von Städtemarathons, Jedermann-Radrennen und -Triathlons neue Teilnehmerrekorde. Bisher werden im Amateurbereich jedoch kaum Dopingtests durchgeführt. Wozu auch, könnte man fragen, schließlich geht es um nichts. Der Spaß steht im Vordergrund, dabei sein ist alles, findet auch Dennis Jorisch, der beim diesjährigen Bonn-Marathon an den Start ging: "Letzten Endes kommen hier alle hin, um ihr eigenes Ziel zu erreichen, deshalb glaube ich, dass Kontrollen absolut überflüssig wären."

Was aber passiert, wenn aus Spaß Ernst wird? Mischa Kläber, Leiter des Ressorts "Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement" beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), warnt davor, "die Bannkraft der freizeitsportlichen Leistungserbringung zu unterschätzen". Es gebe Sportlerbiografien, die ab einem gewissen Punkt umkippten. "Dann konzentriert sich die gesamte Lebensgestaltung immer stärker auf das Hobby. Nachlassen, das Training zurückfahren, kommt nicht mehr in Frage. Es gilt das Prinzip 'höher, schneller, kräftiger'", sagt Kläber.

Die Pille vor dem Marathon

Immer häufiger griffen Hobbysportler daher zu fragwürdigen Methoden, um den intensiven Trainings- und Wettkampfbelastungen standhalten zu können. "Im Bereich des Laufsports haben verschiedene Untersuchungen bei Marathonveranstaltungen gezeigt, dass etwa die Hälfte der Läufer nur noch unter Einfluss von starken Schmerzmitteln an den Start gehen", erklärt Kläber. Eine Umfrage unter Teilnehmern des Bonner Marathons 2010 kommt sogar zu einem noch drastischeren Ergebnis. Demnach nahmen über sechzig Prozent vor dem Lauf schmerzlindernde Medikamente ein.

Der Blutstropfen-Test, sagt Dopingforscher Thevis, könne Aufschluss darüber geben, welche Substanzen im Amateurbereich darüber hinaus zum Einsatz kämen: "Mithilfe der Analytik können wir zunächst einmal feststellen, ob und in welchem Umfang es überhaupt ein Doping-Problem im Breitensport gibt, vollkommen anonymisiert." Anschließend könne überlegt werden, ob ergänzende Maßnahmen erforderlich seien und gegebenenfalls auch ein Sanktionssystem eingeführt werden sollte.

„Jeder hat ein Recht auf Selbstschädigung“

Auf fehlende Regularien im Amateurbereich weist DOSB-Ressortleiter Kläber hin: "Was macht man denn mit einem Hobbysportler, der des Dopings überführt wird? Qua Gesetz hat schließlich jeder ein Recht auf Selbstschädigung." Dopingkontrollen im Breitensport seien durchaus legitim, jedoch müsse vor allem flächendeckender und rigoroser aufgeklärt werden. "Wir leben in einer durch und durch medikamentenfreundlichen Gesellschaft und neigen dazu, viel zu schnell zu Pillen zu greifen", so Kläber. Vielen Läufern sei gar nicht bewusst, dass es gefährlich sein könne, routinemäßig vor einer Trainingseinheit oder einem Volkslauf Schmerzmittel einzunehmen. Daher müsse ein ausgewogener Umgang mit der eigenen Gesundheit stärker kommuniziert werden, findet der Experte. Von Medikamentenmissbrauch müsse man schließlich schon sprechen, sobald Arzneimittel oder Nahrungsergänzungspräparate ohne medizinische Indikation eingenommen würden, um die sportliche Leistungsfähigkeit zu steigern.

Wer gibt die Kontrollen in Auftrag?

Der Breitensport unterliegt keinem Dopingkontrollsystem. Für die Durchführung des Blutstropfen-Tests bedürfe es daher eines Auftraggebers außerhalb der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA), erklärt Thevis: "Sportverbände, Krankenkassen oder Veranstalter von Sportevents könnten beispielsweise daran interessiert sein, dass Medikamentengebrauch und -missbrauch im Sport so gering wie möglich gehalten werden." Bisher, sagen die Organisatoren des Bonn-Marathons, sei es schlichtweg zu teuer gewesen, Doping-Kontrollen bei allen Teilnehmern durchzuführen. Lediglich die Erstplatzierten seien getestet worden. Ob der neue Blutstropfen-Test an dieser Praxis in Zukunft etwas ändern werde, wisse man noch nicht.

"Auf jeden Fall geben wir potentiellen Auftraggebern mit dem Testverfahren eine neue Option", findet Thevis. Die Methode ermögliche es, im Amateur- oder Nachwuchsbereich ein reduziertes Spektrum an verbotenen Substanzen kostengünstig testen zu lassen. "Damit werden wir sicherlich nicht alle Probleme, die sich in der Anti-Doping-Arbeit immer wieder ergeben, lösen können", glaubt Thevis. "Aber wenn wir nicht schauen, welche Optionen wir zukünftig zusätzlich einsetzen können, dann kann sich das System auch nicht verbessern." Marathoni Dennis Jorisch jedenfalls sagt, er würde sich trotz seiner Skepsis gegenüber Doping-Kontrollen im Breitensport freiwillig einem Test unterziehen. "Schließlich habe ich nichts zu verbergen."

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