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Afrika

Kongo und der Mordfall Lumumba

Es ist ein Verbrechen, das Afrika bis heute beschäftigt: Vor 55 Jahren wurde Patrice Lumumba ermordet, mit Hilfe von US-Geheimdienst und belgischer Regierung. Er war der erste Premierminister des unabhängigen Kongo.

Eines der letzten Fotos von Lumumba. Das Bild entstand nach seiner Verhaftung im Dezember 1960 (Foto: AP Photo/Horst Faas)

Eines der letzten Fotos von Lumumba, das Bild entstand nach seiner Verhaftung im Dezember 1960

Übergroß steht er da, mit Anzug und der für ihn typischen Brille, eine Hand zum Gruß in den Himmel gestreckt: An der Statue von Patrice Lumumba kommt jeder in der Hauptstadt Kinshasa früher oder später einmal vorbei. Mahnend steht sie am Boulevard, der zum Flughafen führt. Lumumba war Premier der ersten frei gewählten Regierung des Kongo, von Juni bis September 1960. Doch bekannt gemacht hat ihn weniger seine Politik - als sein Tod. Der gilt nach wie vor als eines der großen ungesühnten Verbrechen des post-kolonialen Afrika.

Der Unbequeme

Schon der 30. Juni 1960 ist vielleicht der Beginn vom Ende des jungen Regierungschefs. Es ist der Tag, an dem der belgische König den Kongo in die Unabhängigkeit entlässt. Offen prangert Patrice Lumumba auf den offiziellen Feierlichkeiten die rassistischen Praktiken der Kolonialherren an. Kongolesen, bei der Zeremonie oder zuhause vor dem Radio, jubeln. Der belgische König und ausländische Diplomaten sind entsetzt.

Auch die politischen Ziele des jungen Politikers passen so gar nicht in die Pläne der westlichen Mächte: Lumumba will, dass sich der Kongo emanzipiert, von den Ketten der Kolonialsierung befreit. Er will das riesige Land mit den vielen ethnischen Gruppen vereinen und die begehrten Rohstoffe nicht an ausländische Firmen abtreten. Vor allem Belgien und die USA sehen ihren Einfluss in Gefahr. "Deshalb haben sie entschieden, die neue Regierung und schließlich auch Lumumba selbst loszuwerden", sagt Ludo de Witte. Der belgische Soziologe beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Kongo und hat in seinem Buch "Regierungsauftrag Mord" Lumumbas Entmachtung minutiös rekonstruiert.

Martyrium und Mord

Die junge Republik stürzt schnell ins Chaos: Die kongolesische Armee revoltiert gegen die belgischen Offiziere, die ihr noch immer vorstehen. Belgien greift militärisch ein und verhilft der

rohstoffreichen Provinz Katanga

im Süden zur Abspaltung vom Rest des Landes. Rasch entwickelt sich ein Bürgerkrieg, in dem Lumumba eigene Truppen in Katanga und auch in der Rohstoff-Provinz Kasai einsetzt. Er ruft UN-Truppen zu Hilfe und bittet auch die Sowjetunion um Unterstützung. Mitten im Kalten Krieg sehen die USA den Kongo bereits ins kommunistische Lager abdriften. Sie befürchten, dass sich Moskau den Einfluss auf das riesige Land und damit auf den ganzen Kontinent sichern könnte. Schnell haben Belgier und Amerikaner einen Mann im Blick, dem sie vertrauen: Armeechef Joseph-Désiré Mobutu, ein früherer Freund und Vertrauter Lumumbas - und der spätere Diktator, der den Kongo ab 1965 über 30 Jahre lang mit harter Hand regieren wird.

Kupfermine Kongo (Foto: Gwenn Dubourthoumieu/AFP/Getty Images)

Eine Kupfermine in der rohstoffreichen Region Katanga

Im September wird Lumbumba vom kongolesischen Präsidenten als Premierminister abgesetzt. Im November flieht er aus seinem Hausarrest, doch Mobutus Truppen nehmen ihn fest - er wird brutal zusammengeschlagen und gefoltert. "Lumumba war beim Volk beliebt, seine Anhänger wollten ihn befreien", sagt Ludo de Witte. "Das wäre für Belgien und die USA ein Desaster gewesen. Deshalb brachten sie ihn in den einzigen Teil des Landes, der fest in der Hand des Westens war: in die Katanga-Provinz unter Kontrolle des belgischen Militärs". Dort wird er am 17. Januar 1961 erschossen, von einem Tötungskommando, das die belgischen Offiziere organisiert hatten. Offiziell heißt es damals, Lumumba sei geflohen und später von aufgebrachten Dorfbewohnern ermordet worden.

Keine Wiedergutmachung

Die Öffentlichkeit erfährt erst viel später von der Rolle der Westmächte und von den grausigen Einzelheiten. Ludo de Wittes Buch führt dazu, dass Belgien 2000 einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einsetzt, der den Fall Lumumba aufarbeiten soll. 2002 entschuldigt sich der damalige belgische Außenminister Louis Michel bei den Angehörigen und der kongolesischen Bevölkerung für die Rolle der Brüsseler Amtsträger bei der Ermordung.

Wirklich aufgearbeitet sei der Fall damit nicht, kritisiert Ludo de Witte: "Die Kommission hat zwar festgelegt, dass Belgien eine moralische Verantwortung trägt, aber das ist sehr vage und bewegt sich irgendwo zwischen totaler Leugnung und dem Bekenntnis zur ganzen Wahrheit." Brüssel wolle diplomatisch weiterhin eine wichtige Rolle in Zentralafrika spielen, erklärt de Witte. "Hätte Belgien die volle Verantwortung übernommen, wäre das nur noch sehr eingeschränkt möglich." Die Vorschläge des Untersuchungsausschusses wie die Einrichtung eines Fonds im Namen Lumumbas zur Förderung der Demokratie im Kongo seien bislang nicht umgesetzt worden, kritisiert de Witte. Nie wurde jemand wegen des Mordes bestraft.

Lumumba Statue Patrice Lumumba Kinshasa (Foto: Junior D. Kannah/AFP/Getty Images)

"Nationalheld" steht auf dem Sockel der Lumumba-Statue am gleichnamigen Boulevard in Kinshasa

Kongos "Che Guevara"?

Der Fall lässt den Kongo bis heute nicht los. Schließlich machte Lumumbas Tod die Bahn frei für Diktator Mobutu. "Mit den Folgen seines Regimes hat das Land heute noch zu kämpfen, es liegt immer noch am Boden", sagt de Witte. Die britische Journalistin Michela Wrong sieht das ähnlich. Sie hat lange im Kongo und anderen afrikanischen Staaten gelebt und ein Buch über Mobutu geschrieben. "Der Mord an Lumumba hat tiefe Wunden hinterlassen", sagt sie. "Was mit Lumumba passiert ist, hatte Auswirkungen auf den ganzen Kontinent. Die Leute dachten: Das passiert also, wenn man sich gegen den Westen stellt, so halten sie uns zum Narren." Gleichzeitig vermittle der Mord den Menschen bis heute das Gefühl, die Geschicke ihrer Länder nicht selbst in den Händen zu halten. Das sei "ein sehr negatives und schädliches Erbe", so Wrong.

Dass sich Lumumba den USA und der ehemaligen Kolonialmacht Belgien entgegengestellte und vehement für die Interessen seines Landes eintrat, bringt ihm bisweilen den Ruf eines Volkshelden ein, eines "Che Guevara" des Kongo. Journalistin Michela Wrong hält dieses Bild zumindest teilweise für übertrieben. "Dass er so jung gestorben ist, hat zu viel Verklärung und Wunschdenken geführt", sagt sie. "Nach seinem Tod wurde er zum Helden. Aber man muss sich fragen, ob das auch passiert wäre, wenn er dieses riesige Land mit all seinen Problemen länger regiert hätte."

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