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Geschichte

Konstanzer Konzil: Das Spiel der Mächtigen

Ränkespiele um die geistliche und weltliche Macht, Liebe, Mord und Verrat - das Konstanzer Konzil vor 600 Jahren hatte alle Zutaten für großes Theater. Die Welt staunt heute noch.

Der Titel war noch nicht erfunden. Doch mit den Geschehnissen und erst recht den weitreichenden Folgen des Konstanzer Konzils wäre das Bodenseestädtchen locker Kulturhauptstadt Europas geworden. Drei Päpste, eine gespaltene Christenheit, ein konfliktreiches Europa - da war viel zu regeln und noch mehr zu versöhnen. Papst Johannes XXIII. - nicht zu verwechseln mit dem kürzlich heiliggesprochenen Namensvetter - und König Sigismund hatten also allen Grund, weltliche und geistliche Herren zum Krisengipfel in Konstanz (5.11.1414-22.4.1418) zu versammeln. Warum hier? Die Sicherheit der Teilnehmer war garantiert, politisch wie militärisch. Gutes Essen lockte. Es bestand keine Pestgefahr. Die Bewohner der freien Reichsstadt mit Bischofssitz waren vertraut mit den Ritualen der Kirche. "Konstanz ersetzte vier Jahre lang Rom als Zentrum der Christenheit, Paris als Hort der Gelehrsamkeit und Prag als Ort der Reichsverwaltung" , schrieb Rüdiger Soldt im Mai treffend in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Landesausstellung zum Konstanzer Konzil. Foto Patrick Seeger, dpa

Einblick in die Landesausstellung zum Konstanzer Konzil

Wer heute zum Hafen des schmucken Bodenseestädchens hinunterschlendert, begegnet unweigerlich ihr: Die üppige Imperia steht auf hohem Sockel. Ihr Dekolleté und ein kaum geschlossener Umhang gewähren tiefe Einblicke. Auf ihren Händen trägt die Kurtisane einen weltlichen und einen geistlichen Herrscher, der eine mit Königskrone und Reichsapfel ausgestattet, der andere mit Papstkrone. Beide sind nackt: Die neun Meter hohe und 18 Tonnen schwere Statue des Bildhauers Peter Lenk erinnert augenzwinkernd an das Konzil von Konstanz. Die Frau durchschaut das Spiel der Mächtigen und nimmt es auf die Schippe.

Die Herren kamen mit Gefolge

Geschichtsfern war der Künstler nicht, und das Konzil alles andere als eine asketische Veranstaltung. Es herrschte großer Auftrieb: Bis zu 10.000 Gäste besetzten zeitgleich das beschauliche 6000-Einwohner-Städchen - Kardinäle, Patriarchen, Bischöfe, Äbte, Gelehrte und zahllose weltliche Herren - samt Gefolge. Selbst "Mohren" sollen gesehen worden sein, notiert der Konzils-Chronist Ulrich von Richental. Seine Aufzeichnungen gehören zu den wichtigsten Quellen jener Zeit.

Danach hat sich der durchschnittliche Teilnehmer täglich bis zu acht Liter Wein genehmigt. Das älteste Gewerbe der Welt florierte, mindestens 800 Prostituierte sorgten für wohlfeile Zerstreuung der rund 70.000 Konzilsgäste. Der einäugige Dichter und Sänger Oswald von Wolkenstein, einer der berühmtesten Konzilsteilnehmer, gab dem Treffen kulturellen Glanz. Das städtische Museum Rosgarten widmet dem Konzilsalltag dieser Tage eine eigene Ausstellung.

Das Gemälde zeigt den tschechischen Reformator Jan Hus vor dem Konstanzer Konzil

Verraten und verbrannt: Der tschechische Reformator Jan Hus vor dem Konstanzer Konzil.

Und was brachte das Konzil? Das Chaos in der Kirchenführung konnten die Teilnehmer in dreieinhalb Jahren beseitigen. Johannes XXIII. wird nach einer geheimnisvollen Flucht aus der Stadt als Papst abgesetzt und taucht heute in den kirchlichen Annalen als nicht zu zählender "Gegenpapst" auf. Gregor XII., der als legitimer Papst galt, trat freiwillig zurück. Nur Benedikt XIII. klebte an seinem Amt und konnte erst nach schwierigsten Verhandlungen abgesetzt werden. Der Weg zu Neuwahlen war frei.

Das abendländische Schisma beendet

Das Konklave fand im November 1417 im großen Kaufhaus von Konstanz statt. Das Gebäude am Bodenseeufer steht heute noch. Es heißt "Konzil" und dient als Veranstaltungsort auch für Konzerte und Hochzeitsfeiern. Damals einigten sich die 53 Papstwähler nach nur drei Tagen auf Oddo di Colonna. Er nannte sich Martin V., weil er am Martinstag gewählt wurde. Das große abendländische Schisma, das 1378 begonnen hatte, war nach vier Jahrzehnten beendet.

Galerie - Entlang des Rheins. Foto: Uwe Gerig, dpa

Konstanz heute: Stadtansicht aus der Höhe

Doch zur Wahrheit gehört auch: Um die von den Reformatoren verursachten Unruhen in den Griff zu bekommen, lud man den Prager Kirchenerneuerer Johannes Hus zum Konzil. Der Stammvater der tschechischen Hussiten predigte - ein Jahrhundert vor Martin Luther - ein Programm, das in eine ähnliche Richtung weist: Rückbesinnung auf die Bibel als alleinige Richtschnur des Glaubens und der Lebensgestaltung, radikale Ethik, Ablehnung einer überbordenden Heiligenverehrung. Obwohl König Sigismund ihm freies Geleit zugesichert hat, wird Hus verhaftet und am 6. Juli 1415 als Ketzer verbrannt. Das gleiche Schicksal ereilt kurz darauf Hieronymus von Prag. Die Böhmen protestieren. Es folgen zwei Jahrzehnte Hussitenkriege.

600 Jahre nach dem Konzil feiert Konstanz das größte Ereignis seiner Geschichte. Zum Festakt kam mit Bundestagspräsident Norbert Lammert der zweithöchste Amtsträger Deutschlands. Im Konzilsgebäude ist gerade eine große Landesausstellung mit historischen Kostbarkeiten zu Ende gegangen. Kulturfeste, wissenschaftliche Tagungen und Festspiele lassen die Ereignisse des 15. Jahrhunderts wieder lebendig werden, drei Jahre lang, und auch ohne Kulturhauptstadt-Titel.

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