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Welt

Konfliktreich - Ölförderung im Tschad

Am 11. August 1960 entließ Frankreich die frühere Kolonie Tschad in die Unabhängigkeit. Doch trotz Ölreichtums gehört der Tschad bis heute zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt.

Blick auf einen Ölbohrtum im Kome-Becken, im Süden des Tschad (Foto: DW)

Ölbohrtum im Kome-Becken, im Süden des Tschad

Eine geteerte Straße führt von der Hauptstadt N’Djamena ins Ölgebiet. Es liegt knapp 700 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Hier im Süden des Tschads fließt das Öl seit 2003. Es sollte der Armut im Land ein für alle Mal ein Ende setzen. Per Gesetz legte die Regierung fest, dass 80 Prozent der Einnahmen aus dem Ölverkauf in die Armutsbekämpfung fließen sollten. 2000 gab die Weltbank schließlich grünes Licht, ein internationales Konsortium unter der Führung des US-amerikanischen Ölkonzerns ExxonMobil begann mit der Förderung. Eine über tausend Kilometer lange Pipeline wurde von Doba im Tschad bis Kribi an der Atlantikküste gebaut, um das Öl zu exportieren.

Fassade des aus den Öleinnahmen renovierten Gesundheitszentrum in Miandoum (Foto: DW)

Renoviert aber ohne Strom und Wasser: Gesundheitszentrum in Miandoum

Doch entlang der Straße ins Ölgebiet wird deutlich, dass die meisten Menschen immer noch bitterarm sind. In dieser Region existieren zwei Welten nebeneinander. Die eine: Hochspannungsleitungen, eingezäunte Ölanlagen, Wachdienste von Esso Tschad, der Förderfirma vor Ort. Die andere: Dörfer ohne Strom und Wasser.

Krankenhäuser ohne Strom, Schulen in Strohhütten

In Miandoum, mitten im Ölgebiet, hat Esso zwar die Renovierung des örtlichen Gesundheitszentrums finanziert. Gleichzeitig muss das Gebäude ohne Strom und Wasser auskommen. Kaum besser sieht es in den Schulen aus: In Miandoum findet der Unterricht in Strohhütten statt. Dabei sollten von dem Ölgeld auch Schulgebäude gebaut werden. "Es kommen immer wieder ESSO-Interessensverbände und auch Entwicklungsorganisationen hierher", erzählt Schulleiterin Christine Ndeindounga. "Die reden und reden, aber wenn sie wieder gehen, hat sich nichts geändert. Mittlerweile sind wir entmutigt."

Eigentlich sollen jährlich fünf Prozent der Einnahmen aus dem Ölgeschäft dem Produktionsgebiet zugute kommen. Die Provinzhauptstadt Doba strotzt vor neuen Gebäuden: ein neuer Markt wurde gebaut, am Rande der Stadt entsteht eine Universität. "Die Ergebnisse der Ölförderung kann man überall in der Region sehen", hält Ganda Mayoumba, der Gouverneur von Doba, Kritikern entgegen . "Der Lebensstandard der Bevölkerung steigt langsam an. Es muss jedoch noch viel getan werden", sagt Mayoumba. Seine Überzeugung: Der Straßenbau werde in zwei bis drei Jahren abgeschlossen sein. Und bereits zwei Drittel der Schulen seien aus festen Baustoffen errichtet worden. Mangels Personal stehen aber viele Gebäude leer.

Spielende Kinder in Miandoum (Foto: DW)

Geldsegen mit negativen Folgen - auch für die Kinder

Entschädigungen mit schlimmen Folgen

Riesige Mangobäume säumen die Straße zwischen Miandoum und Doba. Doch viele andere Bäume mussten wegen der Ölförderung abgeholzt werden. Immerhin erhielten die Mango-Bauern dafür höhere Entschädigungen, als Esso ursprünglich vorgesehen hatte. Statt umgerechnet fünf Euro bekam jeder Bauer pro gefälltem Baum rund 838 Euro. Gemeinsam mit Menschenrechtsgruppen aus Deutschland und den USA setzten Organisationen aus dem Tschad die Entschädigungen durch.

Doch der Geldregen hat längst nicht nur positive Folgen. Bauern, die vorher niemals größere Geldsummen in den Händen hatten, verschwendeten nun reihenweise das Bargeld für Alkohol. Konflikte innerhalb der Familien sind sprunghaft angestiegen. Der tschadische Ethnologe Hoinathy Remadji stellt eine starke Veränderung im Verhalten der Menschen fest. Ehescheidungen seien häufiger geworden: "Sobald das Land Geld einbringen kann, weil Esso es womöglich übernimmt, streitet sich die Familie über die Entschädigungszahlung", sagt er.

Alte Konflikte brechen auf Je mehr Land die Bürger an die Ölfirmen verlieren, desto schlimmer werden auch die traditionellen Konflikte zwischen Bauern und Viehzüchtern. Je mehr Öl gefördert wird, desto mehr schrumpfen im Gegenzug die landwirtschaftlichen Flächen. Gleichzeitig treibt eine Dürre viele Viehzüchter aus dem Norden des Landes in den Süden. Somit steigt die Zahl der Menschen, die um die Ackerflächen konkurrieren. Hinzu kommt, dass zahlreiche Rinderherden, die rund um die Ölgebiete nach Gras suchen, Eigentum einflussreicher Politiker und Geschäftsleute sind. Die schrecken vor Gewalt nicht zurück, um sich gegen die Bauern durchzusetzen. Die traditionelle Konfliktschlichtung greift nicht mehr.

Die Zivilgesellschaft im Tschad ist engagiert, aber kann an der Lage wenig ändern. Lokale Menschenrechtsgruppen sind zu schwach, um mehr Transparenz bei der Verwendung der Öl-Einnahmen durchzusetzen. Denn Präsident Idriss Deby regiert das Land autoritär, die Regierung duldet wenig Widerspruch. Auf dem Papier kontrolliert eine unabhängige Kommission die Verwendung der Öl-Einnahmen. Dazu gehören unter anderem Vertreter von Gewerkschaften, religiösen Gemeinschaften und der Zivilgesellschaft. Doch in der Praxis hat die Kommission nur sehr begrenzte Kontrollmöglichkeiten.

Schulklasse in der Schule im Kome-Becken im Süden des Tschad (Foto: DW)

Unterricht in Strohhütten

EU will mehr Transparenz

Die Europäische Union hofft, dass sie durch gezielte Projekte die Regierungsführung im Tschad verbessern kann. Mehr Demokratie und Transparenz sind für sie die wichtigsten Ziele. Auch der EU-Vertreter im Tschad, Gilles Desesquelle, glaubt, dass der Ölreichtum nicht wirklich zum Wohl der Menschen genutzt wird: "Die Verwendung der Öleinnahmen muss viel transparenter werden. Überhaupt müssen die öffentlichen Gelder besser verwaltet werden." Doch das klingt nach frommen Wünschen. Denn die Regierung hat das Gesetz über die Verwendung der Öl-Einnahmen längst geändert. Jetzt dürfen auch für Sicherheit und Verteidigung Ölgelder eingesetzt werden. Die Weltbank zog sich 2008 aus dem Öl-Projekt zurück. Die tschadische Regierung nutzte die neue Freiheit sofort: Sie kaufte erst einmal Waffen für die eigene Armee.

Autorin: Marie-Ange de Pioerron

Redaktion: Stephanie Gebert