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Wirtschaft

Kompromiss mit Kröten

Der monatelange Tarifkonflikt in der deutschen Metallindustrie steht mit dem Pilotabschluss im Südwesten Deutschlands vor der Lösung. Rolf Wenkel kommentiert.

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Überraschend schnell haben sich beide Seiten in Deutschlands größtem Tarifgebiet der Metall- und Elektroindustrie auf diesen Kompromiss geeinigt, wenn man bedenkt, dass dieser Einigung monatelange Verhandlungen und anderthalb Wochen Streik vorausgegangen waren. Während sich die Medienvertreter wieder einmal auf eine lange Nacht vor dem Tagungshotel in Böblingen einrichteten, traten die Vertreter beider Seiten schon kurz nach 19:00 Uhr vor die Mikrofone, also zur besten Nachrichtenzeit.

Allerdings war der Einigungsdruck auf beiden Seiten auch sehr hoch. Die Arbeitgeber haben gespürt, dass die neue Streiktaktik der IG Metall, möglichst viele Betriebe immer nur kurzzeitig lahm zu legen, nicht nur zu Produktionsausfällen führt, sondern auch ihre sorgfältig aufgebauten Logistik-Ketten empfindlich stört. Und sie haben gemerkt, dass diese Flexi-Streiks jederzeit steigerungsfähig sind.

So hat die IG Metall, die ja für den Lohnausfall ihrer streikenden Mitglieder eintreten muss, bei gleichzeitiger Schonung ihrer Streikkassen ein Maximum an Wirkung erzielt.

Auf der anderen Seite hat die IG-Metall-Spitze wohl auch ein politisches Signal aus dem Berliner Kanzleramt bekommen. Mehr und mehr kam sie nämlich in den Ruf, die Konjunktur und den Kanzler wegzustreiken, und das, obwohl Gewerkschaften eigentlich ein traditionell gutes Verhältnis zu sozialdemokratischen Regierungen haben.

Gerhard Schröder jedenfalls, der den Abschluss ausdrücklich lobt, räumt gleichzeitig ein, er habe darauf hin gewirkt, dass sich beide Seiten möglichst schnell wieder an den Verhandlungstisch setzen. Kein Wunder, möchte man hinzu fügen, denn bis zur Bundestagswahl am 22. September ist es nicht mehr lang hin.

Kompromisse erzielt man nur, wenn beide Seiten bereit sind, Kröten zu schlucken, sie kommen nur zustande, wenn beide Seiten die Möglichkeit haben, ihr Gesicht zu wahren und das Ergebnis ihrer eigenen Klientel als Erfolg zu verkaufen. Die IG Metall hat es da relativ leicht: Sie kann eine vier vor dem Komma vorweisen, hat mithin mehr erreicht als die Tarifpartner in der chemischen Industrie.

Allerdings musste sie dafür eine bittere Kröte schlucken: Die lange Laufzeit von 22 Monaten wollte sie eigentlich unbedingt vermeiden. Sie verpflichtet nämlich die Gewerkschaft, Frieden zu halten, selbst wenn die Konjunktur nach zwölf Monaten überraschend deutlich steigen und bei den Arbeitnehmern neue Begehrlichkeiten wecken sollte.

Auch die Arbeitgeber haben Kröten schlucken müssen. Eine vier vor dem Komma mag für die großen Konzerne, zum Beispiel für die Automobilindustrie, durchaus verkraftbar sein. Denn Industrieroboter bekommen keine Lohnerhöhung, sprich: bei einem Personalkostenanteil von 50 Prozent reduziert sich die vier auf eine zwei.

Die Rechnung ist allerdings ohne die Mehrzahl der kleinen und mittelständischen Betriebe gemacht, bei denen die Personalkostenanteile sehr viel höher sind und Lohnerhöhungen in der Regel voll auf die Kalkulation durchschlagen. Für sie ist die Kröte besonders bitter, und das Argument ihrer Verhandlungsfüherer, mit 22 Monaten Laufzeit habe man wenigstens einen langen Zeitraum der Planungssicherheit herausgeschlagen, wird in ihren Augen die Nachteile kaum aufwiegen.