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Europa

Konken: "Kein 'Jetzt erst recht'"

Michael Konken, der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, warnt nach dem Anschlag in Paris sowohl vor einer Jetzt-erst-recht-Haltung als auch vor Selbstzensur.

Deutsche Welle: Ist der Terroranschlag in Paris ein Anschlag auf die Pressefreiheit?

Michael Konken: Natürlich ist das ein Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit, denn wenn man so gegen Berichte in den Medien vorgeht, dann wird das dazu führen, dass künftig auch die Presse- und Meinungsfreiheit darunter leidet. Das heißt, Journalisten könnten unter Umständen überlegen, welche Themen sie noch in die Öffentlichkeit bringen, damit sie nicht ähnlichen Anschlägen ausgesetzt sind.

Wissen Sie von Satiremagazinen oder anderen Medienunternehmen, die ihre Berichterstattung angepasst haben?

Angepasst noch nicht, und ich hoffe, dass sich Journalisten davon nicht beeinflussen lassen und dass sie weiter so berichten wie bisher, mit der Verantwortung und der Sorgfalt, die wir haben. Das darf nicht dazu führen, dass wir künftig bei bestimmten Themen eine Schranke im Kopf haben, unter der wir nicht durchgehen können, sondern wir müssen künftig auch Themen bringen, die auch Kritik auslösen.

Gibt es Empfehlungen, die Sie an Medienunternehmen geben, wie man mit solchen Themen umgehen sollte, also zum Beispiel: Jetzt erst recht?

Dieses "Jetzt erst recht" darf jetzt nicht kommen. Wir sollten wie bisher berichten. Wir haben, glaube ich, in der Vergangenheit uns auch immer ethisch damit auseinander gesetzt. Ich darf an die Vatileaks-Affäre erinnern, als der Papst in obszöner Weise auf dem "Titanic"-Magazin dargestellt wurde. Damit hat sich der Presserat beschäftigt. Es gab eine große Diskussion. Der Presserat hat das gerügt. Insofern haben wir darüber nachgedacht, wie weit wir in der Satire gehen können, denn gerade die Satire soll ja überspitzen, soll ja bestimmte Themen auch etwas provokativ in die Öffentlichkeit bringen damit wir darüber diskutieren. Insofern haben wir in der Vergangenheit immer Mittel und Wege gefunden, in der Berichterstattung selbstkontrollierend einzugreifen und so sollten wir weitermachen wie bisher - weder künftig intensiver darüber berichten noch zurückzufahren. Den Weg, den wir bisher gegangen sind, ich glaube, der war allgemein auch richtig.

Würden Sie denn sagen, das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" hatte das richtige Augenmaß?

Es liegt ja immer in der Verantwortung der Journalisten, die darüber berichten: Wie gehe ich mit meinen Berichten um? Wie geht die Redaktion damit um? Da hat man gewissen Prinzipien, gewissen Grenzen, die man auch beachtet. Natürlich war das Magazin auch in der Vergangenheit dafür bekannt, dass man immer wieder sehr provokativ in die Öffentlichkeit gegangen ist, dass es immer wieder auch Kritik gab gegen Berichte, grade was den Islam betraf. Man hat weiter gemacht. Man hat sich nicht einschüchtern lassen. Man kann sich natürlich damit auseinander setzen. Man muss natürlich auch darüber diskutieren. Aber es kann nicht sein, dass solche Berichte dann Mordanschläge nach sich ziehen. Das ist ein widerlicher Angriff auf die Pressefreiheit. Man kann alles andere machen. Man kann diskutieren. Man kann sich auch sehr kritisch damit auseinandersetzen. Aber dass man zu Waffen greift, um Journalisten mundtot zu machen, das ist mit Sicherheit etwas, was in keinem demokratischen Land der Welt - auch in anderen Ländern - gerechtfertigt werden kann.

Sie kennen die deutschen Satiremagazine - sei es die "Titanic" oder den "Postillon". Haben Sie das Gefühl, dass die besonders vorsichtig mit bestimmten Themen umgehen, oder sind die ähnlich offen wie das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo"?

Ich glaube, dass die deutschen Magazine vielleicht doch gewisse Grenzen nicht in dem Maß überschritten haben. "Postillon" oder "Titanic" sind ja immer wieder in der Kritik, wenn man grade auch bei religiösen Themen Karikaturen publiziert. Aber ich glaube, so weit wie das französische Magazin, sind die deutschen nicht gegangen.

Befürchten Sie weitere Anschläge - vielleicht auch in Deutschland?

Wir müssen natürlich alle gewarnt sein. Das ist, glaube ich, eine Folge aus diesem Anschlag. Insofern müssen wir auch überlegen, wie wir künftig Journalisten besser schützen können. Wir kennen das ja auch schon aus der rechten Szene. Bei Recherchen im rechten Bereich wissen wir, dass wir mit Decknamen arbeiten. Wir wissen auch, dass dort Journalisten anders arbeiten müssen und geschützt werden müssen. Ich hoffe es nicht, weil das einen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit darstellen würde und in einer Demokratie ist das ein Grundbestandteil, um einen demokratischen Staat zu formen. Insofern mag ich darüber noch überhaupt nicht nachdenken, aber das Thema wird uns in Zukunft beschäftigen.

Können Sie sagen, ob die Gefahr von Selbstzensur in Deutschland größer oder kleiner ist als in anderen europäischen Ländern?

Die Selbstzensur sehe ich in Deutschland nicht. Ich glaube, wir haben aus den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte gelernt, mit der Presse- und Meinungsfreiheit offen umzugehen. Wir haben uns auch nicht durch Politik und andere einschüchtern lassen. Insofern glaube ich, dass wir so auch in Zukunft weitergehen werden. Natürlich ist das in allen totalitären Staaten viel schlimmer, wo auch von außen Druck gemacht wird, wo Journalisten gar nicht in der Lage sind zu berichten. Und wenn ich an Europa denke und an Ungarn denke, dann weiß ich, dass es da keine Presse- und Meinungsfreiheit gibt - und das in einem europäischen Land. Also insofern ist Presse- und Meinungsfreiheit immer wieder ein Thema - und immer wieder ein Thema, wie man damit umgeht und wie Grenzen überschritten werden und wie Journalisten damit umgehen.

Das Interview führte Marco Müller.

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