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Konto plündern oder nicht? Gehen oder bleiben?

Manuel Özcerkes28. März 2013

Auf die Zyprer kommen schwere Entscheidungen zu. Die Banken öffnen wieder, doch Ökonomen sagen dem Land eine lang anhaltende Rezession voraus, die viele Arbeitsplätze vernichten wird.

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Ältere Männer sitzen vor einer Bank und warten. (Foto: Getty Images)
Bild: Getty Images

Die Entscheidung fällt Dimitri Vargosiolis schwer. Der Handwerker hat 8000 Euro auf seinem Konto. Soll er alles abheben? Oder soll er nicht? "Wenn ich das Geld hole, dann muss ich das ja zu Hause irgendwo verstecken", sagt er. "Wenn mir das jemand klaut, bin ich mein Geld los. Und lass ich es auf der Bank, dann auch." Ratlosigkeit macht sich breit bei ihm und seinen Freunden.

Sie sitzen zusammen im Friseursalon von Tomis Christodoulou. Ein Stuhl, ein Spiegel und viele vergilbte Fotos an den Wänden. Zum Reden haben sie viel Zeit. Denn seitdem die Banken geschlossen haben, hat kaum noch jemand Geld für einen Friseurbesuch übrig. Das Geld ist knapp und Christodoulous Friseurstuhl verwaist.

Schwarzgeld in Sicherheit

Was tun? Christodoulous holt seine Bouzouki raus und spielt, die anderen beiden singen dazu. Viele Zyprer, denen ich in den vergangenen Tagen bei meinen Gesprächen auf der Insel begegnet bin, sind erstaunlich entspannt. Die Krise wird immer schlimmer - die Cafés in der Innenstadt sind am Abend allerdings bis auf den letzten Platz besetzt. In einem der Cafés komme ich mit zwei jungen Zyprern ins Gespräch. "Ich bin Steuerberater", sagt der eine, "ich verschiebe Schwarzgeld", der andere. Ich halte das für einen Scherz. Wen auch immer ich in den vergangenen zehn Tagen auf Schwarzgeld angesprochen habe, leugnete, dass es so etwas auf Zypern gibt.

Aber der junge Mann im Café sagt: "Kein Witz, das mach ich wirklich." Was er denn jetzt nach Bankenabgabe und Kapitalverkehrskontrolle unternimmt? "Das ist egal, das Geld der meisten meiner Klienten ist in Sicherheit", sagt er. Und fügt hinzu: "Wenn wir hier kein Schwarzgeld mehr anlegen können, dann geh ich eben nach Malta oder Luxemburg. Oder nach Deutschland. Kann man da gut Schwarzgeld anlegen?" Darauf habe ich keine Antwort.

Friseursalon in Nikosia. Ein Mann list Zeitung. Die Stimmung ist entspannt (Foto: Getty Images)
Zeit für einen Plausch - ein Friseursalon in NikosiaBild: Getty Images

Geteilte Meinungen

Über Deutschland, die Deutschen und deren Regierung wird in diesen Tagen viel gesprochen auf Zypern. Manche, wie etwa ein älterer Geschäftsmann, der in der Haupteinkaufsstraße, der Ledras, ein Damenmodengeschäft betreibt, schimpfen auf die deutsche Regierung. "Sie lassen ihre europäischen Freunde im Stich", sagt er. Und: "Sie wollen erst Zypern kontrollieren, dann Europa und dann die ganze Welt." Aber es gibt auch viele, die anders über die Rolle der deutschen Regierung denken. "Die zeigen doch, wie man es richtig macht. Deutschland ist erfolgreich und stark", sagt ein anderer. "Daran sollte sich unsere Regierung ein Beispiel nehmen."

Wütend auf die eigene Regierung sind auch viele junge Menschen, Schulabgänger, die im eigenen Land keine Zukunft mehr sehen. Täglich ziehen Tausende durch die Straßen und demonstrieren lautstark dagegen, dass die Regierung das Land "ausbluten" lässt, wie sie es nennen.

Wütende Studenten protestieren auf der Straße von Nikosia (Foto: Getty Images)
Protest gegen die PerspektivlosigkeitBild: Getty Images

Tatsächlich prognostizieren Ökonomen dem Land eine lang anhaltende Rezession. Viele Menschen werden ihren Arbeitsplatz verlieren, sagen Volkswirte voraus. "Wir wollen Zypern nicht verlassen", sagt ein junges Mädchen, das gerade begonnen hat, zu studieren. "Aber uns bleibt nichts anderes übrig." Sie will nach dem Studium woanders hin. "Vielleicht ja nach Deutschland", ergänzt sie. Zypern wird wohl lange brauchen, um sich von der Krise und deren Folgen zu erholen.