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Asien

Kontrollen auf Schritt und Tritt

Vor dem 50 Jahrestag des Aufstands in Tibet haben die chinesischen Machthaber die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Nicht nur in Tibet, sondern auch in den angrenzenden chinesischen Provinzen.

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Polizeieinheiten im südwestchinesischen Zhongdian üben ihren Einsatz

“Die Pässe bitte”. Die jungen Polizisten auf dem Highway G318, gleich hinter der Stadt Kangding, strecken fordernd die Hände durch die geöffneten Fensterschreiben des Autos. Zwei Militärpolizisten stehen daneben, die Maschinengewehre lässig über der Schulter. Nach eingehender Prüfung der Dokumente inklusive der Journalistenvisa ist klar: Hier geht es nicht weiter. Zumindest nicht für ausländische Korrespondenten. Lastwagen quälen sich unterdessen weiter die Bergstraße hoch in Richtung Tibet.

Die westchinesische Provinz Sichuan im Frühjahr 2009. Von Kangding nach Lhasa sind es noch einmal rund 1500 Kilometer Fahrt über holprige Bergpisten und schneebedeckte Pässe bis aufs Dach der Welt. Aber Kangding ist das Tor nach Tibet. Hier, im Westen der Provinz Sichuan, sowie in den tibetischen Gebieten der Provinzen Gansu und Qinghai weiter nördlich leben zusammengenommen mehr Tibeter als in Tibet selbst.

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Nicht nur wie hier in Tibets Hauptstadt Lhasa, auch in vielen Städten der Provinz Sichuan hat die Polizeipräsenz auf der Straße deutlich zugenommen

Angespannte Lage

Seit Wochen ist die Lage in allen tibetischen Gebieten angespannt. 50 Jahre nach dem gescheiterten Aufstand der Tibeter gegen die Chinesen am 10. März 1959 sind die Behörden hochnervös. Schon deshalb will man ausländische Journalisten nicht vor Ort haben. Tibet ist schon seit einem Jahr für ausländische Berichterstatter weitgehend gesperrt, aber im Vorfeld der heiklen Jahrestage wurden auch Teile der angrenzenden Provinzen abgeriegelt. Daher der Checkpoint auf der G318. Auch wenn sich die Polizisten unwissend geben. „Mein Vorgesetzer hat gesagt, ich darf euch nicht passieren lassen“, sagt einer der Beamten. „Eine Begründung hat er nicht genannt.“

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Nach dem gescheiterten Aufstand im März 1959 flohen viele Tibeter nach Indien

In und um die Stadt Kangding, deren Bevölkerung zu fast 70 Prozent aus Tibetern besteht, wurde in den vergangenen Wochen die ohnehin hohe Militärpräsenz deutlich verstärkt. Auf den Kasernenhöfen trainieren die Sicherheitskräfte. Über provisorischen Unterkünften hängt der Aufruf „Sei loyal zur Partei, liebe das Vaterland, diene dem Volk“. Der Highway G318 führt von Kangding weiter Richtung Westen nach Litang. Dort hatte vor einigen Wochen ein einsamer Mönch demonstriert. Als er festgenommen wurde, forderten Hunderte seine Freilassung. Seitdem ist die Stadt abgeriegelt.

Angst vor neuen Zwischenfällen

In Kangding habe es bislang keine „Zwischenfälle“ gegeben, versichern die Behörden. Aber auch hier herrscht eine Atmosphäre der Anspannung – und der Angst. Zum Beispiel in den Klöstern der Stadt. Das Namo-Kloster ist das größte in Kangding. Rund 80 Mönche und Novizen beten und meditieren hier und studieren buddhistische Schriften. Das Kloster liegt am Stadtrand auf einer Anhöhe, die goldenen Dachspitzen funkeln in der Wintersonne. Doch wer hier hinaufsteigt, wird von Sicherheitsleuten in Zivil sogleich misstrauisch beäugt – und unauffällig begleitet.

Kloster Namo in Kangding

Das Namo-Kloster in Kangding

Ein Gong hallt über den stillen Innenhof des Klosters und ruft die Mönche zum Essen. Mit ihren Schalen und Essstäbchen eilen sie über den Hof, mustern neugierig die Besucher. Aber offen zu sprechen traut sich keiner. „Wir haben von den Unruhen im vergangenen Jahr gehört“, sagt ein junger Mann im dunkelroten Umhang und spielt nervös an seinem Mobiltelefon. „Aber wir wissen nichts Genaues“. Seine Augen sprechen eine andere Sprache. Über Mobilfunk und übers Internet verbreiten sich in den dünnbesiedelten tibetischen Gebieten viele Nachrichten in Windeseile. Auch in den Dörfern rund um Kangding sind die Menschen in der Regel offenbar gut informiert. Hier, weitab von den neugierigen Blicken der Uniformierten und der Sicherheitskräfte in Zivil, winkt uns ein junger Mönch in das Haus seiner Eltern.

Loyal zum Dalai Lama

„Für mich ist der Dalai Lama das Kostbarste, das wir in unserem Herzen tragen“, sagt er. „Das einzige, was zählt, ist, dass er nach China zurückkehren kann“. Solche Worte sind gefährlich in China, wo der Dalai Lama als Separatist, als Spalter des Vaterlandes gebrandmarkt wird. Der junge Mönch weiß das sehr wohl, erzählt, wie er selbst mit der Polizei in Schwierigkeiten geriet – weil er ein Amulett mit einem Bild des Dalai um den Hals trug. Bilder des geistigen Oberhauptes der Tibeter zu zeigen, ist in China streng verboten.

BdT Dalai Lama im indischen Exil 50. Jahrestag des Aufstandes der Tibeter

Seit 50 Jahren im indischen Exil: der Dalai Lama

Wegen der Spannungen rund um die Jahrestage, traue er sich kaum noch in seiner Mönchskutte in die Stadt, sagt er. Wie viele Tibeter wünscht er sich mehr Freiheiten. „Ich habe gehört, dass Hongkong viel mehr Freiheiten hat, so etwas wünschen wir uns auch für Tibet. Das würde reichen“, betont er. Die Unabhängigkeit will er nicht. „Ich bin doch mein ganzes Leben lang Chinese gewesen.“ Tibet sei jetzt Teil von China. Aber China misstraut den Tibetern und vor allem dem Dalai Lama. Im Teehaus „Qing Yuan“, was deutsch soviel wie „Zur Klaren Quelle“ bedeutet, spielen Tibeter Karten. Han-Chinesen sitzen an den Nachbartischen bei einem Schwätzchen. Auf den ersten Blick ein Bild der ethnischen Harmonie. Aber das Teehaus ist voller Polizisten in Zivil. Denn von den Fenstern im ersten Stock hat man einen guten Blick über den zentralen Platz der Stadt. Bei einem Glas grünem Tee weist An Deqiang von der örtlichen Propagandaabteilung die Forderungen der Mönche zurück. Die seien ja nur ein Vorwand, sagt er.

Polizei in Zivil

„Seit seiner Flucht nach Indien strebt der Dalai Lama die Unabhängigkeit an“, sagt An. „Kein souveränes Land dieser Welt würde solche Aktivitäten dulden“. In den tibetischen Gebieten gebe es volle religiöse Freiheiten, betont der Regierungsmann. „Die Menschen sind der Kommunistischen Partei dankbar für die Fortschritte der letzten Jahrzehnte.“

Namo Kloster in Kangding Sichuan China

Die Mönche in Kangding haben sich längst ins Klosterinnere zurückgezogen

Unten auf dem Marktplatz scheppert Musik aus Lautsprechern. Überwiegend Han-Chinesen treffen sich hier am späten Nachmittag zum Tanzen, nur vereinzelt mischen sich Tibeter unter die Menge. Die Polizei schaut zu. Am Stadtrand sind Mannschaftswagen und Wasserwerfer in Bereitschaft. Im Namo-Kloster ruft ein Mönch mit einem Muschelhorn die Novizen zur letzten Unterrichtsstunde des Tages. In den rund 1000 Jahre alten Klöstern von Kangding geht der religiöse Alltag seinen gewohnten Gang . Dass sich die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert haben, wird von den meisten Tibetern nicht bestritten. Aber 50 Jahre nach dem Aufstand in Lhasa gegen die chinesischen Besatzer, bleibt der Konflikt um die Zukunft Tibets und der tibetischen Gebiete weiterhin ungelöst.