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Ostmitteleuropa

Konservative oder Skeptiker?

- Die Haltung Studierender zu den politischen Parteien in Ungarn

Budapest, 13.5.2002, PESTER LLOYD, deutsch

Studierende und Lehrende verschiedener Universitäten, in Budapest wie in kleineren ungarischen Städten, stimmen überein, dass der Fidesz (Bund Junger Demokraten - MD) unter den Studenten derzeit wahrscheinlich die populärste Partei sei. Meinungsumfragen unterstützen die Vermutung. Doch an Mitgliedern steht die MSZP (Ungarische Sozialistische Partei - MD)-Jugend der Jungorganisationen des Fidesz nicht nach, und viele junge Menschen sind unentschieden.

Laut einer Umfrage von Szonda-Ipsos lag der Anteil derjenigen, die vor dem 7. April vorhatten, Fidesz zu wählen, bei den 18-24jährigen bei 38 und bei den 25-29jährigen bei 40 Prozent, gegenüber 26 bzw. 27 Prozent für MSZP. In einer anderen Umfrage erhielt der Fidesz in dieser Altersgruppe kürzlich 54 Prozent, verglichen mit nur knapp 30 für die MSZP. Andererseits geben die "Fiatal baloldalifjuszocialistak", die kürzlich fusionierten MSZP-nahen Jungorganisationen, ihre Gesamt-Mitgliederzahl mit etwa 16.000 an, gegenüber der ca.6.000 von Fidelitas, der Jungorganisationen des Fidesz. Über die Hochschulstudenten unter der Mitgliedschaft werden keine getrennten Statistiken geführt.

An der Uni spielt Politik keine große Rolle

Als Ort der politischen Sozialisation ist die Universität für Studenten nicht sehr wichtig, weniger bedeutend als die Familie und persönliche Netzwerke. Die ungarische Gesetzgebung lässt Jugendorganisationen der Parteien an den Universitäten nicht zu, und keine der parteinahen Jugendorganisation hat besondere Programme für Studierende.

Andrea Velich, die seit 15 Jahren an der Budapester Universität unterrichtet, meint, dass politische Diskussionen in Seminarräumen – verglichen mit den ersten Jahren nach der Wende – seltener geworden seien. Der anfängliche Enthusiasmus über die Meinungsfreiheit sei vorbei, und man wolle sich auf Konfrontationen mit den wenigen offen parteipolitisch agierenden Studenten nicht einlassen.

Auch Hochschullehrer können über die politischen Vorlieben ihrer Hörer nur spekulieren. Wie viele ihrer Studenten vermuten sie unterschiedliche politische Vorlieben an verschiedenen Fakultäten. Insbesondere Historiker, aber auch Juristen und Mediziner gelten als sehr konservativ. Ein Dozent der Geschichte an der ELTE (Ungarns älteste Universität - MD), selber liberal, nimmt an, dass bis zu 15 Prozent seiner Studenten Sympathien für die rechtsextreme MIEP hegen.

Andras Varga, Soziologe an der ELTE, meint jedoch, er habe unter seinen Studenten noch keine MIEP-Sympathisanten ausgemacht, und warnt davor, solche Verdächte zu ernst zu nehmen. Beobachter der politischen Szene neigten in Umfragen dazu, die Gegenseite, und insbesondere die extreme Rechte, zahlenmäßig zu überschätzen.

Trotzdem, auf die Frage, welche Partei unter Studierenden wohl die populärste sei, nennen fast alle Beobachter Fidesz. Zum Teil mag dieser Eindruck auf einer optischen Täuschung beruhen, die eher die Selbstsicherheit und Sichtbarkeit der Fidelitas-Anhänger als die Unterstützung für Fidesz unter der Masse der Studierenden wiederspiegelt.

Anerkennung für Fidesz

Es lassen sich jedoch auch andere Gründe für die Stärke des Fidesz identifizieren. Einerseits wird der Partei die Abschaffung der Studiengebühren und Einführung von finanzieller Unterstützung für Studenten positiv angerechnet. Zudem, so Laszlo Mathe, der am Institut für internationale Politik unterrichtet, sei Engagement bei Fidesz bzw. Fidelitas zu Karrierezwecken lohnend: Die Partei sei so neu, dass sie auch relativ neue Mitglieder für interne Funktionen und politische Ämter rekrutiere.

Der Erfolg des Fidesz hat auch viel mit Präsentation zu tun. Er wird als weltgewandt und europäisch wahrgenommen, im Gegensatz zur altbackenen MSZP. "Schau sie dir doch an", so ein Student auf die Frage, warum er nicht für die MSZP stimme. Schon das Auftreten ihrer Repräsentanten weise sie als gestrig aus.

Das Insistieren des Fidesz auf dem jungdynamischen Image hat einen ernsten politischen Hintergrund. Auch die Studenten in ihren Zwanzigern, die vor 1990 noch Kinder waren, rechnen der MSZP die bei ihr wahrgenommene Kontinuität mit der Regierungspartei des alten Regimes oft übel an.

Andererseits hat sich die MSZP-Jugend weit vom "alten" MSZP-Image entfernt. Die Führungsregie der Organisation besteht aus 22- bis 27jährigen, oft mit Erfahrungen im westlichen Ausland. Auch Istavan Tornay, Vorsitzender von Lift, der SZDSZ (Bund Freier Demokraten - MD)-nahen Jugendorganisation mit kaum 500 Mitgliedern, sagt, seine Partei müsse vor allem daran arbeiten, nicht länger als alt wahrgenommen zu werden.

Es gebe, so Benedek Varga, Historiker an der Budapester Universität der Reformierten Kirche, unter einem Teil der Studierenden eine echte, weltanschauliche Bewegung nach rechts. Junge Konservative verbänden hohe Erwartungen an Ungarns kommenden EU-Beitritt oft mit einem Nationalismus, der sich auf die Interpretation ungarischer Geschichte als einer Serie unverdienter Verluste und Niederlagen stützt. Der potentielle Widerspruch zwischen pro-europäischer und nationalistischer Haltung falle ihnen nicht auf.

Viele Studierende beobachten jedoch die letzte Phase des Wahlkampfes eher achselzuckend und nicht ohne Ironie. Skepsis und Distanz sind die am häufigsten ausgedrückten Haltungen, Bekenntnis zu einer politischen Ideologie die Ausnahme. Letztlich, so vermuten die meisten, bestimmten Interessen mehr als Weltanschauungen die Politik. Keine Partei kann sich darauf verlassen, die Studierenden an sich gebunden zu haben. (fp)

  • Datum 16.05.2002
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