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Deutschland

"Kontrolle von außen nötig"

Der Tod dreier Babys in der Uniklinik Mainz - vermutlich verursacht durch keimbelastete Infusionen - schlägt hohe Wellen in der deutschen Presselandschaft. Eine Auswahl von Kommentaren aus den Mittwochs-Zeitungen.

Themenbild Presseschau (Grafik: DW)

SÄCHSISCHE ZEITUNG: "40.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland infolge von Krankenhausinfektionen, Tendenz steigend. Wann wird darüber schon einmal geredet? Das Thema ist tabu. Vielleicht auch, weil der Glaube an die unfehlbare Medizin den Blick auf Selbstverständliches vernebelt hatte."

MÄRKISCHE ALLGEMEINE: "Glaubt man den Aussagen von Experten, werden in zahllosen Krankenhäusern die elementarsten Regeln missachtet. Nicht einmal das Händewaschen des medizinischen Personals ist überall selbstverständlich. Solche Schlampereien haben fürchterliche Folgen. Jedes Jahr sterben Tausende Patienten an den Folgen von Infektionen, die sie sich erst im Krankenhaus eingefangen haben. Verantwortlich dafür sind die Kliniken. Sie müssen peinlich genau auf Sauberkeit achten. Tun sie es nicht, ist Kontrolle von außen nötig. Gerade deshalb ist es nicht zu verstehen, weshalb es bis heute kein Gesetz gibt, dass die hygienischen Standards in Krankenhäusern bundesweit verbindlich regelt."

MITTELDEUTSCHE ZEITUNG: "Verbindliche Hygieneverordnungen existieren nur in fünf der 16 Bundesländer, spezialisierte Hygieneärzte fehlen in den allermeisten Kliniken. Es gibt keine verlässlichen Daten über die Anzahl und Schwere der Fälle, und eine Meldepflicht ist für Krankenhausinfektionen unbekannt. Offenbar bedurfte es dreier Opfer im Säuglingsalter, um das Problem ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit zu rücken. Die Chancen des Bundesgesundheitsministers, nun rasch mit den Ländern Regelungen zu vereinbaren, sind angesichts des erheblichen öffentlichen Drucks besser denn je. Sollte sich die Hygienesituation an deutschen Kliniken nun nachhaltig verbessern, käme dem Tod der drei Babys wenigstens im Nachhinein ein Sinn zu. Die Eltern wird das nicht trösten können."

HEILBRONNER STIMME: "Bisher bleibt den Klinikträgern je nach Bundesland überlassen, wie stark sie in die Abwehr von Keimen und Bakterien investieren. Das kostet viel Geld. Nur 60 Prozent der Krankenhäuser leisten sich Hygiene-Fachkräfte. Erstaunlich, dass der Gesetzgeber erst durch die Mainzer Tragödie zu der Erkenntnis gelangt, schleunigst bundesweit verbindliche Regeln einzuführen und sie durch die Länder kontrollieren zu lassen. Durch massiven Antibiotika-Einsatz werden Krankheitserreger immer gefährlicher, oft resistent und nicht mehr behandelbar. Sie können überall sitzen, auf Bettgestellen, Türgriffen und Schaltern. Mangelnde Hygiene darf nicht zum Angstfaktor werden, wenn man wirklich einmal ins Krankenhaus muss."

FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Antibiotika werden inzwischen geschluckt wie Smarties - bei jeder kleinen Erkältung, bei jedem Bauchgrimmen. Deshalb helfen viele von ihnen inzwischen nicht mehr. Bakterien sind ziemlich anpassungsfähig und tricksen die wehrhaften Antibiotika einfach aus: Antibiotikaresistenz ist unter Medizinern längst ein Angstwort. Die tragischen Todesfälle von Mainz sind deshalb - brutal gesprochen - gar nicht so außergewöhnlich. Sie erregen so viel Aufmerksamkeit, weil es eben Babys sind und das ganze Land deshalb voll mitgefühlter Trauer im Geiste an der Seite der verzweifelten Eltern steht."

SAARBRÜCKER ZEITUNG: "Schnelle Schuldzuweisungen im konkreten Fall verbieten sich. Dass die Debatte unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen in Mainz dennoch geführt wird, ist aber gut. Denn die Missstände bei der Krankenhaus-Hygiene sind eklatant. Dass die meisten Bundesländer es bisher versäumt haben, den Krankenhäusern Vorschriften etwa für die Weiterbildung von Ärzten und Pflegern in Sachen Hygiene oder die Aufstellung eines Hygiene-Plans zu machen, ist eine unglaubliche Schlamperei gerade weil das Problem der Krankenhaus-Infektionen nicht erst seit den tragischen Fällen in Mainz bekannt ist."

BADISCHE ZEITUNG: "Noch weiß man nicht einmal mit Gewissheit, wie es zu den Verunreinigungen kam und weshalb die Kinder letztlich gestorben sind, doch bei einigen Politikern von FDP, Union und SPD ist man sich bereits sicher, dass bundeseinheitliche Standards das Problem lösen würden. Als ob auf Länderebene bislang toleriert worden wäre, dass Infusionen mit Keimen verschmutzt werden. Und als ob die Verkündigung einer Regel und die verpflichtende Einstellung von entsprechenden Hygienefachkräften Fehler und Verstöße per Definition ausschließen würden. Mag sein, dass am Ende solche oder ähnliche Maßnahmen trotzdem hilfreich sein können. Allheilmittel sind sie nicht."

Redaktion: Christian Walz

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