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Globale Zusammenarbeit

Konsumgenossenschaften in der Schweiz

In der Schweiz ist der Einzelhandel fest im Griff der beiden etwa gleich großen Konsumgenossenschaften Migros und Coop. Discounter wie Aldi haben in der Alpenrepublik einen eher schweren Stand.

Eine unsichtbare Trennlinie durchzieht die Schweiz. Dabei geht es nicht etwa um unterschiedliche Sprachen oder politische Überzeugungen - sondern um die Frage: "Cumuluskarte oder Supercard?" Diese beiden Treuekarten sind das zentrale Element der Kundenbindung der beiden großen Einzelhändler in der Schweiz, Migros und Coop. Beide Unternehmen sind Genossenschaften. Mit ihren gepflegten Auslagen, ihren Kundenkarten und auflagestarken Mitgliederzeitungen sind Migros und Coop aus dem Alltag der Schweizer nicht wegzudenken. Beide Unternehmen zählen etwa zwei Millionen Genossenschafter und sind, was die Zahl der Beschäftigten und den Umsatz angeht, etwa gleich groß.

Farbe bekennen: Migros-Kind oder Coop-Kind?

Migros-Markt in der Schweiz (Foto: cc-by-sa-Roland zh)

Marktführer bei Lebensmitteln: Migros und Coop

Obwohl viele Schweizer sowohl die Cumuluskarte der Migros als auch die Supercard von Coop im Portemonnaie tragen, identifizieren sie sich in der Regel nur mit einer der beiden Konsumgenossenschaften, sagt Cary Steinmann, Professor für Marketing in Winterthur. Er fragt seine Studenten in Lehrveranstaltungen regelmäßig, wer von ihnen denn ein "Migros-Kind“ sei: "Und dann meldet sich fast die Hälfte der Teilnehmer in so einem Kurs.“ Dann fragt er: "Wer ist Coop-Kind?“ und dann meldet sich etwa die gleiche Anzahl an Studenten. "Wenn ich frage, 'Wer ist denn weder noch?' gibt es dann so eine gefühlte Größenordnung von 20 Prozent."

Diese eher unkonventionell erhobenen Daten werden von Marktforschungsinstituten bestätigt. Migros und Coop kontrollieren demnach zu gleichen Teilen etwa 80 Prozent des Lebensmittelmarkts in der Schweiz.

Genossenschaften als "gelebte Schweiz"

Im Unterschied zu Coop Schweiz, wo man sich zum Thema "Genossenschaften" nicht äußern möchte, stellt die Migros ihren Genossenschaftscharakter klar heraus. Der Migros-Genossenschaftsbund besteht aus zehn autonomen regionalen Genossenschaften, die den Kurs des Unternehmens bestimmen. "Wir leben in diesem Sinne eigentlich die Schweiz“, sagt Martin Schläpfer von der Direktion Wirtschaftspolitik der Migros. "Die Schweiz ist föderalistisch. Die Kantone haben mehr Kompetenzen als die Länder in Deutschland und unsere Genossenschaften betreuen den regionalen Markt."

Unter Eidgenossen

Coop und Migros stehen von ihrer Größe her an der Spitze einer breiten und lebendigen Genossenschaftsszene. Unter den mehr als 9000 eingetragenen Genossenschaften der Schweiz befinden sich zahlreiche Großunternehmen, die Milliarden umsetzen. Einzelhandel, Wohnungsbau, Versicherungen, Banken, Carsharing, Tourismus - Genossenschaften sind allgegenwärtig. Sie erwirtschaften etwa 18 Prozent des Bruttoinlandprodukts und stellen mehr als zehn Prozent aller Arbeitsplätze.

Die Genossenschaftsidee komme dem Demokratieverständnis der Schweizer entgegen, erklärt Hilmar Gernet, Direktor des Bereichs "Politik und Gesellschaft" der Genossenschaftsbank Raiffeisen Schweiz. Dafür spreche auch der amtliche Landesname: Schweizerische Eidgenossenschaft: "Diese Kombination vom Mythos Eidgenossenschaft kombiniert mit der Realität, dass es durch die direkte Demokratie politische Partizipation in kleinen Einheiten - in der Gemeinde und im Kanton - tatsächlich gibt, trägt wirklich dazu bei, dass hier eine genossenschaftliche Identität sehr ausgeprägt ist."

Konkurrenz von Aldi

Ein Coop-Laden in der Schweiz (Foto: cc-by-sa-Ch-info.ch)

Neue Konkurrenz: Coop und Migros reagieren auf Discounter

Genossenschaftlicher Zusammenhalt im Inneren und Abschottung nach außen: Diese Konstellation sicherte Coop und Migros ihre dominierende Stellung auch dann noch, als anderswo in Europa die großen Konsumgenossenschaften von der Bildfläche verschwanden. Relativ wenig Wettbewerb, hohe stabile Preise und eine überschaubare Produktauswahl - so sah der Einzelhandels-Markt in der Schweiz lange Zeit aus. Und dann kam Aldi. Als der deutsche Discounter sich Anfang des Jahrtausends anschickte, in die Schweiz zu expandieren, bewirkte schon allein die Ankündigung Erstaunliches: Migros und Coop senkten die Preise. Die Konsumenten waren erfreut, die Konkurrenten aber warnten vor einer Aufweichung schweizerischer Qualitätsstandards durch deutsche Billigware. "Aldisierung" wurde in der Schweiz zum "Wort des Jahres" 2005.

"Aldisierung" versus "Swissness"

Der entscheidende Unterschied zwischen Konsumgenossenschaften und Discountern bestehe aber nicht in der Preisgestaltung, meint Martin Schläpfer vom Migros Genossenschaftsbund, sondern im Umgang mit den Gewinnen. "Wir sind da eher wie der Mittelstand von der Philosophie her, dass wir sagen: 'Wir müssen Gewinn machen, ein Unternehmen, das keinen Gewinn macht, gerät in eine Schieflage'. Aber wir reinvestieren die Gewinne wieder ins Unternehmen und wir haben eine langfristige Orientierung."

Inzwischen haben sich deutsche Discounter im Land der Eidgenossen einen Marktanteil von etwa fünf Prozent erarbeitet. Angesichts des starken Schweizer Franken ist die Angst vor einer "Aldisierung" allerdings kein Thema mehr: Viele Schweizer erledigen ihre Großeinkäufe gleich direkt in Deutschland, um vom günstigen Euro-Wechselkurs und dem niedrigen Preisniveau beim Nachbarn im Norden zu profitieren. Aldi Schweiz übt sich unterdessen im Schulterschluss mit den Genossenschaften und wirbt offensiv mit seiner regionalen Verankerung und "Swissness".

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