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Afrika

Kongo: Gefährliches Gas im Kivusee

Im Kivusee in der Demokratischen Republik Kongo lauert eine tödliche Gefahr. Kohlendioxid steigt aus der Tiefe auf. Entweicht das Gas, könnten Millionen Menschen ersticken. Ingenieure versuchen das zu verhindern.

Kazana Ragi bangt um sein Dorf Nzulo. Der Fischer und Motorradtaxi-Fahrer lebt am Golf von Kabuno, im Nordwesten des Kivusees. Das Wasser ist dort viel seichter als im übrigen See, daher ist die Gefahr, dass Kohlendioxid (CO2) austritt, hier deutlich größer als an den tieferen Stellen. Das Gas aus der Tiefe ist den Menschen am Golf von Kabuno schon gefährlich nahe gekommen. 2008 lagerte es 25 Meter unter der Wasseroberfläche, jetzt sind es nur noch zwölf - sagen das Ministerium für Energie und Wasser und das vulkanologische Observatorium in der nahegelegenen Millionenstadt Goma.

Fischer Ragi glaubt, dass das Gas jetzt schon Unheil anrichtet: "Wenn man das Fischernetz ins Wasser lässt, zieht das Gas es weg. Und wenn man in den See geht, wird die Haut weiß. Das macht mir Angst", sagt der 28-Jährige.

Kazana Ragi aus der Demokratischen Republik Kongo lebt am Kivusee und macht sich Sorgen wegen des Kohlendioxids, das aus dem See austreten könnte (Foto: J.Raupp/DW)

Kazana Ragi arbeitet als Fischer und Motorradtaxi-Fahrer

Wissenschaftlich bestätigt wurden solche Beobachtungen bislang nicht. Doch die Anwohner fürchten sich vor dem Kohlendioxid. Passiert etwas, was sie sich nicht erklären können, heißt es schnell: Das Gas ist schuld. Thomas d'Acquin Muhiti, Präsident der Bürgervereinigung der Provinz Nord-Kivu, versteht die Panik seiner Landsleute. Das Kohlendioxid sei sehr gefährlich: "In kurzer Zeit kann es hochkommen und explodieren", sagt der Bürgerrechtler.

CO2 ist für den Menschen eigentlich ungiftig, aber in großen Konzentrationen behindert es die Sauerstoffaufnahme und kann schon in kurzer Zeit zum Tod führen. Eine CO2-Blase würde neben den Dörfern am Golf von Kabuno auch die Millionenstadt Goma und Kasernen der Friedenstruppe der Vereinten Nationen erreichen, die im Rahmen der Mission Monusco im Ostkongo stationiert ist.

Menschen sitzen am Ufer des Kivusees in der Demokratischen Republik Kongo (Foto: J. Raupp/DW)

Im Dorf Nzulu am Ufer des Kivusees

Ein Millionen-Projekt soll das Gas vom Wasser trennen

Die Regierung der Provinz Nord-Kivu beteuert, dass keine unmittelbare Gefahr bestehe. Aber man müsse die Menschen vorbeugend schützen, sagt Anselme Kitakya, Minister für Energie und Wasser in Goma. Die französische Firma Limnological Engineering ist nun beauftragt, das Kohlendioxid mit Hilfe einer neuen Technologie aus dem Golf von Kabuno zu entfernen. Drei Millionen US-Dollar investiert die kongolesische Regierung aus Kinshasa in das Projekt.

Ingenieure haben bereits zwei Kilometer vom Ufer entfernt eine Plattform im Wasser installiert. Von dort reicht ein Rohr bis zu der Tiefe, in der die höchste Konzentration des Kohlendioxids lagert. Mit einem speziellen Instrument, dem Gaslift, ziehe man das Wasser nach oben, erklärt Pierre Lebrun, Projektleiter bei Limnological Engineering. Das Gas werde vom Wasser getrennt, sagt Lebrun. "Das Wasser pumpen wir zurück, das CO2 verflüchtigt sich in der Luft."

Menschen am Kivusee steigen in ein Boot. Am Golf von Kabuno in der Demokratischen Republik kongo haben viele Angst vor dem Kohlendioxid im Wasser (Foto: Judith Raupp/DW)

Viele Menschen am Golf von Kabuno haben Angst vor dem Kohlendioxid

Vulkane bringen das Gas in den See

Erste Tests hätten gezeigt, dass die Technik funktioniert, versichert der Manager. Im Juni soll die Pilotanlage dauerhaft in Betrieb gehen. Nach einem Jahr sollen dann - wenn alles wie vorhergesehen klappt - drei weitere Anlagen den Golf von Kabuno vom Kohlendioxid befreien. Die Rohre müssen langfristig im See bleiben. Denn die beiden aktiven Vulkane

Nyiragongo

und Nyamulagira speisen über unterirdische Quellen stetig neues Kohlendioxid in den Kivusee.

Neben Kohlendioxid lagert ein weiteres Gas im Kivusee: Methan. Das wird am anderen Ufer des Sees, in Ruanda, bereits gefördert um Strom zu gewinnen. Langfristig planen Ruanda und der Kongo den Bau einer gemeinsamen Methanförderstation. Damit könnte auch die Gefahr gesenkt werden, dass Kohlendioxid austritt. Denn wenn der Druck auf die beiden Gase in der Tiefe steigt, bahnt sich zunächst das Methan den Weg nach oben - und öffnet so die Schleuse für das Kohlendioxid.

Im flacheren Golf von Kabuno gibt es aber so gut wie kein Methan; hier geht es darum, das Kohlendioxid im See zu verringern. Die Ingenieure müssen dabei behutsam vorgehen: Sie dürfen nicht zu viel Kohlendioxid auf einmal in die Luft entlassen, das würde Menschen, Tiere und die Umwelt gefährden. Denn CO2 ist ein Treibhausgas, das zur Klimaerwärmung beiträgt. Aus diesem Grund will die Regierung 360 Hektar Land mit 560000 Eukalyptusbäumen bepflanzen. "Aufforsten ist Teil des Projekts am Golf von Kabuno", sagt Minister Kitakya. Allerdings werden die Bäume nicht alles Gas schlucken können, zumal sie anfangs noch klein sind.

Zwei Männer gehen mit Messgeräten am Ufer des Kivusees in der Demokratischen Republik Kongo entlang (Foto: Judith Raupp/DW)

Geochemiker Mathieu Yalire (links) misst mit seinem Kollegen Abel Minani die CO2-Konzentration am Ufer des Kivusees

Wissenschaftler überwachen die Technik

Fingerspitzengefühl ist auch beim Rückfluss des vom Gas gereinigten Wassers aus der Tiefe gefragt. Es wird wieder in den See gepumpt, darf sich aber nicht mit dem Oberwasser mischen. Die chemische Beschaffenheit der Wasserschichten im Kivusee ist unterschiedlich. Stoffe aus der Tiefe würden die Fische in der Biozone an der Oberfläche töten.

Wissenschaftler des vulkanologischen Observatorium in der Provinzhauptstadt Goma begleiten deshalb die Arbeit der Ingenieure. "Es wäre eine Katastrophe, wenn das Restwasser in die Biozone geraten würde. Das würde das Ökosystem zerstören. Die Fische und andere Tiere könnten nicht mehr existieren", erklärt Mathieu Yalire, Chef der geochemischen Abteilung. Das hätte bittere Konsequenzen für die Menschen am Golf von Kabuno. Sie leben schließlich von den Fischen aus ihrem See.

Fischer Ragi sieht dieses Risiko im Moment gelassen. Er hat nur einen Wunsch: Das gefährliche Gas soll aus dem See verschwinden.

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