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Deutschland

Konkurrenz für Wikileaks aus Deutschland?

Openleaks heißt die Plattform, Vorbild ist das Enthüllungsportal des Australiers Julian Assange. Initiator ist Daniel Domscheit-Berg, der bei Wikileaks ausgestiegen ist. Der Deutsche will manches anders machen.

Die Internetseite von Wikileaks, auf der vertrauliche Depeschen des US-Außenministeriums zu lesen sind. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa)

Wer dieser Tage den Namen Daniel Domscheid-Berg im Internet sucht, wird tausende Einträge finden. Immer wieder gibt es dabei den Hinweis, er sei im Streit beim Enthüllungsportal Wikileaks ausgestiegen. Domscheid-Berg vermeidet dieses Wort und spricht lieber von "Differenzen" über die Ausrichtung. Und bei aller Kritik am Personenkult um Wikileaks-Gründer Julian Assange betont sein ehemaliger Weggefährte die aus seiner Sicht bleibenden Verdienste.

Daniel Domscheit-Berg am Rednerpult im Dezember 2009 (Foto: Flickr)

Daniel Domscheit-Berg (Archivbild Dezember 2009)

Dazu zähle die Debatte darüber, was überhaupt geheim gehalten werden darf, sagte Domscheit-Berg in einem Interview mit der Deutschen Welle. "Was passiert eigentlich hinter den Kulissen, wenn man den Vorhang einmal richtig aufmacht?", fragt der 32-Jährige. Wikileaks habe diese Frage in die Wohnzimmer der ganzen Welt getragen. Domscheid-Berg stört sich allerdings an der Monopol-Stellung des Enthüllungsportals, für das er bis vergangenen September selbst gearbeitet hat. Mit der Gründung seiner eigenen Plattform unter dem Namen "Openleaks" wolle der Berliner mehr Quantität und Qualität in die Szene bringen, ohne sich von der ursprünglichen Idee zu verabschieden.

"Mehr Menschen mit Erfahrung beteiligen"

Er halte es für den richtigen Ansatz, möglichst viel zu publizieren und möglichst wenig zu filtern. Doch gebe es immer wieder Fälle, in denen man abwägen müsse, ob eine Veröffentlichung richtig sei, meint Domscheit-Berg. "Ich glaube, dass es wesentlich besser wäre, an diesem Prozess mehr Menschen mit Erfahrung zu beteiligen", betont der Ex-Wikileaks-Mann, der eigenen Angaben zufolge etwa zehn Mitstreiter hat.

Problematisch findet Domscheit-Berg die Art und Weise der scheibchenweise veröffentlichten Geheimdokumente aus den USA und anderen Ländern, mit denen Wikileaks seit Wochen weltweit Schlagzeilen liefert. Diese Dokumente entfalteten ihre Wirkkraft auch durch die exklusive Zusammenarbeit mit einflussreichen Medien wie dem "Spiegel" in Deutschland oder dem "Oberserver" in Großbritannien. Domscheid-Berg favorisiert für sein Portal ein anderes Modell: Menschen, die brisante Informationen anonym veröffentlichen möchten, sollen selbst entscheiden können, wie und durch wen das geschieht.

Brisantes Material im anonymen Briefkasten

Sein Portal sei lediglich ein Dienstleister, der die Informationen auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt überprüfe. Publiziert werden könnten sie durch klassische Medien, aber auch von Nichtregierungsorganisationen, nennt Domscheit-Berg einen Unterschied zu Wikileaks. Infrage kämen etwa Greenpeace oder Foodwatch - alle, die sich damit beschäftigen, "zum Beispiel die Industrie unabhängig zu kontrollieren". Auch bei den Gewerkschaften gebe es sicherlich Bedarf. Mit dem Projekt solle eine Grundlage dafür geschaffen werden, dass es in Zukunft mehr solcher Plattformen im Internet geben könne, sagt Domscheit-Berg.

Wichtigster Baustein des neuen Enthüllungsportals ist ein sogenannter anonymer Briefkasten. Er soll all jenen zur Verfügung stehen, die geheime Dokumente veröffentlichen wollen, ohne Gefahr zu laufen, enttarnt zu werden. Der klassische Weg sei bisher, brisante Informationen per Post an eine Redaktion zu schicken oder sich heimlich mit einem Journalisten zu treffen. Die Schwelle, so zu verfahren, sei aber oft sehr hoch, findet Domscheit-Berg. Man müsse Vertrauen haben zu jemandem, mit dem man Kontakt aufnimmt. Oder man schlafe eine Nacht darüber und überlege es sich anders, verliere vielleicht den Mut, mutmaßt Domscheit-Berg. Das Internet biete da ganz andere Chancen.

Openleaks hofft auf Spenden

Auch Openleaks verursacht Kosten. Dennoch glaubt der Gründer einen Weg gefunden zu haben, damit sich das Projekt finanziell selbst trägt. Domscheit-Berg und sein Team setzen unter anderem auf die Spenden-Freudigkeit der Netz-Community. "Wir hoffen, dass die Öffentlichkeit durch die Entwicklung bei Wikileaks versteht, warum es wichtig ist, ein solches Projekt zu dezentralisieren und dann auch zu unterstützen."

Für Medien und andere Organisationen, die Openleaks in Anspruch nehmen, sollen unterschiedliche Preis-Modelle gelten, sagt Domscheit-Berg zum Thema Nutzungskosten und bleibt damit eher im Vagen.

Im Internet werden die Chancen für Openleaks sehr unterschiedlich eingeschätzt. Skeptiker werfen Domscheid-Berg Naivität vor, weil er verkenne, dass Informationen schon immer auch eine Ware gewesen seien, für die sich Käufer fänden. Am Ende werde der die Informationen bekommen, der am meisten dafür bezahlt. Manche gehen sogar so weit, dem Wikileaks-Aussteiger das gleiche zu unterstellen, wie Julian Assange: Sich selbst wichtiger zu nehmen als die Sache.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Kay-Alexander Scholz